Als ich die gnädige Frau des Abends ausgekleidet hatte, hielt sie mich mit einem spöttischen Lächeln vom Weggehn ab. Nun, Du kleiner Tugendspiegel, sagte sie, Du bist wohl recht stolz auf den Sieg, den Du Dir einbildest, erfochten zu haben? Wenn ich Dir aber freundschaftlich rathen soll, so spanne die Saiten nicht höher. Mein Mann ist des Widerstands ungewohnt, und kann ihn nicht vertragen. Du könntest Dich leicht durch Deine Sprödigkeit zeitlebens unglücklich machen. Gieb ihm nach, das ist das beste Mittel, ihn bald los zu werden. Ich stehe Dir dafür, in einigen Wochen ist er Deiner so müde, daß er Dich keines Blicks mehr würdigt, und dann kannst Du ja ganz ungestört für Deinen Lorenz leben. Er giebt Dir eine anständige Aussteuer, und auch ich will gern etwas dazu beitragen, nur mache, daß er beßrer Laune wird; denn wer kann die verdrießlichen Gesichter aushalten, mit denen er seit einen Paar Stunden im Hause herum tobt, und die die einzige Antwort sind, die ich auf meine lustigsten Vorschläge erhalte.
Wie, gnädige Frau, versetzt' ich, Sie können im Ernst verlangen, daß ich meine Ehre aufopfern soll, um den Verdruß zu verscheuchen, den Ihr Gemahl darüber empfindet, daß ich besser denke, als Er? — O Ihr Vornehmen, rief ich dann halb außer mir mit immer steigender Hitze, ist Euch denn die Armuth so wenig heilig, daß Ihr mit kalter Gleichgültigkeit das Einzige zu zertrümmern strebt, was sie so oft vor Euch voraus hat, das stille Glück, das in dem Bewußtseyn reiner Tugend liegt? — —
Nun, nun, nur gemach, meine schöne Romanenheldin! unterbrach sie mich mit zornigen Blicken. Wer nicht hören will, muß fühlen. — Ich denke, mein Mann hat noch ganz andre Mittel in den Händen, Dich zahm zu machen, als meine Vorstellungen, die ich nicht bei Dir verschwenden will.
Damit drehte sie sich von mir weg, und hieß mich gehen. — Die Einsamkeit meiner stillen Kammer umfing mich mit allen Schauern der Dunkelheit, und begünstigte die Schwermuth meines Herzens. Ach, Lorenz, Du hast doch Recht gehabt, seufzte ich, als Du mir diese Menschen schildertest, und mein argloser Sinn Dich der Übertreibung beschuldigte. — Ich fühlte deutlich, daß mir nichts mehr übrig war, als nach meiner Heimath zurück zu gehn, und ich beschloß, es so bald zu thun, als möglich. Nur wollt' ich erst Lorenzens Wiederkunft abwarten, um seine Meinung und seinen Rath zu hören. Bis dahin betete ich zu Gott um Geduld und Muth, und endlich kehrte Ruhe, — wenigstens ein Schimmer, der ihr glich, in meine Seele zurück.
Die nächsten beiden Tage vergingen, ohne daß sich etwas zutrug, was mich von neuem hätte ängstigen können. Wenn mir der Kammerherr zufälligerweise begegnete, so waren seine Blicke so kalt und gleichgültig, daß ich höchstens nur seinen Unwillen, nicht eine Spur von Liebe in ihnen finden konnte, und ich freute mich darüber, ob ich gleich dem Entschluß treu blieb, zu meinen Eltern zurück zu gehn, und mir in dieser Rücksicht sein Zorn eben so ohnmächtig wie seine Zärtlichkeit schien. Wie groß war daher mein Schrecken, als ich den nächsten Abend, da ich schon im ruhigen Schlummer in meinem verschlossenen Stübchen lag, durch das Geräusch eines Kommenden geweckt wurde. Ich fuhr bestürzt auf, und suchte mich anzukleiden, als ich eine Bewegung an der Thür vernahm, und einen Lichtstrahl, der durch das Schlüsselloch fiel, über den finstern Boden zittern sah. Endlich ging die Thür auf, — eine männliche Gestalt in einen Mantel gehüllt, trat mit einer Blendlaterne herein, und zog den Hauptschlüssel aus dem Schloße. Ich erstarrte, denn es war der Kammerherr. —
Nun, Justine! ich komm Deinen Entschluß zu vernehmen, redete er mich an.
In dieser Stunde? — rief ich entrüstet. Sie ist der Liebe am günstigsten, versetzte er. Keine Zierereien mehr! Du mußt mein seyn, ich habe mir es zu geschworen. Er näherte sich mir, und wollte mich in seine Arme schließen. — Ein leichtes Zittern durchflog mich doch nur für einige Momente, — mit allen Kräften, die mir der Abscheu gab, stieß ich ihn zurück. Elender, verworfener Mensch! rief ich, glaubst Du, daß Deine Drohungen, die Schauder der Nacht und das Alleinseyn mit Dir mich schrecken? — Nein, Bösewicht, ich trotze Deiner Gewalt. Er umfaßte mich aufs Neue, aber ich riß mich los, und stürzte zum Fenster, um Hülfe zu rufen. Er hielt mir den Mund, — ich fühlte seine Hand beben, und der Gedanke, daß das Laster fast immer feigherzig ist, erhöhte meinen Muth.
Er schleppte mich in die Mitte des Zimmers. Mädchen, sagte er, sei keine Närrin, ich bitte Dich darum. Bei dem kleinsten Lärm, den Du machst, bist Du verlohren. Giebst Du mir aber nach, so schwör ich Dir bei allen Heiligen, ich will nicht eher ruhen, bis ich Dein Glück vollendet, und Dich mit Lorenz verbunden habe. Beharrst Du aber bei Deiner Thorheit, so betheure ich Dir, daß ich nicht mehr die Stimme der Menschlichkeit, nur die der Rache hören werde. Dein ganzes übriges Leben soll dann der Reue und der Thränen über das Schicksal geweiht seyn, das ich Dir bereiten will. —
Seine Worte machten keinen Eindruck auf mich. Ich konnte nicht mehr zittern vor dem Mann, den ich so tief verachtete, — nur die leichten Bebungen des Zorns, nicht der Angst, durchschauerten meinen Busen. Mein Herz und meine Tugend erhoben mich so weit über ihn, daß ich seine Drohungen verlachen konnte. Ungeheuer! antwortete ich, denkst Du, daß ich selbst meine liebsten Wünsche um einen so niedrigen Preis erkaufen möchte? Nein und wenn Lorenz nie der Meinige würde, — — ich lieb' ihn über alles, — ich würde höchst elend ohne ihn seyn, — dennoch würd' ich seinem Besitz freiwillig entsagen, wenn ihn mir nur das Laster verschaffen könnte. — Er biß die Zähne zusammen, und lachte gräßlich. Nun denn, Unglückliche, sagte er, ich habe Dich gewarnt. So werde denn das Opfer Deiner Dummheit und Deines Starrsinns. Es wird noch manche Stunde in Deinem künftigen Leben kommen, wo Du bedauern wirst, diesen Augenblick verlohren zu haben. Deine Verzweiflung soll mein Triumph seyn! — Er verließ mich mit dem fürchterlichen Schwur, mich zu verderben.