Mir ahndete nichts Gutes, doch sah ich wohl ein, daß meine Lage eher schlimmer als besser werden könnte, wenn ich die Angst verriethe, die mein Innres beklemmte, darum sucht' ich sie zu verbergen, und that, als hätte ich ihn nicht verstanden, wiewohl sein verhaßtes, brennendes Auge selbst meiner Unerfahrenheit keinen Zweifel mehr übrig ließ.
Ja, ich werde Sie lieben, antwortete ich zitternd, als meinen Wohlthäter, als den Schöpfer meines Glücks. — Mehr verlangen Sie gewiß nicht von einem armen Mädchen, deren Wesen Sie genau genug erforscht haben, um zu wissen, daß Lorenz ihr Eins und ihr Alles ist.
Kleine Närrin! erwiederte er, ich will auch Lorenzen keineswegs Deinen Besitz streitig machen. Warum siehst Du mich so zaghaft an? — Verliehre nicht das Vertrauen zu mir. Ich verspreche Dir feierlich, Du sollst Deinen Geliebten haben; aber da unsere beiderseitige Glückseligkeit recht wohl neben einander bestehen kann — warum wolltest Du mir da wohl Grillen in den Weg legen, die unter vernünftigen Leuten längst aus der Mode gekommen sind, und die nur Dir selbst schaden, indem sie die Erfüllung Deines Lieblingswunsches weiter hinausschieben, als nöthig ist? — Ich schaffe Lorenzen einen Dienst, der Euch beide anständig ernährt — ich bewege die Mutter zur Einwilligung — Dir gebe ich eine artige Aussteuer — — kann ich mehr thun, Dir meine Neigung zu beweisen, und wolltest Du wirklich so grausam seyn, sie mit nichts als Deinem Gebet zu belohnen? —
Länger konnte ich meinen Unwillen nicht verhehlen. Ich habe geglaubt, sagt' ich bitter, daß Wohlthaten, die aus einem edlen Herzen kommen, auf weiter nichts Ansprüche machen dürften, als auf Dank. Sonst verliehren sie ja ihren höchsten Werth, den Werth der Uneigennützigkeit.
Du kennst den Lauf der Welt noch nicht, mein Kind, versetzte er höhnisch lächelnd. Niemand thut etwas umsonst, wie kannst Du von mir verlangen, daß ich für meine Mühe leer ausgehen soll, da mir Deine Liebenswürdigkeit eine so reiche Vergeltung anbietet? — Du besinnst Dich noch eines Bessern, ich gebe Dir Bedenkzeit. Ich habe mir wohl eingebildet, daß ich Hindernisse bei Dir antreffen würde; indessen denke ich sie zu bekämpfen. Schwierigkeiten erhöhen den Reiz der Liebe, und die Früchte, die langsam reifen, sind am süßesten. Du wirst schon einen Entschluß fassen, der Deiner Vernunft Ehre macht, wenn Du überlegst, welch' einen Ausgang Deine Liebschaft nehmen könnte, wenn Du mich zum Feinde bekämest — und das wäre ja unvermeidlich, wenn Du meiner heißen innigen Zärtlichkeit das Afterbild jener lächerlichen Tugend vorziehen wolltest, die man Dir einprägte, wie man Kinder mit dem Knecht Ruprecht zu fürchten macht, und die jetzt der gebildetere Theil der Menschen nur für das, was sie ist, für einen abergläubigen Wahn erklärt, den frömmelnde Matronen ergreifen, wenn die Jugendfreuden an ihnen vorübergeeilt sind.
Mein Abscheu brach gewaltsam hervor — kaum konnt' ich seine erste Heftigkeit mäßigen. Ist Ihnen, sagt' ich verächtlich, der Gedanke nicht Belohnung genug, zwei gute Menschen glücklich gemacht zu haben, so kann ich Ihre Verwendung nicht annehmen. Lieber will ich unglücklich seyn, als die Grundsätze verläugnen, die mir unverbrüchliche Treue zum heiligsten Gesetz der Liebe machen.
Lorenz hat Dich wohl schon mit seinen Schwärmereien angesteckt, unterbrach mich der Kammerherr. Bedenke alles recht genau — nur in Deiner eignen Hand steht das Glück oder Unglück Deines Lebens. In einigen Tagen sprechen wir uns wieder. Eher will ich keine Maßregeln treffen, und ich schmeichle mir, Dein Betragen wird mich niemahls nöthigen, welche zu ergreifen, die Deinen Wünschen entgegen sind. Ich befehle Dir Verschwiegenheit gegen Jedermann, selbst gegen Lorenz — überhaupt, setzte er lachend hinzu, soll und muß für ihn alles ein Geheimniß bleiben, was zwischen uns vorfällt.
Mit diesen Worten ging er fort, und ließ mich in einer größern Hoffnungslosigkeit zurück, als er mich angetroffen hatte. Ich überlegte mein Schicksal — ich betrachtete es von allen Seiten, aber ich konnte keine finden, die nur einigermaßen freundlich war. Das stille Wohnhaus meiner Eltern allein trat wie der einzige Ruhepunkt, der mir übrig blieb, vor die Blicke meines Geistes, die sich übrigens in die Zukunft wie in eine dunkle Nacht verlohren. Dort, rief ich mit stürmischer Wehmuth, und richtete mein nasses Auge nach der Gegend, wo Mühlberg lag, dort in meiner friedlichen Einsamkeit war ich glücklich! O warum mußte ich sie verlassen! — Doch nach und nach verlohr mein Schmerz seine erste Heftigkeit, und mein Unmuth wurde milder. Leiden, sagt' ich zu mir selbst, sind der Probierstein des menschlichen Herzens. O Lorenz — das Schicksal kann alle Freuden, alle Hoffnungen meines Lebens vernichten, nur meine Liebe und meine Tugend nicht. Weg mit aller Bangigkeit! — Menschen können unsern Bund zwar erschweren, aber doch nicht trennen; denn unsre Seelen haben ihn geschlossen, und wahre Liebe trotzt der Ewigkeit. Ach ich wäre Deines Herzens nicht werth, Geliebter! wenn die kummervollen Stunden, denen ich entgegen sehe, meinen Muth und meine Festigkeit erschüttern könnten.
Wäre Lorenz in diesem Augenblick zu mir gekommen, hätte der Druck seiner Hand mir gleiche Ausdauer, der Blick seines Auges gleiche Liebe gelobt, so wären die Funken meiner stolzen Zuversicht, die in mir glimmten, hell und kräftig zur Flamme emporgelodert. Aber sein Wegbleiben in einer Stunde, wo seine Gegenwart und sein Trost mir so nothwendig war, ließ sie nach und nach wieder verlöschen, und ich sank in meinen vorigen Kleinmuth zurück. Es wurde Abend, und er kam noch nicht; — nun wagt' ich es, mit leisen Fragen nach ihm zu spähen, und erfuhr, daß ihn der Kammerherr in dringenden Geschäften nach der Residenz geschickt hatte.
Die Absicht des Bösewichts war mir klar. Er wollte Lorenzen entfernen, um eine vertrauliche Unterredung zwischen uns zu verhüten, denn er traute meiner Verschwiegenheit nicht, und wenn er auch kühn genug war, der wehrlosen Unschuld gegenüber sich in seiner ganzen Nichtswürdigkeit zu zeigen, so fürchtete er doch den festen, verachtenden, strafenden Blick des ehrliebenden Mannes, der, wenn Lorenz ihn auf ihn heftete, ihn immer mit einer Art Scheu antrieb, die Plane der Verführung zu verbergen, mit denen sich sein Geist beschäftigte.