Daß ich den Rest jener Nacht schlaflos und unruhig hinbrachte, ist wohl natürlich. Zwar traute ich mir Entschlossenheit genug zu, im entscheidendsten Falle lieber den Tod, als den Verlust meiner Tugend zu wählen, — zwar gaukelte die süße Hoffnung mir vor, daß dieß vielleicht die letzte Prüfung des Schicksals gewesen sei, mit deren Ende die Rosenzeit meiner Liebe ungetrübt und lachend von neuem beginnen werde, — zwar sicherte mich der Vorsatz, der durch diesen nächtlichen Überfall in mir entstanden war, selbst ohne Lorenzens Zurückkunft abzuwarten, in die Arme meiner Eltern zu fliehen, vor den fernern Verfolgungen des Kammerherrn, aber dessen ungeachtet verdrängten finstre Ahndungen schnell jeden Strahl des Trostes, der in meine Seele fiel, und mit heißen Thränen begrüßte ich das anbrechende Morgenroth. Sein milder Schimmer schien mir zur Flucht zu winken. — Ich packte einen Theil meiner Wäsche und meiner Kleider in ein Tuch, um es mit mir zu nehmen, weil ich befürchtete, der Kammerherr werde sehr saumselig seyn, mir meine Sachen nachzuschicken, — dann ging ich in die Garderobe der gnädigen Frau, die ich unter meiner Aufsicht hatte, und brachte alles sorgfältig in Ordnung. Es war noch sehr früh, — ich glaubte Jedermann in tiefem Schlaf begraben, und wollte die herrschende Stille benutzen, um unbemerkt zu entkommen. Als ich die Thür der Garderobe leise und vorsichtig verschloß, hört' ich jemand gehen; — es war Wolf, ein Bedienter, der aus den Zimmern des Kammerherrn kam. Ich konnte es nicht vermeiden, ihm zu begegnen. Bestürzt, daß schon ausser mir jemand wach war, ging ich ihm vorüber. In seinem Gesicht mahlte sich Verwunderung, mich zu einer so ungewöhnlichen Stunde zu treffen. Neugierig und kopfschüttelnd sah er mir nach bis Ende der Gallerie; — ich glaubte, daß ich keine Zeit mehr zu verliehren hätte, flog in meine Kammer, und eilte dann wie ein gejagtes Reh mit meinem Päckchen davon.
Als ich durch die Hinterthür des Hauses in den Garten, und von da in einen Seitenweg trat, der mich in sanften Krümmungen die waldigte Anhöhe hinab führte, da wurde meine Brust leichter, und mir war, als sei ich nun allen Gefahren entschlüpft, die mir drohten. Mit weiten frohen Athemzügen trank ich die kühle Morgenluft in mich, und mein glühendes inniges Gebet stieg mit dem Gesang der Lerche, die sich von einem Waizenfelde trillernd erhob, zum Geber alles Guten empor.
Schon hatte ich den Spillinger Wald so weit hinter mir, daß ich nur leise und unterbrochen den Schlag einer späten Nachtigall noch vernahm, die ihn bewohnte, — meine Einbildungskraft trug mich weiter, wie meine Augen, und zeigte mir Mühlberg, als das Ziel meiner Wanderschaft lachend von Ferne mit all' dem stillen Frieden, den ich mir von seinem Wiedersehn versprach. Ich wurde heiter, — im Grase blitzte noch der Thau, und die warmen belebenden Strahlen der Sonne weckten all' die schlummernden Insekten und Würmchen zum Genuß des neuen schönen Tags, der so freundlich über uns aufgegangen war. Ich dachte an Lorenz. Liebend hätt' ich bei seinem Andenken die ganze kleine summende und schwirrende Welt umfassen mögen, die zu meinen Füßen im Sonnenschein sich freute, — ich fühlte mich vertraut mit dem regen Leben der Natur, daß so tausendfache kleine Gestalten in froher Thätigkeit bewegte. Ach kalt und gefühllos geht das leere Herz an allen Gegenständen vorüber, die es nicht mittelbar betreffen. Nur die Liebe haucht mit süßem Zauber jenes reiche Wohlwollen in die Brust, mit dem wir auch das gleichgültigste Geschöpf als ein fühlendes Wesen betrachten: nur die Liebe knüpft uns mit den zarten Banden eines allgemeinen Antheils an alles, was uns umgiebt, weil sie den Kreis unserer Empfindungen erweitert und verfeinert.
