»Wenn am Rande meines Grabes mir noch ein Gedanke Freude machen kann, so ist es der, daß mein Daseyn nun nicht mehr zwei gleichgeschaffne Herzen scheidet — Herzen, die sich liebten, ehe noch das Schicksal und meine Neigung zwischen sie trat. Justine! ich habe Ihnen wehe gethan, können Sie mir vergeben? Ich habe Sie des Verbrechens fähig gehalten, dessen man sie beschuldigte, weil ich unvermögend war zu glauben, daß die menschliche Natur bis zu der Abscheulichkeit einer solchen Verläumdung sinken könne. Ich habe einer unglücklichen Schwachheit gefolgt, und in dem kühnen Wahn, als werde es mir gelingen, Ihr Bild in Lorenzens Brust zu verlöschen, bin ich seine Frau geworden. Ach, es war ein Wahn, auf den sich süße Träume gründeten, den aber die Wahrheit nur allzu schnell vernichtete, daß treue Liebe ewig ist. — Möchte mein Tod Ihnen recht bald den Geliebten wiedergeben, den, wie ich fühle, man niemahls vergessen kann. Möchte ein langes und glückliches Leben an Ihrer Seite den besten Mann für den Edelmuth belohnen, mit dem er Jahre lang seinen verschwiegenen Kummer trug, um meiner kranken Empfindung zu schonen, die sich es nicht verhehlen konnte, daß er meine Zärtlichkeit nur duldete, nicht erwiederte. Ich nehme die Hoffnung mit mir aus der Welt, daß Sie die erste und letzte Bitte, mit der ich mich Ihnen nahe, nicht unerfüllt lassen werden. Sie besteht darin, daß Sie den Triumph Ihrer Unschuld, die Ihr Verfolger auf seinem Sterbebett bekannt hat, in den Armen meines Lorenz genießen — meines Lorenz, den ich nur als den Ihrigen gern zurücklasse, und den ich Ihren ältern, von seiner wärmsten Gegenliebe geheiligten, Ansprüchen wiedergebe. Suchen Sie ihn die trüben Stunden vergessen zu machen, die er in einer Verbindung vertrauerte, die nicht die Wahl seines Herzens schloß, und über die er mich so großmüthig, wenn gleich vergeblich, zu täuschen suchte. Und wenn die Zukunft, die ich für Sie im heitersten Lichte erblicke, Sie mit der Vergangenheit wieder aussöhnt, o so verweilen Sie bei meinem Andenken bisweilen einen Augenblick in freundlicher Erinnerung, und wünschen Sie meiner Asche die Ruhe, nach der ich mich sehne.

»Und wenn Lorenz zuweilen mein stilles Grab besucht, und mit einer Thräne auf den Hügel blickt, der meine schlummernden Gebeine bedeckt — o so halten Sie diese Thräne, die nur das Opfer seiner Freundschaft ist, nicht für einen Hochverrath der Liebe, und zürnen Sie der Rührung nicht, mit der er sich meiner treuen Anhänglichkeit erinnern wird. Ach diese Anhänglichkeit war es ja, die mein Herz im frühen Todeskampfe brach — mein Herz das nur darum dem Sterben muthig entgegen schlug, weil es fühlte, daß es selbst mit dem redlichsten Bemühen nicht die Foderungen seiner Sehnsucht zu stillen vermochte. — O Justine, reizend lachte mich einst das Leben an, aber was ist das Leben ohne Liebe — was ist Liebe ohne Erwiederung? — Seyn Sie glücklich — machen Sie Lorenz glücklich! Das ganze Übermaß des Segens, womit der Himmel seine Lieblinge überschüttet, wird mein Gebet dann auf Sie hernieder flehen, und mein Geist, auch noch jenseits mit Bildern der Vergangenheit beschäftigt, wird, wenn es ihm vergönnt ist, Sie unsichtbar umschweben und mit wehmuthsvoller Freude Antheil an dem Glück Ihres Bundes nehmen.«

Wir weinten alle, und eine feierliche Stille umfing unsern Kreis, als ich aufhörte zu lesen, gleichsam als fühlten wir Lorchens geheime Gegenwart in einem linden Wehen, wie man das Nahen der Geister sich denkt, und als suchten wir ihr Andenken durch Schweigen und Thränen zu ehren.

