Dies alles sagte er mit einer sanften Stimme, wie ungeheuchelte Theilnahme zu sprechen pflegt; — selbst den widerlichen Ausdruck, den seine Augen gewöhnlich hatten, wußte er zu beherrschen, ob er sie gleich fest und forschend auf mich heftete. Durch sein untadelhaftes Betragen gegen mich während meines Aufenthalts in Spillingen war der Argwohn so ziemlich in mir verlöscht, den sein erster Anblick unwillkührlich in mir erregte. Die Gewohnheit, ihn täglich zu sehn, hatte seinen Zügen das Auffallende benommen, das mich bei unserer ersten Bekanntschaft mit einem heimlichen Schauder von ihm zurückstieß, und weit entfernt, mir die feindseelige Bedeutung, die in ihnen lag, auf Kosten seines Charakters zu erklären, hielt ich sie bloß für ein Spiel der Natur zum Nachtheil seiner Gestalt.
Indessen, so sehr auch meine Brust das dringende Bedürfniß fühlte, ihren Kummer mitzutheilen, um sich zu erleichtern, so wagt' ich doch nicht, mein schüchternes Schweigen zu brechen, weil ich nicht wußte, ob Lorenz meine Offenherzigkeit billigen würde. Der Kammerherr blickte mich unverwandt an, — seine ernste Miene verlohr sich endlich in ein gütiges Lächeln. So willst Du mir denn nichts gestehen, sagte er, indem er meine Wange streichelte, über welche noch immer Thränen herabflossen. Ich muß mich also wohl aufs Rathen legen. Glaube mir, Justine, ich kenne das menschliche Herz und seine Regungen, — und wenn dieß auch nicht wäre, — diese lieben Augen, die der Spiegel Deiner Seele sind, verrathen Dein Geheimniß nur allzu deutlich, selbst wenn Deine Lippen schweigen. Du liebst, ist es nicht wahr, Justine? — Du liebst meinen Jäger?
Ich antwortete nicht, aber ich weinte heftiger. Ach die Liebe möchte ihren Kummer gern der ganzen Welt verbergen, und doch ist sie nur allzubereit, ihn zu enthüllen, wenn ein ahndender Blick in ihr Inneres dringt, und eine theilnehmende Frage, nach ihrem Zustande forscht. Der Kammerherr führte mich freundlich zu einem Stuhl, und ließ mich setzen, da ich von Betrübniß ganz erschöpft war.
Gutes Mädchen! fuhr er fort. Die Empfindungen Deines Herzens waren mir längst klar, und jetzt muthmaße ich auch die Ursach Deiner Thränen. Du kommst von der Verwalterin — mütterlich, glaubtest Du, würde sie Dich empfangen, und die stolze, thörichte Frau, die sich nur von einem vollen Kasten das Glück ihres Sohns verspricht, ließ Dir ihre ganze Albernheit fühlen. Ist es nicht so, meine Liebe? — Ich bejahte es durch Zeichen, denn ich war unvermögend, zu sprechen.
Beruhige Dich, nahm er das Wort auf's neue. Noch sind Deine Aussichten so trübe nicht, wie Du vielleicht denkst, und meine Verwendung bringt Dich am schnellsten und sichersten zum Ziel Deiner Wünsche, wenn Du sie annehmen willst.
Die Allgewalt der Freude ergriff mich. Mit der Hoffnung fand ich die Sprache wieder. — Ob ich will? rief ich aus, o gnädiger Herr, wie kann ich jemahls Ihre Güte vergelten? Ich läugne es nicht, mein ganzes Herz hängt an Lorenz, und die Unfreundlichkeit seiner Mutter hat es zerrissen, weil sie die Wahrscheinlichkeit vernichtete, mit ihrer Einwilligung dereinst die Seinige zu werden. Wenn Sie Sich unserer annehmen — ach Gott! lohnen können wir es Ihnen nicht, aber als unsern Schutzgeist werden wir Sie ewig verehren, und lebenslang will ich für Ihr Glück und Ihre Wohlfahrt mit dem dankbarsten Herzen zum Himmel beten! — Ich fiel vor ihm nieder und umfaßte seine Kniee. Die Erkenntlichkeit, die ich für ihn fühlte, umgab ihn mit der Glorie eines Engels für mich. —
Hier hast Du meine Hand, versetzte der Kammerherr lächelnd, ehe ein halbes Jahr vergeht, bist Du Lorenzens Frau; freilich nur unter einer Bedingung — aber diese ist zu billig, und Du bist viel zu klug, als daß Du sie nicht gern erfüllen solltest.
Bestürzt sah ich ihn an. In seinen Ton mischte sich auf einmahl so etwas schneidendes — und in seinen Blicken brannte plötzlich ein so düstres arglistiges Feuer, daß sich mein alter längst entschlummerter Argwohn leise aber schrecklich wie ein Gespenst der Mitternacht wieder hervor stahl. Und was ist das für eine Bedingung? fragt' ich bebend. Ich denke, sie soll Dir nicht schwer fallen, sagt' er grinzend. Sie besteht darin: daß Du mich liebst.
Diese Worte, der Ausdruck mit dem er sie sprach, und die Miene mit der er sie begleitete, jagten einen Fieberfrost durch meine Glieder.