Ich mochte ohngefähr eine Meile gegangen seyn, als mein Weg sich theilte. Ich war der Straße nicht kundig, die nach meiner Heimath führte, denn ich hatte Mühlberg zum erstenmahl in meinem Leben verlassen, als ich nach Spillingen zog, und damahls beschäftigten mich so viele ernste Gedanken an die Zukunft, daß ich achtlos mich der Leitung des Kutschers überließ, der mich abholte. Ich konnte zwar nicht irren, denn ich hatte den Himmelsstrich immer vor Augen, unter dem das geliebte Ziel meiner Reise lag, aber dennoch wünschte ich irgend einem Landmann zu begegnen, um zu erfahren, welcher von den beiden Wegen am nähesten und sichersten sei. Indem ich so einen Augenblick stehen blieb, und mich umsah, wurde ich in weiter Entfernung eine große Staubwolke gewahr, die sich sehr lebhaft bewegte. Der Gedanke, daß sie von Spillingen kam, machte mir einige Unruh, doch glaubte ich nicht eher, daß man es der Mühe werth finden würde, mir nachzusetzen, bis ich die Scharlachuniform des Kammerherrn deutlich von seinen übrigen Begleitern unterscheiden konnte. Eine namenlose dunkle Angst bemächtigte sich nun auf einmahl meiner. Das Zittern, das mich überfiel, war beinahe convulsivisch. Ich wollte mich verbergen, — umsonst! Da war kein schützendes Gesträuch, keine gefällige Anhöhe, die mich den Blicken meiner Verfolger hätte entziehen können. Endlich wurde ich einen kleinen trockenen Graben gewahr, der seitwärts die halb aufgeschossenen Kornfelder theilte. Brombeerenranken und Nesseln warfen ihren kurzen Schatten darüber, — ich besann mich nicht lange, und warf mein Bündel hinein. Eben wollte ich ihm folgen, als mich die donnernde Stimme des Kammerherrn ereilte, der im Gallop herangesprengt kam.
Justine hielt hier einige Augenblicke inne. Ihre Nerven waren in sichtlicher Spannung, ihre Lippen erblaßten und fingen an, zu zittern. Endlich fuhr sie fort:
Seine erste Anrede, die sehr heftig war, ging für mich verlohren, denn ich befand mich in einer Betäubung, die mir weder zu hören noch zu sprechen vergönnte. Als ich ein wenig zu mir selbst kam, erfuhr ich, daß man mich während meiner heimlichen Entweichung im Verdacht eines Diebstahls habe. Wolf hatte mich in einer so frühen Stunde aus der Garderobe der gnädigen Frau kommen sehn; — meine Bestürzung war ihm aufgefallen, er hatte mich belauscht. Kurz nachher sah er mich mit einem Päckchen unter dem Arm leise und vorsichtig durch die Gartenthür schlüpfen, — nun war in seinen Augen nichts gewisser, als daß ein Verbrechen mich jagte. Er ging wieder in die Zimmer des Kammerherrn, in die ihn, als er mir begegnete, die Unruh über einen begangenen Fehler in der Bedienung getrieben hatte, den er verbessern wollte, ehe der Herr erwachte, weil er ihn streng zu ahnden pflegte. Noch schlief er, und so scharf es auch verboten war, ihn im Schlaf zu stören, so glaubte er doch, daß ein so verdächtiger Fall seine Kühnheit entschuldigen werde. Er weckte ihn also, und theilte ihm seine Muthmaßungen mit. Ich bin überzeugt, daß der Kammerherr in seinem Herzen gleich im ersten Augenblick mich von dem Verdacht eines Diebstahls frei sprach, indessen kam ihm Wolfs Vermuthung doch erwünscht, da die Rache, die er mir gelobt hatte, vielleicht noch planlos war, und hier am ersten Gelegenheit fand. Eilig ließ er satteln, eilig traf er die Maaßregeln, die zu meinem Verderben nöthig waren, und mit all' der Schadenfreude, die ihm sein Bubenstück schon machte, ehe es gelungen war, sprengte er dahin. Er rechnete auf eine Menge ihm günstiger Umstände, die seiner Beschuldigung wenigstens einen Anstrich von Wahrscheinlichkeit gaben. Wolfs Aussage, mein Schrecken, als ich mich eingeholt sah, die Angst, mit der ich mein Päckchen in den Graben geworfen hatte, gleichsam als ob