Ein Strom von Thränen stürzte aus meinen Augen. Ich streckte meine Arme bittend nach dem Gerichtsdiener aus, denn es war ja ein Mensch, und zwar ein Mensch, den ich nie beleidigt hatte. Aber durch sein Amt war er schon längst an Auftritte dieser Art gewöhnt — der immerwährende Anblick verworfener oder leidender Geschöpfe hatte sein Herz nach und nach mit einer eisernen Rinde überzogen. Mit kalter Unempfindlichkeit lachte er mir in's Gesicht und sagte: Nicht wahr, das ist ein kühles Nachtlager? Ja, wie man's treibt, so geht's! — Hierauf nöthigte er mich zu essen, und als mir dieß unmöglich war, löschte er brummend die Lampe wieder aus, und ging.
O wie lebhaft empfand ich in jenen einsamen nächtlichen Stunden trotz den mannichfaltigen Leiden meines Zustandes den Werth eines vorwurfsfreien Gewissens, und einer unbefleckten Tugend. Zwar that ich Verzicht auf jedes irdische Glück, das ich mir sonst von der Zukunft versprochen und erbeten hatte, aber in meiner Seele erklang wie eine reine Harmonie jene tröstende Stimme, die auch das Weh der bittersten Gefühle zu lindern vermag, die Stimme des Glaubens, daß wenigstens über den Sternen Vergeltung und Gerechtigkeit wohnt, die die verkannte Unschuld entschädigt. O wohl dem Unglücklichen, dem ein reines Gewissen bleibt! wohl ihm, wenn auch das Schicksal seinen herbsten Kelch ihm reicht. Der Kummer kann ihn niederbeugen, aber sein Bewußtseyn hebt ihn wieder empor; und wenn sein Blick auch von Thränen getrübt wird, so bleibt ihm doch die Aussicht in die Ewigkeit klar und hell, die den Schuldigen mit Grausen erfüllt.
Die vorige schlaflose Nacht, die ich gehabt hatte, und die Ermüdung des Körpers und des Geistes, die immer auf heftige Gemüthsbewegungen folgt, wiegte mich bald in einen Schlaf, der sanfter war, als man ihn wohl gewöhnlich in Gefängnissen zu schlummern pflegt.
Als ich erwachte, war der Morgen bereits angebrochen. Sein jugendlicher Schimmer stahl sich durch eine Ritze meines Kerkers, und weckte mich aus den Träumen einer bessern Welt zu dem schmerzlichen Gefühl der Gegenwart. Ach, Lorenz! was wirst du sagen, wenn du wiederkehrst? seufzte ich mit gerungenen Händen. — Kann ich, darf ich noch daran denken, dich jemahls zu besitzen? — Ach nein! — Die Unbescholtenheit meines Nahmens war ja nächst einem Herzen voll treuer Liebe das Wichtigste und Heiligste, was ich dir zubringen konnte. Ich bin beschimpft, wenn auch nicht vor Gott, doch in den Augen der Menschen, deren Meinung du ehren mußt. Nur dereinst in jenem Leben, wo das Verbrechen entlarvt und deine Justine gerechtfertigt seyn wird, nur da winkt mir Vereinigung mit dir! —
So sagt' ich, aber ich läugne nicht, daß sich allmählig und leise der Gedanke unter mein Selbstgespräch mischte: Warum soll ich unglücklich seyn, da ich tugendhaft war? — Kann ich mich denn nicht vertheidigen? — Warum soll ich meine Rechtfertigung erst von der Zukunft jenseits des Grabes hoffen, da sie auf Erden noch möglich ist, und da meine tadellosen Handlungen mir die kräftigsten Ansprüche auf sie geben? —
Süßer Wahn! Du kamest freundlich wie die lächelnde Gestalt der Hoffnung in die melancholische Abgeschiedenheit meines traurigen Behältnisses, und ich hielt dich fest, weil dein holdes Lächeln Balsam in meine blutenden Wunden goß. Ach ich wußte nicht, daß die Rache eines Wollüstigen unversöhnlich ist, bis sie ihren Gegenstand geopfert und zertreten hat — ich wußte nicht, daß in diesem Falle die Armuth — sei auch die reinste Tugend ihr Schild — in der Gewalt eines mächtigen Bösewichts sich nur sträubt, wie ein wehrloses Lamm in den Klauen des Wolfs, um zerrissen zu werden. Ich wußte es nicht, aber bald erfuhr ich's.
Man foderte mich vor den Kammerherrn. Ich trat mit all' dem Muth und Stolz, den mir mein Selbstgefühl gab, unter seine triumphirenden arglistigen Augen. Neben ihm saß seine Gemahlin und tändelte mit ihrem Schooßhunde. Das sämmtliche Hofgesinde schloß einen Kreis um ihn und mich.
Es herrschte eine feierliche Stille. Ich vernahm die Schläge meines pochenden Herzens — — der Gedanke, weswegen ich hier gleichsam vor Gericht stand, färbte meine Wangen mit dem brennenden Roth der unwilligen Beschämung, der gemißhandelten Ehrliebe.
Ei, ei! Du hast Deine Sachen dumm gemacht, redete mich die Kammerherrin an. Wenn Du denn doch einmahl stehlen wolltest, warum gerade ein Kleinod von so entschiedenem Werth, von einem Werth, den Du gar nicht einmahl zu schätzen verstehst? Tausend andre Dinge, die man weniger vermißt hätte, wären Dir nützlicher gewesen, und ihre Verantwortung würde Dir jetzt leichter seyn.
Ich habe nicht gestohlen! rief ich mit überwallendem Zorn. Nur die abscheulichste Bosheit, die schwärzeste Verläumdung kann mich eines Verbrechens beschuldigen, an das ich nie gedacht habe.