Lorchens Auge, fing Lorenz wieder an, benetzte sich sanft. O wer hätte hinter diesen holden, lieblichen Zügen eine so erniedrigende Handlung vermuthen können, sagte sie. Es that mir unbeschreiblich weh, als man sie zurückbrachte, und um ihr den Schimpf ihrer Strafe zu ersparen, hätte ich gern alles, was in meinem Vermögen ist, hingeben mögen. Aber gleichwohl kann ich sie unmöglich für unschuldig halten, so sehr ich auch wünschte, daß sie es wäre, denn ihre Flucht, ihr Bemühen, das Bündel zu verstecken, worin sich das Armband befand, und die Betroffenheit, die sie zeigte, als sie sich entdeckt sah, alles dieß spricht leider nur all zu sehr zu ihrem Nachtheil, und ich kann sie wohl bedauern, aber nicht entschuldigen.
Jedes ihrer Worte war ein Dolchstich, der in mein Inneres drang. Ob ich gleich nie bis zu einem Zweifel an Deiner Redlichkeit sank, so konnte ich mir doch das Räthsel Deines Benehmens nicht lösen, und die Ungewißheit in dem, was Dich dazu bewogen haben konnte, war mir höchst schmerzlich, ob mich gleich alles zu überreden suchte, daß eine Erklärung nicht anders, als noch schmerzlicher seyn könne.
Da ich dem Kammerherrn keine Nachricht von dem Erfolg meiner Aufträge gab, kam er selbst, um sich darnach zu erkundigen. Er bedauerte theilnehmend meine Unpäßlichkeit, die er dem bloßen Zufall zuschrieb, und spielte, was mein Verhältniß zu Dir betraf, meisterhaft den Unwissenden. Da er indessen den Vorgang nicht wohl mit Stillschweigen übergehen konnte, so sprach er so unbefangen davon, wie nur ein gutes Gewissen, oder die höchste Frechheit es im Stande ist. Wer hätte diesem hübschen Mädchen ein solches Laster zutrauen sollen, sagte er. Gott weiß, daß es mir recht nahe ging, hart, oder vielmehr gerecht gegen sie zu seyn, aber vielleicht bessern sie die Folgen dieser verunglückten Probe für ihr ganzes künftiges Leben, und das soll mir herzlich lieb seyn.
Die Gewißheit, mit der er von Deinem vermeintlichen Vergehen sprach, empörte mich zu sehr, als daß ich sogleich hätte antworten können. Er schien zu bemerken, was in mir vorging, und entfernte sich schnell, um den gewaltsamen Ausbruch meiner Gefühle zu vermeiden. Unter dem Vorwand der Sorgfalt um meine Gesundheit gab er den Befehl, mich genau zu bewachen, den meine Mutter nur gar zu gern befolgte. Man behandelte mich völlig wie einen Kranken. Meine Klagen und Verwünschungen, die immer Bezug auf Dich hatten, hielt man für Fieberfantasien, und suchte durch starke Aderlässe und andere medicinische Ermattungsmittel meinem kochenden Blut einen ruhigern Gang zu lehren. Aber mit dem letzten Tropfen desselben wäre doch die geheimnißvolle Allmacht nicht geschwächt worden, die mich mit tausend zarten unsichtbaren Banden an Dein Wesen kettete. Acht Tage lang hielt ich den Zwang aus, der mich fesselte, weil mir der Verlust meiner Kräfte zu fühlbar war, als daß ich die Hindernisse hätte hinweg räumen können, die jeden Versuch nach Dir zu forschen, vereitelten. Endlich aber raffte ich mich auf, und erklärte fest und entschlossen meinen Vorsatz, Dich zu sehn, und Dich aufzusuchen. Meine Mutter hörte meinen Entschluß unruhig an. Ihr Blick, ihre Miene, ihr Ton war sanfter, wie gewöhnlich. O mein Sohn, sagte sie, vergiß doch das Vergangene. Selbst wenn Justine unschuldig wäre, selbst wenn ihre Schande sie nicht auf immer von Dir geschieden hätte, würde sie jetzt für Dich verlohren seyn. — Sie ist todt! — Todt? rief ich fürchterlich erschüttert, ach unmöglich, unmöglich!
Leider ist es wahr, sagte Lorchen, die seit dieser unglücklichen Geschichte wie ein Glied unserer Familie bei uns geblieben war, und mit aller Wärme der zärtlichsten Freundschaft meine Pflege mit meinen Eltern getheilt hatte. Sichere Nachrichten haben uns verkündigt, daß sie schon vor einigen Tagen gestorben ist. Ach was muß sie nicht gelitten haben, da sie so plötzlich in der vollen Blüthe der Jugend und Gesundheit ein Opfer des Todes wurde! Gewiß hat sie Schmerz, Schaam und Reue zum frühen Grabe geführt. —
Tod! ich vermochte den Gedanken nicht zu fassen. — Nein, sie lebt, sie lebt! rief ich, aber die Vorstellung, wenn es nun doch so wäre? schnitt mit Höllenquaalen in mein blutendes Herz. Ich sattelte mein Pferd. Was willst Du machen? fragte meine Mutter.
Ich will hin nach Mühlberg, ich will mich selbst überzeugen, — aber wehe dem, der durch eine Lüge dieß gräßliche, vernichtende Bild vor mir aufstellte. Ich würde die Pein, dir ich jetzt leide, fürchterlich an ihm rächen. Doch nein, nein, setzte ich weicher hinzu; ich würde ihm vergeben, — ich würde ihm danken, daß es nur Lüge war.
Ich schwang mich aufs Pferd, und hatte eben den Hof verlassen, als ich des Kammerherrn Stimme fast athemlos hinter mir hörte. Nur eine Minute hielt ich den Zügel an, um zu vernehmen, was er wollte. Unbesonnener, zurück! rief er, ich muß für Dein Bestes sorgen. Der Anblick, dem Du entgegen eilst, taugt nicht für einen Halbgenesenen.