O wenn das ist, so wecke ihn. Laß mich ihn sehn, daß ich ihm mein Schicksal klage, und meine Unschuld betheuere. —

Philippine fing heftig an zu weinen. Ich soll ihn wecken? sagte sie. Ach, wenn ich das könnte! — Das vermag nur Gott, der ihn zu sich nahm.

Justinens Auge floß hier über — sie nahm den Faden ihrer Erzählung nur nach einer langen Pause wieder auf, in der sie mit ihrem Schmerze zu kämpfen schien. O lassen Sie mich von den Gefühlen schweigen, sagte sie dann, die bei dieser schrecklichen Nachricht meine Seele erschütterten. Ich erfuhr, als ich erst wieder Kräfte hatte, mich näher zu erkundigen, daß der Schrecken meinem Vater eine Art von Schlagfluß zugezogen, und daß der Kummer und die Vorwürfe, die er meinetwegen sich selbst gemacht hatte, ihn nach einem kurzen Krankenlager ins Grab gestürzt hatten. Die festere Natur meiner Mutter erhielt sie mir noch ein Jahr — dann folgte sie ihm vor Gottes Richterstuhl, wo sie als Anklägerin den Urheber meines Elends erwartet.

Und Lorenz? fragte ich mit inniger Bewegung. Konnte Lorenz ein Herz verkennen, das so edel, und so ganz sein eigen war? —

Lorenz, versetzte Justine mit einem traurigen Lächeln, Lorenz war ein Mensch. Ob er mich wirklich einer niedrigen Handlung fähig hielt, ob die Umstände, die wider mich sprachen, auch ihn zu meinem Nachtheil stimmten — ob die Schande, die ich öffentlich erduldete, oder der Wille seiner Mutter eine unübersehbare Kluft zwischen ihm und mich warf — das weiß ich nicht. Nur das weiß ich, daß ein halbes Jahr verging, ehe mein Schmerz über den Verlust meines Vaters, und meine Sorge für die wankende Gesundheit meiner Mutter mir erlaubte, nach ihm zu forschen. Die erste Nachricht, die ich von ihm einzog, war die Nachricht seiner Verbindung mit Lorchen.

Es überraschte mich — ich läugne es nicht — es fiel mir hart. Aber ich war nun schon so in der Übung zu leiden, wenn ich mich so ausdrücken darf, ich hatte der Hoffnung glücklich zu seyn nun schon so ernst und freiwillig entsagt, daß ich bald im Stande war, mich zu fassen. Kurz darauf hatte ich Gelegenheit, mich von den nähern Umständen und dem Charakter des alten Werners und seiner Familie genau zu unterrichten. Ich hörte so manchen Zug ihrer Rechtschaffenheit, so manches ungekünstelte herzliche Lob, das vorzüglich Lorchen betraf, daß ich nicht daran zweifeln konnte, Lorenz sei glücklich. Auch erfuhr ich, daß seine Heirath der lange ernste Plan seiner Mutter gewesen war, und ich tröstete mich durch die Überzeugung, daß sie nie in eine Verbindung mit mir gewilligt, oder doch wenigstens durch ihre Abneigung und ihre Denkungsart unser häusliches Glück getrübt haben würde.

Als ich die letzte, traurigste aller kindlichen Pflichten befolgt, und meine Mutter zu ihrer Ruhestätte begleitet hatte, verließ ich Mühlberg, und zog hieher zu meiner Schwester. Die freundliche Liebe, die mich empfing, und die mich bald an ihr Haus, an ihren Mann und ihre Kleinen fesselte, die Einigkeit in unserm engen, trauten Familienkreise, — o das erweckte die erste blühende Empfindung wieder, die mich aus dem langen Winterschlaf meiner Seele riß. In Thätigkeit und Fleiß, und — warum sollte ich die reinste Quelle meiner Beruhigung verhehlen? — in stiller Andacht und Gebet errang ich mir jene sanfte Ergebung, die sich ruhig auch in harte Schicksale fügt. Ich dachte noch oft an Lorenz, und trauerte um meine vergeblichen Träume. Wenn ich mir ihn als Lorchens Gatten vorstellte, war es mir eine Art von Trost zu glauben, daß ihn nur die Meinung meines Unwerths, und kein Wankelmuth von mir geschieden hatte, denn, — es dünkt Sie vielleicht bloß eine Schwärmerei, — aber fest und innig ist der Glaube in meine geprüftesten Grundsätze verwebt, daß eine Liebe, die von selbst aufhören kann, keine Liebe war, und diesen heiligen Namen nimmer verdiente. Und die Gewißheit, daß mich Lorenz nicht so mit ganzer Seele geliebt hätte, als ich es meinte, — — ach die könnt' ich schwerer ertragen, als all' mein gehabtes Unglück, stürmte es auch noch einmahl über mich zusammen, denn sie ist der einzige Strahl, der meine stille Abgeschiedenheit erheitert, wenn ich an die vorigen Zeiten denke.

