Lorchen hörte mit mir zu gleicher Zeit, daß das Gerücht Deines Todes ungegründet war. Ein Bauer, der damahls gerade von Mühlberg kam, hatte in dem Hause Deiner Eltern, wo Du so gefährlich krank lagst, erfahren, daß man fürchtete, Du werdest den Abend nicht erleben, und die Wahrscheinlichkeit galt ihm so viel, wie Gewißheit. Der Tod Deines Vaters, den man eben begrub, als ich mich selbst überzeugen wollte, wie es mit Dir stand, bestätigte mir fürchterlich die vernommene Trauerpost, denn unfähig zu fragen oder zu untersuchen, wem das schauerliche Leichenbegängniß eigentlich galt, hielt ich es in der schrecklichen Idee, mit der ich hergekommen war, für das Deinige, und nahm so den Wahn mit mir hinweg, der uns auf so lange trennte, und der giftig an dem Frieden meiner Seele nagte.
Die Bewegungen meines Innern entgingen Lorchen nicht, die bescheiden, aber aufmerksam jede meiner Regungen mit dem scharfem Blick der Liebe bewachte. Zwar sah sie, daß ich Meister meiner glühenden Wünsche war, und daß ich keinen Versuch machte, irgend eine meiner Pflichten durch Deinen theuern Anblick zu verletzen, aber sie bemerkte auch die Anstrengung, die es mir kostete, und überließ sich dem geheimen Gram gekränkter Zärtlichkeit, ohne daß eine Klage, oder nur ein Wort, das einem Vorwurf glich, die Sanftmuth ihrer Lippen entweiht hätte.
So näherten wir uns allmählig dem Zeitpunkt, der für uns entscheidend war. Der Kammerherr, dessen Unwillen gegen mich die Entfernung nicht besänftiget hatte, ließ mich auf einmahl nebst Lorchen zu sich fodern. Da wir saumseelig waren, seinen Befehl zu erfüllen, sandte er uns seinen eigenen Wagen mit der Bitte, an sein Sterbebette zu kommen. Ein fürchterlicher Traum hatte sein böses Gewissen geängstigt. Um den düstern Eindruck zu schwächen, den die Rückerinnerung auf seine Stimmung machte, beschloß er, sich durch einen Spazierritt zu zerstreuen, und dieser wurde durch einen unvorsichtigen, unglücklichen Sturz vom Pferde die Ursach seines Todes.
Als er die Annäherung desselben fühlte, regte sich das Andenken seiner lasterhaften Handlungen schmerzlich in seiner Seele mit allen den ängstlichen Vorstellungen der Zukunft jenseits des Grabes, die, — wenn auch die Welt ein langes Menschenleben hindurch partheiisch richtete, mit einer strengen unbestechbaren Gerechtigkeit, vor der der Bösewicht erschrickt, Gutes und Böses aus einander wiegt. Ach er hatte es sich nie einfallen lassen, daß in der Sterbestunde die lachenden Farben verbleichen, unter denen das Laster oft seine eigenthümliche Häßlichkeit verbirgt, und was ihm sonst im Genuß der Gesundheit und der rauschenden Freude als leichte, verzeihliche Galanterie erschienen war, grinzte ihn jetzt fürchterlich in der Gestalt des Verbrechens an.
Nicht ohne die lebhaftesten Erinnerungen an Dich betrat ich das Haus wieder, in dem Du so viel gelitten hattest, und an das Bild Deiner Thränen, das sich mir vorstellte, knüpfte sich das holde Andenken der Tage unsrer Liebe, und beides machte mein Herz weich, und mein Auge naß, das sich vergeblich sehnte, eine Spur zu erblicken, die mir Dein ehemahliges Daseyn verrieth. Man brachte mich mit Lorchen in das Schlafzimmer des Kammerherrn. Er hatte dem Geistlichen erklärt, daß er in meinem Beisein und vor mehreren Zeugen ein Dich betreffendes Bekenntniß ablegen wolle. Meine Eltern waren ebenfalls herbei gerufen worden, um gleichsam seine letzte Beichte mit anzuhören. Schweigend bildeten wir einen Kreis um das Bette, wo er entstellt, und in fürchterlichen Krämpfen lag. Die gnädige Frau spielte einstweilen in ihrem Zimmer Piket mit einem jungen Offizier ihrer Bekanntschaft. —
Mühsam rang der Sterbende nach so viel Kräften, als eine kurze Erzählung fordert, und in abgebrochenen Sätzen, doch klar und bestimmt, und unter allen Zeichen der Angst und der Reue erklärte er Deine engelreine Unschuld, und klagte sich selbst als den Urheber Deines Unglücks an. Ob ich gleich nie daran gezweifelt hatte, daß der Verdacht, der auf Dir ruhte, ungegründet wäre, so machte doch dieß entsetzliche Geständniß einen Eindruck auf mich, den meine Brust beinahe nicht weit genug war zu fassen. Selbst bei einer genauen Kenntniß des Kammerherrn hatte ich ihn doch einer solchen überlegten Abscheulichkeit nicht fähig gehalten, und sie stand mit allen ihren traurigen Folgen, wie eine geöffnete Halle, vor meinem starrenden Blick.
Alle Anwesenden, und auch meine Mutter waren aufs heftigste erschüttert, besonders Lorchen, die, als sie die entsetzliche Nachricht vernahm, mit einem lauten und dennoch leisen Schrei, wie er nur aus einem gebrochenen Herzen kommen kann, ohnmächtig zur Erde fiel. Die Sorge um sie entfernte mich aus dem Krankenzimmer. Ich brachte sie an die freie Luft, wo sich ihre Lebensgeister wieder sammelten. Nach einer halben Stunde kam der Pfarrer heraus, und verkündigte mir, daß der Kammerherr so eben unter convulsivischen Zuckungen verschieden sei. Bitten um unsre Vergebung waren seine letzten Worte gewesen.
Ich machte Anstalten, Lorchen nach Hause zu bringen. Sie selbst bat mit einer Hast darum, die mir verrieth, daß sie die Schwäche ihres Zustandes fühlte. Stumm saß sie neben mir im Wagen, nur zuweilen hob ein leises Schluchzen ihre beklommene Brust, die den verzehrenden Krampf des tiefsten Schmerzes verbarg. Bald nahm sie die Liebkosungen an, mit denen ich den Aufruhr ihres Innern zu stillen versuchte, bald wieß sie sie zurück und verbarg ihre Thränen. Als wir in Langenfeld ankamen, hatte schon ein Fieber mit zerstöhrender Gewalt ihren Körper ergriffen, der viel zu zart war, um nicht dem schleichenden Gifte eines langwierigen Grams und dem Sturm einer solchen Erschütterung zu unterliegen. Wir schickten sogleich nach dem Arzt, aber Lorchen mißbilligte es, als sie es erfuhr. Meine Stunde hat geschlagen, sagte sie, und Gottlob! daß es so ist. Ich sehe freudig meiner Auflösung entgegen.