Da sie, erwiederte Lorenz, wegen ihrer bisher geführten Lebensart nicht mehr so recht in der Residenz in guten Gesellschaften geduldet wird, so hat sie beschlossen, Spillingen zu verkaufen, und im Auslande Gelegenheit zu neuen Abentheuern zu suchen, in denen sie wahrscheinlich nicht ehrenvoller bestehen wird, als in ihrem Vaterlande. Der Tod ihres Gemahls soll ihr nicht unangenehm gewesen seyn, weil sie erstlich dadurch unumschränkter über ihr Vermögen gebieten kann, und zweitens, weil sie für ihre Schönheit die Trauer vortheilhaft hält. Sie hat ihre Reise bereits angetreten, und also auch von dieser Seite ist die Luft jener Gegend rein, — wiewohl uns eigentlich ihr Daseyn eben so gleichgültig als ihre Abwesenheit seyn könnte, da eine sorgenfreie, wohlhabende Lage unsere Zukunft von jedermann unabhängig macht, ausgenommen von denen, denen ich sie danke. Werners, die mich, seit Lorchen starb, wo möglich noch mehr wie vorher als ihren Sohn ansehn, bestehen nämlich darauf, daß ich schon jetzt Langenfeld als mein Eigenthum betrachten soll, aber mir ist die kindliche Einschränkung zu lieb, in der ich bisher unter ihnen lebte, als daß ich nicht streben sollte, sie beizubehalten, da ihre Güte meine lebhaftesten Wünsche übertrifft.

Justinens Auge hing am Boden, und glänzte von Thränen, aber nicht von Thränen, wie sie der Kummer erpreßt. Lorenz beugte sich zu ihr, und umschlang sie innig. Laß mich nun das süße Wort vernehmen, sagte er, das vor dem Altar unsre Hände vereinigt, wie unsere Herzen es schon lange waren. Justine erröthete tiefer, — sie erhob ihren gesenkten Blick mit dem lieblichsten Ausdruck, der ihm ein sanft verschmolzenes Gemisch von Freude, Rührung und Zutrauen gab, und lächelnd neigte sie sich seiner Umarmung entgegen. Ja, Lorenz! sagte sie, ich war Dein, und ich bin es noch. Ach meine unendliche Liebe zu Dir ist es einzig, die mich werth macht, die Nachfolgerin eines so edeln Weibes zu seyn, wie das, welches Du verlohren hast. —

Zu den Glückwünschen und Freudenbezeugungen ihrer Verwandten gesellten sich auch die meinigen, die Justine nicht weniger herzlich aufnahm. Gern hätte ich der allgemeinen Einladung nachgegeben, die mich nöthigte, trotz dem sparsamen Raume des Hauses, die Nacht zu verweilen, aber mein Schicksal rief mich vorwärts, und ich mußte mich beugen unter dem eisernen Zepter der Nothwendigkeit. Unendlich interessant und theuer war mir trotz unserer kurzen Bekanntschaft jedes einzelne Glied dieser kleinen, lieben Familie geworden. An Färbers fand ich ein Paar treuherzige, ebenfalls wie Justine über ihren Stand gebildete Menschen, die aber den höhern Grad ihrer Kultur nur dazu anwendeten, wozu ihn eigentlich der reine Zweck einer guten Erziehung bestimmt, nämlich: zum feinern Genuß des Lebens, und zur wärmern Ausübung häuslicher und geselliger Tugenden, die, wenn sie auch ihren Wohnplatz zuweilen in einer rohen, ungebildeten Brust aufschlagen, doch nur unvollkommen dort, wie die Früchte eines milden Klimas unter einen nördlichen Himmelsstrich gedeihen.

Mit warmen Dank für ihre gastfreien Anerbietungen verließ ich das glückliche Ehepaar, deren stiller, einfacher Wandel gewiß den beiden Verlobten das schönste Beispiel eines unerschütterlichen, häuslichen Friedens gab. Justinen versprach ich in der Umarmung des Abschieds mit eben dem Antheil, den ich an ihrer traurigen Vergangenheit genommen hatte, sie einst in Langenfeld zu überraschen, und mich mit ihr ihrer schönern Zukunft zu freuen. Mir war, als fesselten mich tausend Banden an diese kleine, trauliche Hütte, in der ich so viel Edelmuth und Güte angetroffen hatte, — endlich mußte ich doch von ihr scheiden, aber das Bild ihrer liebenswürdigen Bewohner nahm ich in meinem Herzen mit hinweg.


Autun und Manon.
Eine Erzählung.

Als ich eines Tages eine meiner Freundinnen besuchte, fiel es mir nicht wenig auf, eine ältliche Frau, begleitet von einem jungen Frauenzimmer, ins Zimmer treten zu sehen. Die Schönheit der jungen Dame übertraf alles, was ich bisher noch gesehen hatte, sie war ungefähr fünfzehn Jahre alt, und die Tochter des ältern Frauenzimmers, wie ich nachher erfuhr. Sie war kaum aus dem Kloster gekommen, um ihren Vater zu sehen, und sollte nach drei Monaten wieder dahin zurückkehren, weil ihre Mutter nicht gern eine so große Tochter um sich sah, da sie selbst noch Ansprüche auf Schönheit machte. Damahls sah ich zum erstenmahl eine Person, die mein künftiges Schicksal bestimmte.