So waren drei Monate verstrichen, und je mehr ich wieder zu mir selbst kam, je inniger fühlte ich mich durch Dankbarkeit und Freundschaft an Werners liebevollen Familienkreis gefesselt. Man erwähnte Deinen Namen nicht, und ich empfand wohl, daß es nicht aus Gleichgültigkeit geschah, sondern um mein Herz zu schonen. —
Meine Eltern besuchten mich zuweilen, und klagten jedesmahl über die Härte, mit der sich der Kammerherr jetzt gegen sie benahm. Auch mir hatte er den Abschied in den ungerechtesten zornigsten Ausdrücken geschickt, und vielleicht da er so sehr über mich erbittert war, bewog ihn nur die allgemein anerkannte Redlichkeit meines Vaters und seine eigene Unkenntnis der Wirthschaft ihm nicht ebenfalls den Dienst aufzusagen. Ich sahe wohl ein, daß es nicht der rühmlichste Weg meines Fortkommens war, bei Leuten, die ohngeachtet ihrer Güte mir doch nur immer Fremde waren, im sorgenlosen Müßiggang meine Tage zuzubringen, und beschloß, ihnen bei der ersten schicklichen Gelegenheit den Vorsatz, mich in der Ferne um irgend einen Dienst zu bemühen, zu entdecken. Sie fand sich bald, und ich erklärte ihnen meinen Entschluß im Beysein meiner Eltern mit den lebhaftesten Gefühlen von Dank für die unvergeßliche Nachsicht, mit der sie die Launen und Phantasien eines an Leib und Seele Kranken bisher geduldet hatten.
Lorchen wurde blaß, als sie meinen Willen vernahm. Ihr Auge füllte sich mit Thränen, und schweigend verbarg sie es an der Brust ihrer Mutter. Der alte Werner schüttelte den Kopf, und ging nachdenkend im Zimmer auf und ab. Mein Vater schwieg, — meine Mutter sah bedeutend bald auf mich bald auf Lorchen.
Hören Sie, lieber Lorenz! fing Werner auf einmahl an, ich kann nicht läugnen, daß ich seit Ihrem Aufenthalt bei mir den Gedanken genährt habe, er werde immer dauern.
Immer, Herr Werner? — Schon zu lange, fürcht' ich, hab ich Ihre Gastfreiheit gemißbraucht.
Lassen Sie die Komplimente weg, junger Mann, und reden Sie deutsch und offen mit mir, wie ich mit Ihnen. Meine Tochter liebt Sie, — warum soll ich es verhehlen? Sie liebt Sie mehr als alles in der Welt. — Ihr Verhältniß zu Justinen ist zerrissen, aber die Art, wie es geschah, macht es nothwendig, daß Sie ein neues Band knüpfen, das Ihnen Ihren Verlust ersetzt. Zwar werden Sie mir den Einwurf machen, daß man nicht so leicht sein Herz dem einen entziehen und dem andern zu wenden könne, aber darauf bin ich gefaßt. Ich war auch kein leidenschaftlicher Liebhaber, und wurde doch ein guter Ehemann. Nicht wahr, setzte er mit einem frohen Blick auf seine Frau hinzu, die ihm mit Herzlichkeit die Hand zur Bekräftigung seiner Behauptung reichte. — Also prüfen Sie Sich wohl, fuhr er fort. Ich will Ihnen meine Tochter keineswegs aufdringen, nur weil Sie so innig geliebt werden, weil ich glaube, daß Sie durch ihre häuslichen Tugenden glücklich seyn können, und weil ich selbst Ihnen von Herzen gut bin, — nur deswegen wünsche ich Ihre Verbindung, und wenn Sie keine Abneigung dagegen haben, so umarme ich Sie mit der Einwilligung Ihrer Eltern hiermit als den künftigen Gatten meines Lorchens und als meinen Sohn.
Ich war betroffen, und zu gleicher Zeit gerührt. Lorchen schluchzte laut, und vermochte es nicht, ihr thränenschweres Auge zu mir zu erheben. Meine Mutter weinte auch, und rief: Stoß Dein Glück nicht muthwillig von Dir. — Den tiefsten Eindruck machte aber mein Vater auf mich. Er nahte sich mir, und faßte bewegt meine Hand. Gönne meinem Alter die Freude, Dich glücklich verheirathet zu sehn, sagte er, wo möglich in einem noch sanftern väterlichem Tone als er gewöhnlich zu mir sprach. Und wenn der Kammerherr mich aus dem Dienst stößt, in dem ich grau geworden bin, o so laß mich dann bei Dir ein ruhiges Plätzchen finden, wo ich sterben kann.
Die Möglichkeit eines solchen Falles trat lebhaft vor meine Seele, und bestimmte mich zu dem Entschluß, mich der Zufriedenheit anderer aufzuopfern, da mir eigenes Glück versagt war. So empfing ich Lorchens Hand, und daß sie mir auch ihr ganzes Herz gab, lehrten mir tausend Proben ihrer treuen, zärtlichen Liebe. Zwar vermochte ich es nimmer über mich, sie zu erwiedern, aber ich that, was ich konnte, und begegnete ihr stets mit allen Aufmerksamkeiten der Freundschaft, die ich für sie empfand, und mit all der Achtung, die sie verdiente. Für ihr sanftes Gemüth war die Liebe, was der Sonnenschein der unentfalteten Blume ist. Jede holde Fähigkeit, jede anmuthige Eigenschaft ihrer Seele entwickelte sich in ihrem wärmenden Strahle, und jede hatte den Zweck mich zu beglücken. Ach es wäre möglich gewesen, hätte ich nie Justinen gekannt! —
So schlichen mehrere Jahre vorüber, — Jahre, die noch jetzt in der Erinnerung mit Centnerschwere auf mir lasten, da ich mir vorwerfen muß, im vergeblichen, unverhehlbaren Kampf mit meiner so tief eingewurzelten Liebe zu Dir, Lorchens Herz oft, zwar wider meinen Willen, aber doch bitter, gekränkt zu haben. Dein Aufenthalt war so tief verborgen, und wir selbst sahen unsere Tage so einsam, so unbekümmert um alles, was in der Gegend vorging, verstreichen, daß die Nachricht Deines Lebens erst spät in unsere Abgeschiedenheit zu dringen vermochte.
Sie ergriff mich mit allen Schaudern der Wehmuth und der Freude. Kaum konnt' ich ihr glauben, und doch war sie mir zu süß, als daß ich an ihr hätte zweifeln mögen. Im ersten Rausch der Überraschung entwarf ich eine Menge lachender Plane, Dich wieder zu sehn, und Dich an dieß liebende Herz zu drücken, das noch immer so ganz Dein eigen war, — aber schnell zertrümmerte ein Blick auf meine Lage die goldenen Luftschlösser, die sich die Hoffnung erbaute, und ich fühlte mich wieder elend wie zuvor.