Was darauf folgte, wissen Sie. — Die Anstalten zu meiner Abreise waren bald getroffen, und endlich erschien auch der Tag, der mich meiner neuen Bestimmung entgegen führte. Eine dunkle Ahndung des Kummers, der auf mich wartete, kämpfte mit den Freuden des Wiedersehns, die ich schon in Gedanken genoß, und mischte doppelte Bitterkeit in den Becher des Scheidens. Fest an die Brust meiner weinenden Mutter gedrückt, versprach ich, ihren Lehren zu folgen, und den Grundsätzen treu zu bleiben, die meine verewigte Wohlthäterin mir eingeprägt hatte, und die bisher der Stolz und das Glück meines einfachen Lebens gewesen waren. Der Ernst und die kindliche Zärtlichkeit mit der ich ihr gelobte, nie ihre Warnungen zu vergessen, besänftigte den mütterlichen Schmerz, und lieh der Trennung eine mildere Gestalt als vorher. Voll Vertrauen auf den Schutz der Vorsicht, der sie mich übergab, und auf meine eigne Festigkeit ließ sie mich aus ihren Armen — ach! um mich unglücklich wieder zu sehn. —
Wie in Gewittertagen die Sonne oft durch finstere Wolken strahlt — oft sich wieder hinter sie verbirgt, so wechselten süße und traurige Empfindungen in mir auf der kurzen Reise, die mich dem Nachdenken einsam überließ. Der Abschied war überwunden — in der Ferne winkte mir tröstend das Bild meines Geliebten — und dennoch flossen meine Thränen. Ach die Ungewißheit, in deren Dunkel meine Zukunft schwamm, war nicht gemacht, sie zu trocknen oder zu stillen. — Bange Sorgen, denen ich keinen Namen zu geben wußte, drückten mit Centnerlast mein Herz, das sich bald den schwermüthigsten Zweifeln, bald den fröhlichsten Hoffnungen hingab. Und in dieser Stimmung, die die Vorbedeutung meines Schicksals war, langte ich in Spillingen an.
Lorenz half mir aus dem Wagen. Seine Freude, seine Liebkosungen verbannten bald die zagende Unruh meiner Brust, und der erste Augenblick, den ich ungestört in seinen Armen verlebte, söhnte mich aus mit dem Schritt, den ich gethan hatte, um seinetwillen meine stille sichere Heimath zu verlassen.
Ich trat meinen Dienst nun an. Die ersten Wochen ließen mir nichts zu wünschen übrig, und spotteten der Furcht, mit der ich hergekommen war. Der Kammerherr behandelte mich mit Güte und Herablassung, aber bei aller seiner Freundlichkeit doch so offen, daß auch das besorgteste Mißtrauen keine Ursach zum Argwohn gefunden hätte. Seine Gemahlin betrug sich gegen mich nicht wie eine Gebieterin, sondern wie eine gütige Freundin. Ihr ganzes Wesen war eine Mischung von Unbesonnenheit und Leichtsinn, aber ihre angebohrne Liebenswürdigkeit lieh ihren Fehlern eine so gefällige, einschmeichelnde Aussenseite, daß man sie nur nach einer langen, genauern Bekanntschaft verachten konnte. Sie hatte kein Herz, sie liebte nichts — nur das Vergnügen war ihr Abgott. Sie konnte weinen und in Ohnmacht fallen, wenn ein Falke vor ihren Augen eine Taube zerriß, aber kalt und fühllos wandte sie sich von den Leiden ihrer Nebengeschöpfe ab, und wenn sie half, so geschah es mit Geld, nicht aus Mitgefühl, sondern weil der Anblick des Elends ihr zuwider war. Jene feinern Wohlthaten, die Theilnahme, Trost und guter Rath dem Unglücklichen sind, waren ihr fremd. Sie wußte nicht, daß sie den Werth der kleinsten Gabe damit unendlich erhöhen könnte, oder, wenn sie es auch wußte, so war ihr Charakter zu diesen Tugenden nicht fähig. Und dennoch vermochte diese Frau Anfangs, ehe ich sie näher kennen lernte, durch ihre reizende Freundlichkeit, die ich für Güte hielt, mein argloses Herz an sich zu ziehen, denn es hing zu fest an den süßen Glauben an allgemeinen Edelmuth, als daß ich ihn so leicht auf eine bloße Warnung hätte aufgeben können — und käme sie selbst aus dem Munde meines Lorenz.
