Die kindischen Ausrufungen der Freude, die wir vernahmen, kündigten Justinen die Zurückkunft ihrer Verwandten an. Wir traten heraus, als eben das ländliche Fuhrwerk vor der Hausthür hielt. Die Kleinen begrüßten mit frohem Geschrei ihre Geschwister und ihre Mutter, die, als mich Justine ihr vorstellte, mich zwar freundlich, aber nur flüchtig willkommen hieß, und mit ihrem wohlwollenden Auge, in das sich Unruh mischte, aufmerksam und forschend auf dem stillen, ruhigen Gesicht ihrer Schwester verweilte, die mit den Kindern, welche indessen froh die bunten Geschenke des Jahrmarkts betrachtet hatten, sogleich den Schwager vermißte.
Aber wo ist denn Dein Mann? frug sie Philippinen, und die Kleinen hingen sich mit zärtlichem Ungestüm an ihre Mutter und riefen: Warum hast Du uns denn den Vater nicht wieder mitgebracht? —
Er kommt zu Fuße nach, antwortete Philippine, und bringt einen Fremden mit. Sie stiegen unten am Walde ab, um Dich nicht zu heftig zu überraschen.
Verwundernd blickte sie Justine mit großen Augen an. Wer ist denn dieser Fremde? sagte sie furchtsam, als ergriffen ahndende Vorstellungen ihr Inneres. Philippine fiel ihr mit Thränen um den Hals. Ein Unglücklicher, sagte sie, der an Deinem treuen Herzen Ersatz für das verlohrene Glück der Vergangenheit sucht, um welches das Schicksal ihn betrogen. Ach Justine, bist Du wohl stark genug, um ohne gewaltsame Erschütterung einen alten Bekannten wieder zu sehn, der Dir so theuer war, und der es noch ist, ob Du gleich seinen Verlust als unwiederbringlich betrauertest?
Justine zitterte — ihre Brust arbeitete unter heftigen Bewegungen, ihre Lippen bebten, ohne zu sprechen. Eben kam Färber mit dem Fremden aus dem waldigten Hintergrund. Ich sah eine hohe, schöne männliche Gestalt mit edlen ausdrucksvollen Zügen, denen aber stiller Kummer seine Furchen eingegraben hatte. Dunkles Haar umflog die bleichen Wangen, von denen der Gram die Blüthe der ersten Jugend und der vollen lachenden Gesundheit hinweg gebrochen hatte, ohne darum seinem Gesicht die Anmuth zu rauben, die es mit unaussprechlichem Interesse beseelte. Wäre auch die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Schattenriß in Justinens Zimmer nicht so auffallend gewesen, wie sie wirklich war, so würde schon sein großes schwarzes unbeschreiblich rührendes Auge, das ich aus ihrer Erzählung kannte, mir ihn als Lorenz genannt haben.
Obgleich Justine durch ihre Schwester und durch ihre eignen Ahndungen auf seinen Anblick vorbereitet war, da niemand als Er eine so tiefe innige Beziehung auf ihr Herz und ihr Geschick hatte, als daß sie zweifeln konnte, ihn zu sehn, so wirkte seine Annäherung doch gewaltsam, beinah vernichtend auf ihr ganzes Wesen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, und warf sich mit einem Laut des durchdringendsten Schmerzes in meine Arme. Lorenz eilte, beinahe eben so sehr von seinen Gefühlen ergriffen, wie sie, auf sie zu, und zog eine ihrer Hände von ihren strömenden Augen zu seinem Munde. O Justine, sagte er leise, denn seine Stimme wurde durch die Wehmuth halb erstickt, die ihn beherrschte: könnten wir beide alle die Leiden vergessen, die zwischen diesem Augenblick und der Stunde liegen, in der wir uns zum letztenmahl sahen! — Ich beweinte Dich als eine Todte, ach! und als ich erfuhr, daß Du lebtest, hielten mich ernste Pflichten von Dir entfernt, und ich durfte nichts, als um Dich trauern.
Du hieltest mich für todt? schluchzte Justine: ach, das war ich auch für Dich — ich mußte es ja seyn, um meiner Ruhe willen und wegen Deines eignen Friedens, da Du mich so schnell, so grausam, so ungeprüft vergessen konntest. — Sie zog ihre Arme zurück, die sich gleichsam mechanisch gehoben hatten, ihn zu umfassen. Der Gedanke: Er ist nicht mehr mein! schien vor ihrer Fantasie zu schweben, und mahlte sich in ihren starren, verzweiflungsvollen Augen.
Ich hätte Dich vergessen können? rief Lorenz. O Justine, Du thust mir Unrecht. Dein Andenken war unzertrennlich von mir — es begleitete mich wie mein Schutzgeist. Ach, wenn es von mir gewichen wäre, wär' ich vielleicht weniger unglücklich gewesen. Jetzt sind die Bande zerrissen, die mich fesselten. Der heilige Wille meines sterbenden Weibes giebt Dir diese Zeilen zum Vermächtniß — und mich!
Seine Thränen flossen — Justinens heftiger Schmerz ging in die sanfteste Rührung über. Im heißen Mitgefühl dieser Scene hatte ich bisher den schwarzen Flor übersehen, der um seinen Arm geknüpft war — jetzt, als ich ihn bemerkte, als er den Sinn seiner Worte bedeutend unterstützte, schöpfte mein Herz, zwar von Wehmuth bewegt, aber doch heiter, eine frohe Hoffnung für Justinens künftige Tage.
Ihre bebende Hand ergriff den Brief, den er ihr reichte, aber sie vermochte es nicht, sein Siegel zu öffnen, und ihn zu lesen. Bittend gab sie ihn mir, und neigte ihr Gesicht an den Busen ihrer Schwester. Ich verstand ihr flehendes Auge und ihren Wink — es herrschte eine allgemeine Stille, — ich benutzte sie, erbrach ihn, und las: