Herr von Ribaupierre war Offizier, er hatte die Welt gesehen, und große Reisen gemacht, durch die er zwar an Erfahrung reicher, aber an Vermögen desto ärmer geworden war. Alle Pläne, die er zur Vergrößerung seines Vermögens entworfen hatte, waren mislungen, und zuletzt hatte er gelernt, dem Glück nicht mehr zu trauen. Bei der Belagerung von Charenton wurde er mit drei Stichen in den Leib tödtlich verwundet. Man gab ihm die letzte Ölung, und nach einer allgemeinen Beichte, erhielt er die Absolution nicht eher, bis er gelobt hatte, sich mit seiner Frau, mit der er längst schon auf einen vertrauten Fuß gelebt hatte, trauen zu lassen. Sie wurden auf seinem Bette getraut, und als er sich wieder erholte, streute man aus, daß er schon seit einem Jahre heimlich verheirathet gewesen sey. Nach sechs Wochen erfolgte die Niederkunft des Fräuleins von Ribaupierre; ihr Gemahl wollte es niemahls erlauben, daß man sie Frau nennen durfte. Sie gebahr ihm eine Tochter. Nach der Geburt dieses Kindes lebte die Mutter sehr gut mit ihrem Gemahl, aber da sie schön und jung, und Herr von Ribaupierre in seinem achtundfunfzigsten Jahre war, so bekam er bald die unheilbare Krankheit der alten Männer. Er wurde mistrauisch, und lebte in keiner großen Harmonie mit einer Frau, der man weiter keine Vorwürfe machen konnte, als daß sie mehr Aufmerksamkeit zu erregen suchte, als einer verheiratheten Frau erlaubt ist.
Als der Tod diese Ehe zerriß, war es gerade um die Karnevalszeit, und Herr von Ribaupierre besuchte einen Ball bei dem Marquis von S., der sonst ein Freund des Fräuleins Ribaupierre war. Er wußte die Nachricht von ihrem Tode, und sie betrübte ihn nicht wenig. Doch ehe man sichs versah, trat Herr von Ribaupierre in einer eleganten Maske in den Saal, wo er schöne Gesellschaft fand. Er präsentirte dem Marquis einen Beutel voll Louisd'ors; der Marquis und mehrere andere von der Gesellschaft ließen sich ins Spiel ein, und verlohren. Ribaupierre gewann ansehnlich und gestand nachher, daß dieß der einzige glückliche Tag in seinem Leben gewesen sei, indem er zugleich den Tod seiner Frau zu seinem Gewinn schlug. Da er sich im Spiel so groß angekündigt hatte, nahm man ihn für einen reichen Mann und bat ihn, sich zu erkennen zu geben. Anfangs weigerte er sich, aber als er die Maske vom Gesichte zog, erkannte ihn der Marquis, und der Schrecken preßte ihm einen lauten Schrei aus. »Wie!« sagte er, »ein Mann, dessen Frau eben verschieden, kann sich in einem solchen Aufzug sehen lassen? Unglücklicher Mann!« fuhr er fort, »sind dieses die Thränen, die Sie um eine Gattin vergießen, die eine der schönsten und tugendhaftesten Frauen der Welt war?« — »Mildern Sie Ihre Ausdrücke, mein Herr!« gab ihm jener zur Antwort, »der Verlust meiner Gemahlin ist vielleicht größer für Sie, als für mich, mir gehörte sie an, aber Sie besaßen sie, ein Vortheil wiegt vielleicht den andern auf. Ich würde weinen, wenn ich mein Geld verlohren hätte, oder wäre doch traurig geworden, und dadurch hätte ich vielleicht den Damen gefallen, die meine Betrübniß auf die Rechnung meiner verstorbenen Gemahlin geschoben hätten, aber jetzt habe ich das Recht, mich zu freuen. Ich verliehre eine Frau, die mich immer betrübte, und gewinne sechshundert Louisd'ors. Ich muß mich freuen, aber nicht Sie, Herr Marquis, Sie verlohren Ihr Geld und eine Geliebte, und hiermit gute Nacht.« So verließ er den Saal, ohne eine Antwort abzuwarten.