Endlich ermannte sich Lorenz. Bescheiden hoffend trat er vor Justinen, und hob seine schönen, nassen Augen bittend und mit der ganzen Innigkeit der Liebe zu ihr empor. O Justine, rief er, und seinen männlichen Ton brach sanft die Rührung, die noch aus seinen Blicken leuchtete, stimmt Dein Herz nicht mehr in die Wünsche des meinigen ein? Darf ich, wenn ich mein Betragen gegen Dich gerechtfertigt habe, wenn ich Dir geklagt habe, wie tief und endlos mein Kummer um Dich war, darf ich dann nicht hoffen, daß Dein Besitz mich für meine Leiden entschädigen werde, und daß Du nicht bloß um das Verlangen der guten hingeschiedenen Seele zu erfüllen, die sterbend unser Glück von Gott erbat — nein, daß Du aus eigner Neigung mir diese liebe Hand reichen werdest, die so lange schon das Ziel meines heißesten Strebens war?

Justine trocknete ihr Auge, und lehnte matt ihr Gesicht an Philippinen, die sie freundlich und liebevoll unterstützte. Ach Lorenz, sagte sie sanft, schone meiner Schwäche. Schmerz und Freude Dich wieder zu sehn, Überraschung und Wehmuth machen mich unfähig, Dir jetzt zu antworten. Begnüge Dich mit dem Geständniß, daß Dein Bild noch eben so fest in meiner Brust steht, als in jenem Augenblick, der es zuerst mit den Flammenzügen der Liebe ihr eingrub. Erkläre mir erst, wie es möglich war, daß Du mich meinem harten Schicksal so ganz überlassen konntest, ohne es durch Deinen Beistand lindern zu wollen — helle mir das Dunkel auf, das feindseelig über dem Theil der Vergangenheit liegt, den ich nie begreifen konnte, und dann — sie verstummte. Lorenz deutete ihr Schweigen, und drückte sie mit Wärme an sein Herz.

Daß auf meiner ganzen Reise, (hub er seine Erzählung an) die mir der Kammerherr mit der dringendsten Eil anempfahl, Du mein Hauptgedanke bliebst — daß Du mitten in den Geschäften, die mich verwickelten, der Gegenstand meiner innigsten Sehnsucht warst, das glaubst Du gewiß meinen Betheuerungen, in die sich noch nie die kleinste Unwahrheit mischte. Es war mir unmöglich gewesen, Dir Lebewohl zu sagen, denn ich sah jeden meiner Schritte bewacht, und die Ängstlichkeit des Kammerherrn, mit der er mich zur Abreise trieb, hätte sicher meinen Argwohn erregt, wenn nicht der Unmuth über die unartige Behandlung meiner Mutter stärker in mir gewesen wäre, als die Verwunderung über seine sonderbare Eil. Gespornt — nicht bloß von seinen Befehlen, sondern von dem Verlangen bald wieder zu kommen, verfolgte ich meinen Weg und suchte meine Aufträge mit der möglichsten Schnelligkeit zu besorgen. Ach mit einem Herzen, das Dir so heftig entgegen schlug, das so gern durch die ganze Fülle seiner Zärtlichkeit Dich für die trüben Stunden entschädigt hätte, die die Unfreundlichkeit meiner Mutter und meine schnelle Entfernung Dir schufen, kehrte ich nach Spillingen zurück, und hoffte, Deiner verwundeten Seele Trost durch meinen Anblick zu bringen. Der Auflauf von Menschen auf dem Hofraum erregte nur flüchtig meine Neugierde. Unbekümmert, was es bedeuten mochte, spähte mein Auge nach allen Fenstern des Schlosses, in der Erwartung, Dich an einem derselben anzutreffen, aber vergebens. Alle bekannten Gestalten, nur die geliebtere nicht, begegneten meinem Blicke, und so richtete ich ihn dann mißmuthig auf den Punkt, um den sich lärmend das Gedränge des Volks herzog. Großer Gott, wie wurde mir zu Muthe, als ich Dich am Schandpfahl erblickte! — Ich fühlte eine Lähmung in allen meinen Gliedern, mein Blut erstarrte, meine Pulse stockten. Ich weiß nicht, wie ich vom Pferde kam. Meine starke Natur trotzte zwar einer gänzlichen Ohnmacht, aber eine dumpfe Betäubung, die ihr glich, hielt meine Sinne wie mit dunkler Nacht umfangen, und ich war unfähig, für mich selbst zu denken und zu handeln. Man hatte mich zu Bette gebracht, da ich mehr einem Todten, als einem Lebenden glich. Nach einigen Stunden, die ich wohl so zugebracht haben mochte, kehrte meine Besinnung wieder. Es kam mir vor, als hätt' ich geträumt, und eben wollt' ich mich aufrichten, um zu fragen, was mit mir vorgegangen war, als eine heiße Thräne auf mein Gesicht fiel, und eine warme weibliche Hand die meinige ergriff und leise drückte. Ich wendete mich um, und sah Lorchen, die neben meinem Bette stand, und sich mit jenem sanften Ausdruck des Mitleids über mich bog, der auch unbedeutende Züge mit dem stillen, aber tief eindringenden Reiz der herzlichsten Güte schmückt. Sie reichte mir einige stärkende Tropfen und ein Glas Wasser, aber nur mit den Schreckensbildern beschäftigt, die vor meiner Fantasie schwebten, wies ich jede Hülfsleistung zurück, und forschte nur nach Dir!

