Sie bat uns, sie allein zu lassen, und verlangte Schreibzeug. Ich bewachte im Nebenzimmer ihre kleinsten Bewegungen, um ihr sogleich beizustehn, wenn sie Hülfe bedurfte, aber sie war ganz ruhig, und schrieb mit vieler Fassung den Brief an Dich, den sie bis zu ihrem letzten Augenblick in ihrem Busen aufbewahrte. Als sie geendigt hatte, verlangte sie nach mir. Mit einer rührenden Innigkeit schloß sie mich in ihre Arme, und bat mich um Vergebung, daß sie, nächst dem Kammerherrn, das Werkzeug meiner Trennung von Dir gewesen sei. Sie entdeckte mir, daß sie längst eingesehen habe, daß sie nicht im Stande sei, mich für Deinen Verlust zu entschädigen, und ersuchte mich mit Wehmuth, wenigstens ihres guten Willens freundlich zu gedenken. Die unschuldige Ursache Deines Kummers wird bald nicht mehr seyn, sagte sie zu mir, — o benutze dann Deine Freiheit, um so glücklich zu werden, als ich Dich gern gemacht hätte! —

Endlich erschien der Arzt. In seinen bedenklichen Mienen lasen wir die Gefahr der lieben Kranken, ob er uns gleich aufmunterte, noch nicht alle Hoffnung sinken zu lassen. Verhehlen Sie mir es nicht, Herr Doktor, sagte Lorchen, der er Muth einsprach, daß mein Ende nicht mehr fern ist. Sie würden mich dadurch um unersetzlich kostbare Stunden betrügen. Hat man doch bei jeder kleinen Reise den theuern Zurückbleibenden so viel zu sagen, — wie viel mehr bei einer so ernsten Reise, als mir bevorsteht, — bei einer Reise, von der man niemahls wiederkehrt. —

O Justine! laß mich die bangen Stunden mit Stillschweigen übergehn, in denen ich an ihrem Bette saß, und Zeuge der frömmsten, sanftesten Ergebung war, mit der sie den Kelch des Todes hinnahm. So endigt sich nur ein Leben, das so schuldlos war, wie das ihre, — so stirbt nur die Tugend, der eine fleckenlose Vergangenheit Ansprüche auf die reinste Seeligkeit des Himmels giebt! — — —

Ehe sich ihr Auge auf ewig schloß, wandte sie es noch einmahl auf mich und ihre trostlosen Eltern, die mit mir ihr Lager umringten. Sie streckte uns zärtlich ihre Hände entgegen und sagte sanft: Weinet nicht, meine Lieben! mir öffnet sich eine bessere Welt, — mir winken die Gefilde eines ewigen Friedens! Ich sterbe gern, mein Lorenz, denn das Ende meines Lebens wird der Anfang Deines Glücks seyn. O genieße es so rein und unverfälscht, als mein Herz mit seinen letzten Schlägen Dir es wünscht, und gieb, wenn ich todt bin, der edlen, unschuldigen Justine mit Deiner Hand und Deiner ihr längst gewidmeten Liebe die Zeilen, die ich mit inniger Empfindung für sie geschrieben habe, und die man bei mir finden wird.

Sie mußte abbrechen, um sich zu erholen, denn das Reden wurde ihr schon schwer. Dann kehrte sie sich zu ihren Eltern, und sagte ihnen mit der ganzen Wärme ihres dankbaren Gefühls das letzte, bittre Lebewohl. Ich hoffe, fügte sie mit schon brechender Stimme hinzu, Sie werden nie vergessen, daß Lorenz das Liebste ihres Lorchens war. Lassen Sie ihn immer die Rechte eines Sohns genießen; — er wird suchen, Sie durch Sorgfalt und Pflege über den Verlust einer Tochter zu trösten, die Sie doppelt gut und liebenswürdig in Justinen wieder erhalten werden.

Hierauf verstummten ihre sanften Lippen. — Ihre Brust hob sich noch einige mahl unter stärkern Athemzügen, wie gewöhnlich, — und ihre schöne Seele war entflohn.

Die Betrübniß, die ich empfand, erreichte beinahe den Schmerz der biedern gebeugten Alten, und wurde ein Band, das uns noch fester an einander knüpfte, als das Verhältniß der Verwandtschaft und der Liebe. Wie die erste Heftigkeit unseres Kummers nachließ, drangen sie in mich, den Forderungen meines Herzens zu folgen, die jetzt nur geschwiegen hatten, da die Trauer der Freundschaft ihre heiligen Rechte behauptete. Sie betrachten Dich als ein theures Vermächtniß ihres Lorchens, von ihr selbst erkohren, die schmerzliche Lücke auszufüllen, die ihr Tod in unserm Cirkel riß, und mit offenen Armen versprachen sie mir freiwillig, Dich zu empfangen, und durch alle die Zärtlichkeit, die sonst der lieben Verstorbenen gehörte, Dir Deine ehemahligen Leiden vergessen, und unser vereintes Leben angenehm zu machen. Ich reißte also ab, und ein Zufall verschaffte mir in dem benachbarten Städtchen, durch welches ich kam, die Bekanntschaft Deines Schwagers, die ich seegne, da sie mich um so eher zu dem Ziel meiner Reise führte.

Ach! und Deine Mutter? — unterbrach ihn Justine, kämpfend mit Furcht und Hoffnung, und gespannt auf seine Antwort.

Nur zu sehr, versetzte Lorenz, hat die Erfahrung ihr gelehrt, wie unauslöschlich meine Liebe war, und wie elend es mich machte, sie verbergen zu müssen. Sie selbst bittet Dich, in meine Wünsche einzuwilligen, und läßt mich hoffen, daß wir, — wenn auch in keinem herzlichen, doch in einem anständigen Vernehmen mit ihr leben können.

Justinens Wangen überflog das reizendste Roth. Und die Kammerherrin? fragte sie schnell, gleichsam in Verwirrung, die sie verbergen wollte.