Das geht zu weit, unterbrach mich der Kammerherr. Vor allen diesen Zeugen — er wies auf Wolf und mehrere — hab' ich das Armband aus Deinen Kleidern gezogen, in die Du es listig verborgen hattest, und dessen ungeachtet bist Du so unverschämt, noch zu läugnen? Willst Du uns alle blind machen? — Schon Dein heimliches Entlaufen, Dein Schrecken, als man Dich ergriff, und die Ängstlichkeit mit der Du Dein Bündel über die Seite schafftest — schon dieß allein würde Dich verdammen, auch wenn ich den Beweis nicht in Händen hätte, der Dich vor aller Welt zur Diebin brandmarkt. Elendes Geschöpf! in Hinsicht Deiner Eltern will ich milder gegen Dich seyn, als die Gesetze des Landes, die Dir wenigstens das Spinnhaus auf Lebenslang zuerkennen würden. Jedermann zum Beispiel und zur Warnung sollst Du heute den ganzen Tag am Schandpfahl stehn; den Abend soll Dich der Gerichtsdiener mit Ruthen streichen, und über die Gränze von Spillingen bringen, die ich Dir bei ähnlicher Strafe verbiete, jemahls wieder zu betreten.
Pfui, lassen Sie das Ruthenstreichen nur weg, sagte die gnädige Frau mit einem Gesicht voll Abscheu, das aber nicht der kleinste Zug von Mitleiden verschönerte. Es ist genug, wenn sie am Schandpfahl der versammelten Menge beweißt, wieviel an der hochgepriesenen Tugend war, mit der sie so prahlte.
Auf ihr Zureden milderte der Kammerherr sein Urtheil. Überhaupt will ich zu ihrer Ehre glauben, daß sie nicht daran zweifelte, daß ich schuldig war. Der Kammerherr hatte das Armband zu sich gesteckt, um es unter meinen Sachen zu mischen, da meine unbesonnene Flucht den Verdacht eines Diebstahls einmahl erregt hatte, und dieser noch immer nicht hinlänglich war, mich ganz zu verderben, wenn der Beweis fehlte. Es gelang ihm. — Mit hämischem Triumph befriedigte er seine Rache, aber die Art und Weise, deren er sich bedient hatte, um dahin zu kommen, war doch zu schändlich, als daß er sie irgend einem Menschen hätte anvertrauen können, wär es auch seine eigene Gemahlin gewesen, vor der er übrigens eben nicht nöthig hatte, sich seiner Gesinnungen zu schämen, da sie so ziemlich übereinstimmend mit ihm dachte.
Vergeblich betheuerte ich unter Schwüren und Thränen die Falschheit seiner Anklage. Man überschrie, man mißhandelte mich, man schleppte mich fort. In der Mitte des Hofraums stand der sogenannte Schandpfahl, an dem Hausdiebe und ähnliche Verbrecher geschlossen wurden, um durch die damit verbundene Beschimpfung dem Pöbel, dessen Muthwillen sie Preis gegeben waren, ein warnendes Exempel zu seyn. In dumpfer Betäubung ließ ich alles mit mir machen, — es braußte vor meinen Ohren, ein schwarzer Flor, in dem alle Farben des Regenbogens spielten, schien vor meinen starren Augen zu schweben, — meine Gedanken mischten sich verworren unter einander, — ich wußte nicht, was um mich vorging.
Ach! diese Fühllosigkeit, — daß sie nimmer gewichen wäre! — Aber leider zerrann sie wie ein vergänglicher Nebel, gerade in dem Augenblick, wo ich ihrer am meisten bedurfte, um meine Sinne wider die härteste Minute meines Schicksals zu waffnen. Der donnernde Huf eines Rosses drang dumpf durch das lärmende Geschrei der Menge zu mir her. Eine schmerzliche Ahndung durchzuckte schneidend mein Inneres, — unwillkührlich schlug ich mein gesenktes Auge empor, — ach da erblickt' es Lorenzen, der so eben von seiner Reise zurückgekommen war. Blaß wie der Tod, mit hingeworfenem Zügel hing er auf dem Pferde, wie ein schauerliches Bild der Vernichtung. Erstarren, Wuth und Verzweiflung, seine Geliebte am Pranger zu sehn, mahlte sich auf seinem entstellten Gesicht. Krampfhaft zog sich meine Brust zusammen bei diesem Anblick, und ein Schrei des Jammers erstarb auf meiner Lippe, — — weiter kann ich nichts mehr von jener zermalmenden Stunde sagen, — immer dunkler wurde es vor meinen Blicken, — ich fühlte nur noch, daß ich niedersank. —
Das Rütteln eines Wagens, auf den man mich geworfen hatte, brachte mich nach einer langen Bewußtlosigkeit wieder zu mir selbst. Es fing schon an, Abend zu werden. — Die Sonne neigte sich zum Untergange, und ihr purpurrother Schimmer vergoldete Mühlbergs Thurm, der nur in einer geringen Entfernung von mir in dem Kranz der freundlichen Gebüsche lag, den ich nimmer hätte verlassen sollen. Mein zerrissenes Herz regte sich in der Fülle seiner Schmerzen bei dem Andenken meiner vorigen einfachen Glückseligkeit, und bei der Annäherung des erschütternden Wiedersehens, das mir bevorstand.