Soll ich Ihnen eine so unangenehme Erzählung nicht auf eine ruhigere Stunde aufsparen? sagte Lorchen mit bittenden Mienen, und suchte meine Aufmerksamkeit von einem Gegenstand wegzulenken, der mir so traurig und doch so wichtig war. In diesem Augenblick trat meine Mutter herein. Ich las, — ach Justine, warum muß ich es sagen, ich las in ihrem höhnischem Lächeln, was mir Lorchens zarte Schonung verschweigen wollte, — ich las die Bestätigung der Scene, die wie ein dunkler Traum vor meinem Geiste schwankte, und bald vernahm ich von ihren Lippen wessen man Dich beschuldigte.

Wäre ich Deiner Liebe wohl jemahls werth gewesen, wenn ich nur einen Moment die Reinheit Deiner Seele durch den Verdacht hätte entweihen können, daß diese schändliche Behauptung gegründet war? Und doch — ist der Stolz nicht verzeihlich, der sich bitter in mir regte, der Stolz, dem es wohl thut, den Gegenstand seiner Leidenschaft vor der ganzen Welt geachtet zu sehn, und der selbst in der festen Überzeugung, daß Du unschuldig littest, mit grellen Farben und wüthendem Schmerz nicht bloß den Anblick Deiner Leiden, sondern auch ihre Folgen mir mahlte. Ich hätte weinen mögen, wie ein Kind, denn nicht allein die Unbescholtenheit Deines Gemüths, auch Deines Namens, galt mir mehr, wie der halbe Erdball, und ich hätte ihn willig hingegeben, wenn er mein gewesen wäre, um den Flecken auszulöschen, den diese unglückliche Beschuldigung Deiner Ehre anhing.

Alle Rücksichten, die ich sonst für nöthig hielt, fielen jetzt vor mir weg, — ich verhehlte weder meinen Kummer noch meine Liebe, und beschwor Deine Unschuld mit aller Wärme meines gereizten Gefühls. — Die Unschuld weiß sich zu vertheidigen, sagte meine Mutter. Sie läuft nicht bei Nacht und Nebel davon, und führt auch keine brilliantene Armbänder bei sich, die ihr nicht gehören. Frage nur alle die, die den gnädigen Herren begleiteten, als er ihr nachsetzte, ob er sie nicht in ihrem Beiseyn über den Beweis ihres Verbrechens ertappt hat. Was die Liebschaft betrifft, die Du mit ihr hattest, so bist Du viel zu vernünftig und ehrliebend, als daß Du nicht einsehen solltest, daß daran nicht mehr zu denken ist. Welcher Mensch mit fünf gesunden Sinnen und rechtlicher Denkungsart wird wohl ein Mädchen nehmen, das wegen überwiesener Spitzbüberei öffentlich am Schandpfahl gestanden hat? —

Justine konnte ein leises Schluchzen nicht unterdrücken. Ich thue Dir weh, sagte Lorenz, laß mich abbrechen. — Nein, versetzte Justine, fahre nur fort, und kehre Dich nicht daran, wenn Deine Erzählung Gedanken und Erinnerungen in mir weckt, die mir Thränen kosten. Ach sie kann ja doch nicht herber seyn, wie alles das, was ich litt.