Der Marquis schalt ihn, als er fort war, einen Narren und rohen Menschen; er bat seine Freunde, die Zeugen dieses Auftritts gewesen waren, um Verschwiegenheit; auch seinen Bedienten gebot er Stillschweigen, und erklärte feierlich, daß er in seiner künftigen Frau so viel Klugheit möchte erwarten können, als er in der Gemahlin des Herrn von Ribaupierre gefunden. Der Wittwer, der Verstand hatte, und erfuhr, daß sein Mißverhältniß mit seiner verstorbenen Gemahlin kein Geheimniß mehr war, fürchtete, man möchte ihm Händel zuziehen, zumahl, da schon hin und wieder ein Gerede von Vergiftung entstand. Er ließ Ärzte und Wundärzte herbeirufen, und den Leichnam öffnen. Da man den Tod seiner Gemahlin natürlich fand, so ließ er sie beerdigen. Übrigens gab er selbst die erste Veranlassung, seine Gemahlin für untreu zu halten, weil er behauptete, daß niemand ihre Aufführung kenne, als er selbst. Und dieser Grundsatz ist so allgemein in der Welt angenommen, daß, sobald ein Mann selbst über die Treue seiner Frau Zweifel aufwerfen kann, es die andern zwiefach berechtigt, das Böse zu glauben.
Aber seine Tochter konnte man trotz der Äusserungen ihres Vaters nicht verkennen, sie war ihm zu ähnlich, und je größer und schöner sie wurde, desto mehr nahm diese Ähnlichkeit zu, ob er gleich selbst einer der häßlichsten Menschen war. Der Tod ihrer Mutter brachte keine Veränderung der Lage des Fräuleins von Ribaupierre hervor, denn der Vater wollte nicht die Last auf sich nehmen, über eine Tochter von siebenzehn Jahren die Aufsicht zu führen. Allein da er anfing, schwächlich zu werden, rief er sie zu sich. Sie erschien in der Welt und trug Sorge für ein Vermögen, das sie einst zu erwarten hatte. Um diese Zeit, in ihrem zwanzigsten Jahre sah ich sie zum erstenmahl wieder, seitdem ich sie bei meiner Freundin gesehen hatte. Schon damahls war ihre Schönheit bewundernswürdig, aber als ich sie zum zweitenmahle sah, hatte sie noch unendlich gewonnen. Ihr Wuchs war majestätisch, ihr jugendliches Aussehn war durch die Weiße der Gesichtsfarbe noch erhöht; schöne schwarze Augen zugleich schmachtend und lebhaft, die Nase schön geformt, ein kleiner rother Mund und alle Gesichtszüge in schönster Harmonie, machten sie zum treusten Abbilde der heiligen Jungfrau. Ihr Anstand war edel und fest, ihre Bewegungen waren lebhaft, aber von einer natürlichen Sittsamkeit begleitet, die mich entzückte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Herz verwahren können, ich gab es hin; ich liebte Manon, oder vielmehr ich betete sie vom ersten Augenblick an, als ich sie sah. Umsonst stellte ich mir die Gerüchte vor, die bei dem Tode ihrer Mutter verbreitet worden, das wenige Vermögen, was ihr zu Theil werden würde, und ich glaubte fast, obwohl sie die schönste Person von der Welt war, die ich je gesehen, sie doch mit Gleichgültigkeit anzusehn. Aber ich betrog mich, ich sah sie den folgenden Tag in der Messe; ein einziger Blick, den sie auf mich warf, der mich wähnen ließ, er fordre mein Herz, zerstörte alle meine Entschließungen. Ich entschuldigte die Mutter, ihr Vater dünkte mich nur ein Unmensch, ein Verräther, und ich urtheilte, eine Frau, die nicht vollkommen tugendhaft gewesen wäre, hätte einer solchen Tochter nicht das Leben geben können. Ich überließ mich meiner Leidenschaft, und meine Aufmerksamkeit wurde nicht gleichgültig aufgenommen. Ich sprach, sie hörte mich an, aber ohne mir eine entscheidende Antwort zu geben. Lange schwebte ich in Ungewißheit, bis ein Vorfall mich die Entdeckung machen ließ, daß Manon mich liebte, und im Ernst daran dachte, mir ihre Hand zu geben.