das böse Gewissen mir rieth, es zu verstecken, — alles dieß und das starre Schweigen, mit dem ich mich des Diebstahls anklagen hörte, hätte vielleicht auch einen unbefangenen Menschen wider mich eingenommen. Ach niemand konnte ja in mein geängstetes Herz sehen, als Gott! und Gott thut keine Wunder. Niemand hatte Mitleid mit der Dumpfheit meiner Sinne, in der ich fühllos wie eine Bildsäule da stand, ohne mich zu vertheidigen. Man zog meinen Reisebündel hervor, und brachte es dem Kammerherrn zur Untersuchung. Ich sah es ruhig an, — das Bewußtseyn meiner Unschuld goß wieder einen Strahl von Lebenswärme in mich, und die Überzeugung mich gerechtfertigt zu sehn, verscheuchte meine Betroffenheit. Als aber der Kammerherr mit dem Ausruf: O die Betrügerin! sich zu den Umstehenden wandte, die mich, indeß er suchte, sorgfältig gehütet hatten, — als er mit den flammenden Blicken der höchsten Wuth auf mich zukam, und mir ein Armband von Juweelen unter die Augen hielt, das seiner Gemahlin gehörte, und das er vorgab, unter meinen Sachen gefunden zu haben, — da ward es Nacht in meiner Seele, — alle Gegenstände schwankten um mich her, und eine tiefe Ohnmacht, in die ich fiel, breitete wenigstens für eine halbe Stunde einen mildernden Schleier über den endlosen Jammer, der mein Inneres zerriß.
O warum mußte ich wieder zu mir selbst kommen! — Schrecklich, wie mein Dahinsinken war auch mein Erwachen. Nicht einmahl der tröstende Wahn, daß ein schwerer Traum mich nur geängstigt habe, verminderte die Bitterkeit seines ersten Augenblicks, und mein Elend starrte mich in all' seiner gräßlichen Wahrheit an. Ach weg! weg! rief sie weinend, von dem Andenken jener fürchterlichen Stunde. Die Erinnerung an sie verwundet mich aufs neue, ob sie gleich noch nicht die schwerste meines Lebens ist.
Der Gerichtsdiener, der den Kammerherrn begleitete, erhielt den Befehl, für mich zu haften. Man brachte einen Bauerwagen herbei, da ich mich vor Mattigkeit nicht auf den Füßen erhalten konnte. — Der Kammerherr ritt mit seinem Gefolge voraus, und langsam folgte ihm mein Fuhrwerk, das der Gerichtsdiener mit grimmigen Blicken bewachte.
So kamen wir wieder in Spillingen an. Mit dem Gefühl eines Vogels, der dem Käficht entschlüpft ist, hatte ich es am Morgen verlassen, — von der Ungerechtigkeit meines Schicksals und von unverdienter Schande beinahe vernichtet, sahe ich es wieder. Das Verbrechen, dessen man mich beschuldigte, war schon vor meiner Ankunft von dem Kammerherrn und von seinen Leuten auf dem Hofe verbreitet worden. Alles lief zusammen, um die ertappte Diebin zu sehn. Ein ganzer Zug von Kindern und gemeinem Volk aus dem Dorfe folgte mir, theils mit lauten Schmähreden, theils mit kranken Spott bis vor das Schloß, und die Verwalterin lehnte sich triumphirend weit zum Fenster ihrer Wohnung heraus, und schlug ein schallendes Gelächter auf, als sie mich erblickte. Nur ein mitleidiges Auge verbarg sich hinter die Gardinen ihres Zimmers, und weinte mir die sanften Thränen des Mitleids, — — es war Lorchen.
Man warf mich in einen feuchten Thurm der zum Gefängniß diente, und der selten von Missethätern und niemahls von Ungeziefer leer war. Als die eiserne Thür hinter mir zuschlug, war mir, als hätte sie mich auf ewig von jeder Lebensfreude geschieden. Ich fiel auf das nasse Stroh, das den Boden bedeckte, rang die Hände und schrie voll Verzweifelung: Ach! hätte man so mein Grab verschlossen! — Ich verlohr mein Bewußtseyn von neuem. Als ich mich erhohlte, sah ich den Gerichtsdiener neben mir stehn. Eine düster brennende Lampe, die an einer Kette hing, brach die schwarze Finsterniß meines Aufenthalts in eine schauerliche Dämmerung, die nicht weniger furchtbar war. Neben mir stand Wasser und Brod zu meiner Nahrung.