Ich konnte dem Ausbruch der Thränen nicht wehren, die mir die Verzweiflung erpreßte, und mein lautes Weinen, zog endlich die Aufmerksamkeit meines unempfindlichen Führers auf sich. Es war ein Bauer aus Spillingen. Der Gerichtsdiener hatte mich ihm ohnmächtig überliefert, mit dem Befehl, mich meinen Eltern zu bringen. Höchst unbekümmert um meinen Zustand war er ruhig mit mir fortgefahren, ohne sich damit zu befassen, ihn zu erleichtern. Gleichgültig langte er bey der Wohnung meiner Eltern an, und als ich kraftlos aus dem Wagen stürzte, und weinend weder ihre Fragen zu beantworten, noch ihre Angst zu stillen vermochte, warf er murrend, daß ihm niemand beistand, meine Sachen herunter, die man mit aufgeladen hatte, und sagte: Ja, ja, wie die Arbeit, so der Lohn. Da habt Ihr Euer sauberes Früchtchen. Dankt Gott, daß sie noch so davon gekommen ist, und haltet sie künftig lieber zum Gebet und Fleiß, als zum Stehlen an. — Damit schwang er seine Peitsche und fuhr fort. Ich sah nur noch meinen Vater schwanken, sein graues Haupt entblößen, und seine gerungenen Hände mit dem gebrochenen Blick des tiefsten Jammers zum Himmel erheben, — ich hörte nur noch die Frage meiner Mutter: Ach Gott! was hast Du angefangen? — dann entzog mir ein heftiges Fieber, das mich überfiel, meine Besinnung, und diesen herzzerschneidenden Anblick.
Fünf Wochen lag ich ohne Hoffnung, ohne jemand zu kennen, — ohne meiner Vernunft mächtig zu seyn. Die wilden Fantasien, in denen ich schwärmte, meine Ausrufungen und meine Klagen, in denen trotz der Verwirrung meiner Sinne doch ein gewisser Zusammenhang war, der den Stempel der Wahrheit trug, alles dieß verrieth den Meinigen mein Schicksal und mein Elend. — Ach ich war glücklicher als sie, so lang die Raserei der Krankheit dauerte. — Der erste Tropfen, der mir im Becher der Genesung blinkte, war mit neuer Bitterkeit vermischt, die mein ganzes Leben mit stillem, zehrendem Gram vergiftete.
Als ich wieder zum erstenmahl die Gegenstände und die Personen unterscheiden konnte, die mich umgaben, erkannt' ich meine gute Schwester, die an meinem Bette saß. Ich streckte meine Arme nach ihr aus, und sie drückte mich zwar mit einem Freudengeschrei, aber zugleich mit einer Fluth von Thränen an ihr Herz, die mich erschreckte, als ich ihr bleiches, kummervolles Gesicht, die tiefe Trauer in ihrem Anzug und in ihrem ganzen Wesen bemerkte. Ich konnte die ängstliche Furcht nicht verscheuchen, die mir zuflüsterte, daß mir noch ein neues schweres Leiden bevorstand. Eilig und sehnsuchtsvoll frug ich nach meinen Eltern. Die Mutter ist krank, antwortete Philippine. Ihre Sorgfalt für Deine Pflege, ihr Gram über Dein Unglück und über mancherlei andere Dinge hat sie aufs Krankenbett gelegt. Doch verspricht der Doktor sie bald wieder herzustellen, und die Freude, daß es sich mit Deiner Gesundheit bessert, wird vortheilhafter auf sie wirken, als die kräftigsten Arzeneien. —
Und mein Vater? — Philippine schwieg einige Momente, dann sprach sie mit zurückgehaltenen Thränen: Der Vater schläft — ihm ist wohl!