Eines Tages fand sich ein Geistlicher bei ihr ein, und nach manchen gleichgültigen Gesprächen kamen wir auf die Ehe zu sprechen, und was sie aufheben oder verhindern könnte. Der Geistliche sagte, daß die Kirchengesetze ehemahls strenger als jetzt gewesen wären, und erzählte einige Beyspiele zum Beweise, daß man sonst nicht einmahl erlaubt habe, daß zwei Menschen, die zusammen ein Kind aus der Taufe gehoben, sich hätten verheirathen dürfen, daß man aber jetzt keine Gewissenssache daraus mache, obgleich diese geistige Verbindung eine körperliche aufheben sollte. So sähe man, setzte er im heiligen Eifer hinzu, täglich die Erfahrung bestätigt, daß die Kinder aus einer solchen Ehe eben so gut, wie die, welche aus einer Ehe, wo die Eltern zu nahe verwandt erzeugt wären, ihr ganzes Leben hindurch mit widrigen Schicksalen zu kämpfen hätten, und auch in ihren Sitten der verderbliche Einfluß bemerkt werden könnte. Gott zeige eben dadurch, welchen Abscheu er vor solchen Verbindungen habe, weil er keinen Segen dazu gäbe, so oft man auch Lossprechungen dafür zu erlangen suche.
Noch erzählte er uns, daß er bei einem rechtschaffenen Mann im Hause wohne, dessen Frau ehestens niederkommen würde, und längst schon darauf gedacht habe, mich und Manon Ribaupierre zu Pathen ihres Kindes zu wählen. Die Niederkunft erfolgte, der Vater trug mir die Pathenstelle an, und ich so wie die Eltern des Kindes glaubten, auch Manon würde einwilligen. Aber die Rede des Geistlichen hatte tiefern Eindruck auf sie gemacht, und da der Vater kam, um sie zur Erfüllung dieser christlichen Pflicht zu bewegen, und ihr sagte, daß er auch von mir das Versprechen habe, so antwortete sie lächelnd: »Ich habe mich nur im Scherz dazu verstanden, aber um Ihres Kindes willen darf ich es nicht, denn alle Kinder, bei denen ich Pathenstelle vertrat, und deren sind schon mehr als zwanzig, sind gestorben.« Jede Überredung war fruchtlos, sie wollte nie darin willigen, mit mir die Pathenstelle bei dem Kinde anzunehmen. Ihr Betragen machte mich empfindlich, und ich machte ihr Vorwürfe über ihre Hartnäckigkeit. Aber sie lachte der Vorwürfe, und erinnerte mich unvermerkt an die Worte des Priesters. »Mein Gedächtniß ist treu!« fuhr sie erröthend fort, und verließ mich. Diese unerwartete Erklärung, so verfänglich sie auch für ein Mädchen war, war mit soviel Schamhaftigkeit begleitet, daß ich nicht wußte, ob ich mehr erstaunen, oder mehr entzückt darüber seyn sollte. Aber auf einmahl wurde das Gespräch mit dem Geistlichen mir wieder gegenwärtig, ich ernannte eine andere Pathe, und Manon war nur bei dem Gastmahl gegenwärtig.
Ich dankte ihr für eine so ausserordentliche Erklärung, wir vereinigten uns über unsere Hoffnungen und es wurde beschlossen, daß ich um sie bei ihrem Vater werben lassen sollte. Ich war unabhängig und in einem Alter, wo ich niemand mehr Rechenschaft ablegen durfte; ohne Verwandte, die ich über meine Handlungen hätte um Rath fragen müssen. Ribaupierre hätte keinesweges Ursach gehabt, über einen Antrag dieser Art beleidigt zu werden; meine Familie war der seinigen gleich, mein Vermögen weit ansehnlicher, als das seine, und ich konnte in der That noch Ansprüche auf eine weit vortheilhaftere Verbindung machen. Alles dieß ließ uns hoffen, daß er uns nicht im Wege seyn, und sogleich meinen Vorschlag annehmen würde. Aber wir betrogen uns. Er antwortete meinem Fürsprecher, daß er mir sehr für die Ehre verbunden wäre, die ich ihm erzeigen wolle, aber daß er sie nicht annehmen könne weil es ihm unmöglich sei, sich von einem großen Theil seines Vermögens zu entblößen, das nur zu seinem anständigen Lebensunterhalt hinreiche. Solle er es mit seinem Schwiegersohn theilen; so werde er sehr eingeschränkt leben müssen; ausserdem habe er auch das Wenige, was er mit großer Mühe von den Trümmern seines Vermögens gerettet, für sich selbst gerettet. Nur um ihn in seinem Alter zu pflegen, und ihm das beschwerliche Leben zu erleichtern, habe er seine Tochter aus dem Kloster gezogen, wo er sie andernfalls gelassen haben würde, und nicht, um sie in die Arme eines Mannes zu führen, der sie vielleicht gar noch abhalten könnte, für ihren Vater die schuldige Anhänglichkeit und Achtung zu zeigen. Wenn sie nicht seinem Willen gemäß handeln wolle, so wisse er zu gut, was er besäße, und daß sie nichts von ihm verlangen könne, als ihr Mütterliches. Um sein Vermögen nach seinem Tode zu erhalten, müsse sie es erst durch ihre Zuneigung gegen ihn zu verdienen suchen, wo nicht, so wisse er, woran er sich zu halten habe. Dieß sei sein letzter Entschluß, setzte er noch hinzu, und er bitte sehr, daß man gegen ihn nie mehr davon sprechen solle, seine Tochter zu verheirathen, wenn man sein Freund bleiben wolle.
