Ich bin vielleicht zu weitläuftig, unterbrach Justine ihre Erzählung, aber Sie müssen mir vergeben. Es ist so süß schöner Stunden zu gedenken, auch wenn sie auf ewig verlohren sind, und mein nur allzu treues Gedächtniß ruft sie mir mit den kleinsten Umständen zurück, daß ich mich gern der Erinnerung überlasse, die mich in die Vergangenheit zurückführt. Auch werde ich nun kürzer seyn. — Den angenehmsten Theil meines Lebens habe ich Ihnen bereits geschildert, — — nur mit Thränen und Entsetzen kann ich bei den Auftritten verweilen, die ihm folgten, darum werde ich so schnell als möglich über sie hineilen.
Mein Besuch bei der Verwalterin war der Anfang meiner Leiden. Ich ging mit einem Herzen zu ihr, das so bereitwillig war, sie kindlich zu verehren, daß es ihres ganzen Hochmuths, den sie mich fühlen ließ, ihrer ganzen niedrigen Denkungsart, die sie mir verrieth, bedurfte, um sich mit Widerwillen von ihr zu entfernen. Es hatte ihren Stolz beleidigt, daß ich als ein neuer Ankömmling in Spillingen, erst in der dritten Woche einen Besuch abstattete, der, wie sie dünkte, einer Frau von ihrem Ansehn schon in den ersten Tagen gehörte. Alle die Kammerjungfern, die vor mir hier gewesen waren, hatten ihr kein solches Beispiel von Geringschätzung und Unhöflichkeit gegeben. Überdieß war ihr auch die Herzlichkeit aufgefallen, mit der Lorenz meiner gedacht hatte, und die sich sehr von den Lobsprüchen unterschied, die er Lorchen gab. Der Argwohn schärfte ihren Blick, und um das Einverständniß unserer Liebe zu errathen, brauchte ihr Auge nicht einmahl so hell zu seyn, wie es wirklich war. Lorenz und ich haßten die Verstellung, und sie mißlang uns selbst da, wo sie nöthig war. Unserer unbefangenen Offenheit entschlüpfte mancher Ausdruck, der unser Geheimniß enthüllte, statt es zu verbergen, und mich dünkt, eine Liebe, die sich so zu verstecken weiß, daß man ihr Daseyn nicht einmahl ahndet, kann unmöglich so wahr und so innig seyn, wie die unsrige war.
Lorenz bemerkte die verächtliche Kälte wohl, mit der seine Mutter mich aufnahm. Ich sah ihn leiden, ich fühlte die Feinheit, mit der er ihren gemeinen, beleidigenden Äusserungen eine andere Wendung zu geben suchte, und das Herz blutete mir. Die Wehmuth, die ich empfand, mich so abstoßend behandelt zu sehen, ließ mich meine gereizte Empfindlichkeit beherrschen, und nach einer höchst abschreckenden, unfreundlichen Begegnung von Seiten der Verwalterin trennte ich mich dennoch von ihr mit Höflichkeit.
Lorenz wollte mit mir nach dem Schlosse zurückgehn, aber ich nahm seine Begleitung nicht an, um die üble Laune seiner Mutter nicht noch mehr zu erregen, da sie, wie ich mir nicht verhehlen konnte, auf unsere Liebe mit einem sehr ungünstigen Auge sah. Als ich in meine Kammer trat, warf ich mich aufs Bett, um recht herzlich zu weinen. Ach noch vor zwei Stunden war ich um eine schöne Hoffnung reicher gewesen — bitter hatte sie mich getäuscht. — Jetzt lag nur eine kummervolle Aussicht vor mir, die Aussicht mit der Abneigung seiner Mutter kämpfen zu müssen, um glücklich zu seyn, und wie mißlich war dieser Kampf, da mein eigenes Selbstgefühl mich abhielt, ihn zu wagen.
Es klopfte leise an meiner Thür. Ich glaubte, es sei Lorenz, und trocknete schnell meine Thränen. Als ich die Thür öffnete, stand der Kammerherr vor mir.
So allein, mein Kind? sagte er, indem er hereintrat, und wenn ich nicht irre, so hast Du geweint? — Was ist Dir, Justine? ich will doch nicht hoffen, daß Dir jemand im Hause Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat?
Ich war verlegen, daß mein Kummer einen andern Zeugen hatte, als den, um den ich ihn litt, und wußte seiner Frage weder auszuweichen, noch sie zu beantworten.
Rede freimüthig, fuhr er fort, Du sprichst mit einem Freunde, der warmen Antheil an Dir nimmt, und dem Du ganz offen den Gram und die Sorgen Deines Herzens entdecken kannst. Hat Dich jemand beleidigt? ist Dir sonst etwas unangenehmes widerfahren? — O reiß mich aus der Unruh, in der ich Deinetwegen bin, und sei versichert, daß ich Dein Zutrauen verdiene.