Und suchten Sie nicht den Bösewicht zur Strafe zu ziehen, der Ihnen diese trüben Tage bereitete, fragte ich. Drangen Sie nicht auf eine öffentliche Genugthuung?

Nein, antwortete Justine. Bei dem Cirkel, in welchem ich lebe und bei meinen Bekannten in Mühlberg bin ich längst gerechtfertigt. Sie kannten mich zu gut, um nur Einen Augenblick an meiner Unschuld und an der Wahrheit meiner Aussage zu zweifeln. Daß man auch in Spillingen weiß, daß ich unverdient gelitten habe, kann mir nichts helfen, denn ich habe keinen Sinn für Rache, und wenn es Lorenz erführe, so könnt' es den Frieden seiner Ehe stören. Denn ach! — müßten nicht Reue und Schaam sein Inneres zerreißen, wenn er hörte, daß ich niemahls seiner Achtung unwerth gewesen wäre, — — daß nur meine Treue und meine Tugend mich in Schande und Elend gestoßen, und Er mich ungehört verdammt, und den Bund der Liebe zerrissen hätte, den ich durch keinen Fehltritt entweiht? — Nein, oft wünscht ich zwar in seinen Augen gerechtfertigt zu seyn, aber nicht auf Kosten seiner Ruhe. Er lebt vielleicht zufrieden und glücklich, — könnte er es auch noch dann, wenn er wüßte, wie ungerecht er dadurch gegen mich gewesen, daß der Schein einer strafbaren Handlung ihm soviel als Gewißheit gegolten habe? Ich glaube es nicht, und darum trage ich ohne Murren das kränkende Gefühl seiner Verachtung.

Sie sagte diese Worte feierlich und langsam mit dem Ton der stillsten Trauer. Ich umarmte sie dankbar für ihre Erzählung, und konnte ihr den Zoll des Mitleids und der Bewunderung nicht versagen. Zu gleicher Zeit aber erregte Lorenzens Betragen den ganzen Unwillen meines Herzens, ob ich ihn gleich nicht zu äussern wagte, da Justinens reine Güte ihn zu entschuldigen schien. Ach verdiente das treuste Herz keine Nachforschung, ob es auch schuldig war? dacht' ich schmerzlich bei mir selbst, als ich Justinens blasse Gestalt, so rührend mit dem Stempel jener stillen Ergebung bezeichnet sah, die nur ein langwieriger Gram hervorbringen konnte, — jener Ergebung, die zwar geduldig die Bürde des Schicksals trägt, aber todt für alle Freuden ist, die ihr die Zukunft als Entschädigung bietet. In ihrem nassen Auge strahlte noch der Liebe reinste Flamme in unvergänglicher Jugend bei der Erinnerung des Geliebten, — ach, und er konnte sie einem Verdachte opfern, den nur leise zu fassen, schon Beleidigung für ihre fromme Seele war? Nicht allein die Innigkeit seines Verhältnisses mit ihr; auch die Pflicht des redlichen Mannes, dünkte mich, hätte ihn auffordern sollen, die Entdeckung der Wahrheit zum Ziel seiner regesten Thätigkeit zu machen, ihre Unschuld zu prüfen, sie der Welt zu beweisen, und das Unrecht zu rächen, das sie drückte. —