Lorenz that diesen Menschen Unrecht, sagt' ich oft zu mir selbst. Auch die heftigste Tadelsucht kann an der Art, wie sie mit mir umgehn, nichts strafbares entdecken. Seine Liebe machte ihn besorgt, und gab seinen Schilderungen die schwarze Farbe der Gefahr, indeß die Wirklichkeit mir nur den Glanz der Freude zeigt. — Ich hatte Gelegenheit, ihn täglich einigemahl zu sprechen. Süße, unvergeßliche Stunden der vertraulichsten Liebe schwanden mir an seiner Seite dahin. — Einst sagt' ich ihm meine Meinung über seine ungegründete Furcht. Gott gebe, daß es so bleibt, antwortete er mit frohem Blick. Wir werden dann beide vielen Kummers überhoben seyn.
Drei Wochen war ich ohngefähr in Spillingen gewesen, als Lorenz eines Tages zu mir kam. Ich habe eine Bitte an Dich, sprach er. Wirst Du sie mir auch gewähren? — Fordere, was Du willst, versetzt' ich, ich thue Dir alles zu Gefallen. — Nun denn, so mache meiner Mutter einen Besuch. Ich wünschte, daß sie Dich kennen lernte, sie wird Dich denn gewiß auch lieben, und wir kommen unserer Vereinigung dadurch um manchen beschwerlichen Schritt näher. Freilich fühl' ich wohl mit innerm Schmerz, daß sie Dir nicht behagen kann und wird, — aber schone ihre Schwächen, Justine! sieh sanft über ihre Fehler hin, und denke: Sie trug Deinen Lorenz unter ihrem Herzen. Diese Vorstellung wird Deinem Betragen doch wenigstens einen Schein von der Achtung geben, die sie übrigens durch ihre Denkungsart Dir nicht einflößen kann.
Ich umarmte ihn. Ein süßer Aufruhr, vermengt mit zagender Angst, mit bangen Erwartungen, entstand in meinem Innern bei dem Gedanken, die Frau zu sehen, die meinem Geliebten das Leben gegeben. Ich hatte schon längst ihren Anblick gewünscht und gefürchtet. — O Lorenz, rief ich aus, sie ist Deine Mutter, und die heiligen Rechte, die ihr die Natur über Dich verlieh, sind Ursach genug für mich, sie zu lieben und zu ehren. Sieh, ich habe noch um keines Menschen Neigung geworben, — aber alles was in meinen Kräften steht, will ich anwenden, um die ihrige zu erlangen, und es wird mir gelingen. Das Bestreben, Liebe zu gewinnen, kann nicht mißfallen, wenn es aus einem reinen, redlichen Herzen kömmt.
Gerührt sah Lorenz mich an, — in sein ernstes, großes Auge traten Thränen. Gutes Mädchen! sagte er mit inniger Empfindung, Deine Unschuld und Deine anspruchslose, stille Güte muß jeden, der Dich sieht, unwiderstehlich für Dich einnehmen. Laß mich die süße Hoffnung nähren, daß auch meine Mutter gerecht gegen Dich seyn werde. Wäre sie es nicht, — er drückte heftig meine Hand an seine schlagende Brust; seine Thränen verlohren sich, — sein sonst so ruhiger Blick fing an zu flammen; — wäre sie es nicht, — o Justine! ich würde die Seligkeit, Dich zu besitzen, dann freilich nicht so ungetrübt und lauter genießen, als wenn der Segen meiner Eltern auf unserm Bündniß ruhte, aber ich würde sie dennoch mit allem erkaufen, was mir ehedem theuer war, denn ich fühl' es, ich kann ohne Dich nicht glücklich seyn, und nicht wahr, auch Du kannst es nicht ohne mich? — Ich fühle mein Wesen so fest, so unauflöslich an das Deinige gekettet, daß mich nichts mehr von Dir scheiden kann. Nur, wenn ich mich in Deinem Herzen betrogen hätte, — wenn die Erfahrung mir lehrte, daß Du meiner Achtung nicht werth wärst, nur dann könnte ich von Dir lassen, — nur dann würde ich meine Liebe den Pflichten des Gehorsams aufopfern, die ich meinen Eltern schuldig bin, aber um den Frieden meines Gemüths, um das Glück meines Lebens wäre es auf immer geschehn. Doch das wird nie geschehen! — Du siehst, und ich schwör' es Dir von neuem, daß mich nichts von Dir zu trennen vermag, als eine Unmöglichkeit, die ich nicht einmahl fürchte, und die ich nur als Schatten neben dem Bilde voll Licht und Freude aufstelle, das mir entgegen lacht, um durch den Contrast mein Glück desto lebhafter zu empfinden.