Diese so bestimmte Antwort war ein entscheidendes Urtheil. Seine Tochter weinte darüber, und ich war in Verzweiflung, aber es gab kein Mittel dagegen. Ribaupierre war zu bestimmt in seinem Willen, und er hatte Zeit gebraucht, um diesen Entschluß reifen zu lassen. Das letzte Mittel, das wir ergriffen, weit entfernt, uns weiter zu bringen, wie wir es gehofft hatten, hätte uns bald unwiederruflich zu Grunde gerichtet. Wir steckten uns hinter seinen Beichtvater, der ihm vorstellte, daß seine Tochter nicht leicht eine vorteilhaftere Heirath thun könnte, daß sie bald ein Alter erreichte, worauf man Rücksicht zu nehmen nöthig hätte, und daß es hohe Zeit sei, sie zu verheirathen; daß ich darin willigte, sie ohne Heirathsgut zu nehmen, nur die Versicherung verlange ich, daß ich ihn nach seinem Tode allein beerben solle. Indem er sich einen Schwiegersohn wähle, so hätte er, statt einer einzigen Stütze, deren zwey. Selbst sein Gewissen nahm er in Anspruch und stellte ihm vor, daß er dazu verpflichtet wäre, und tausend bösen Vorfällen dadurch vorbeugen könnte; denn ein Mädchen, dem man Zwang auflegte, und das von der Leidenschaft beherrscht würde, wäre leicht auf Abwege zu bringen. Kurz, der Geistliche erschöpfte mit der größten Beredsamkeit, die ihm die geistliche Liebe nur eingeben konnte, alle Gründe für unsere Vereinigung, aber sie gelang ihm nicht. Er hatte mit einem Manne zu thun, dessen Gemüth durch sein eigenes Unglück erbittert war, den die Erfahrung belehrt hatte.
Er gäbe gern zu, sagte er, daß die Verbindung für seine Tochter dem Anschein nach vortheilhaft wäre, da er aber niemanden Rechenschaft von dem Zustand seines Vermögens gegeben hätte, so könnte es sich doch vielleicht nach seinem Tode finden, daß sie eine so vortheilhafte Parthie wäre, als ich. Ihr Alter wäre noch nicht so gefährlich, um die Sache so eifrig zu betreiben. Drey oder vier Jahre mehr würden nicht mehr Falten in ihr Gesicht bringen, und wenn sie spät heirathete, so würde sie wenig Kinder bekommen, aber sie würden gesund seyn, und von einer starken Constitution. Sie würde ihren Verstand vollkommen ausgebildet haben, besser ihre Wirthschaft zu führen im Stande seyn und nicht mehr Gefahr laufen in die Zerstreuungen der Jugend zu fallen. Was mein Anerbieten betreffe, ihm den Genuß seines Vermögens zu überlassen, so lang er lebe, so danke er gar sehr für die Gnade, ihn genießen zu lassen, was sein Eigenthum sei. Beides, den Gebrauch des Geldes, so wie das Recht daran, könne ihm niemand streitig machen, und er wolle es sich auch bis an sein Ende bewahren, denn wenn er einmal sich des Rechts entäussert hätte, nach Gefallen darüber zu gebieten, so würde sein Sohn, wie seine Tochter glauben, daß dieser Genuß ein Raub wäre, den er an ihnen begangen hätte. »So gut bin ich nicht,« sagte er, »um zu sterben, weil es ihnen Freude macht, auch sollen sie nicht die Sünde auf sich laden, Gott zu beleidigen und meinen Tod zu wünschen. Die Welt giebt Beyspiele genug von Greisen, die einfältig gewesen sind, um sich aus mißverstandener Güte für ihre Kinder unglücklich zu machen, diese sollen mir nicht zum Muster dienen. Meine Tochter soll, so ist mein Wille, immer von mir allein abhängen, ohne weder mich, noch sich selbst der Großmuth eines Schwiegersohns zu überlassen.«