»Ich betheure bei Gott,« setzte er hinzu, »daß sie nie dieser Gefahr ausgesetzt seyn soll. Ich bedarf auch der Unterstützung eines Schwiegersohns nicht, meine Geschäfte bedürfen keines Gehülfen, noch keiner rechtlichen Fürsprache, alles ist im Klaren und in Ordnung, ich habe keine gerichtlichen Verfolgungen zu befürchten, weil ich niemand einen Heller schuldig bin. Ich selbst brauche nur die Dienste meiner Köchin und eines Bedienten, um mir den Stock zu reichen, wenn ich aufstehen will. Was mein Gewissen betrifft, so bin ich kein Casuist, aber ich finde nicht, daß ich dem gemeinen Menschenverstand zuwider handle, und ich verstehe noch weniger, wie von einer Heirath meiner Tochter mein Heil abhängen sollte. Fast scheint es, daß man mich einige Abweichungen von ihrer Seite wolle befürchten lassen, um mich bei einem höhern Gericht verantwortlich zu machen, wenn ich sie nicht verheirathen wollte. Aber auf dieses habe ich nur ein Wort zu erwiedern. Ich gebe gern zu, daß die Väter oder Mütter bei einer üblen Aufführung ihrer Kinder nicht schuldlos sind, wenn sie ihre Neigungen zwingen wollen, sei es durch eine Heirath oder durch das Kloster. Aber keines von beiden hat sie von mir zu befürchten. Bin ich tod, so ist sie frey, und kann nach ihrer Neigung eine Wahl treffen. Noch weniger bin ich gesinnt, sie wieder ins Kloster zu schicken, ich habe sie für mich und weil ich ihrer bedarf herausgenommen. Indeß wenn es ihr Wille wäre, würde ich sie auch davon nicht zurückhalten, doch fürchte ich dieses nicht, da es ihr so am Herzen liegt, sich zu verheirathen. Was die Befriedigung der Bedürfnisse unserer Kinder angeht, so finde ich die Ältern sehr strafbar, wenn sie ihre Kinder in die Nothwendigkeit versetzen, zu der Börse anderer ihre Zuflucht zu nehmen. Aber bei meiner Tochter ist dieß nie der Fall gewesen, sie hat alles, was sie bedarf und noch zum Überfluß. Ich versagte ihr nichts, und war immer der Erste ihren Beutel zu füllen, ohne erst zu erwarten, daß sie mich darum bat, und sie brauchte mir nie Rechenschaft darüber abzulegen. Darum würde es nicht Noth seyn, die sie zu Ausschweifungen führte, sondern nur Sinnlichkeit, und dafür kenne ich ein untrügliches Mittel, ich werde sie niemahls aus dem Gesichte verlieren, auch ihrer Kammerjungfer, auf die ich mich verlassen kann, befehlen, sie niemahls aus den Augen zu lassen. Ich werde sie jederzeit in die Messe begleiten, und sie immer in meinem Zimmer beschäftigen, ohne sie herausgehen zu lassen, wenn sie nicht von sichern Leuten beobachtet wird. Jede Art von Andachtsübungen und Wallfahrten, die ausser meinen Wänden geschehen könnten, werde ich zu hindern wissen. Briefe erlaube ich herzlich gern zu schreiben, denn diese sind es nicht, die das Geschlecht vermehren. Auch werde ich selbst Herrn d'Autun nicht verbieten, sie zu sehen, aber dieß muß immer unter meinen Augen geschehen. Sollte ich aller Maaßregeln ungeachtet betrogen werden, so würde Manon schuldiger vor Gottes Augen seyn, als ich. Ich werde nicht um fremder Sünde willen verdammt werden, und überlasse sie ihrem eigenen Gewissen. Ich hoffe, sie ist klug und zu gut erzogen, um Thorheiten zu begehen, aber würde sie sich welcher schuldig machen, so muß sie allein dafür büßen, und sie würde in diesem Fall aller Ansprüche auf mein Vermögen verlustig werden.« —

Seine lange Antwort war hier zu Ende, aber nicht sein Gespräch mit dem Beichtvater. Er hörte ein Geräusch, und konnte nicht zweifeln, daß ich mit seiner Tochter gehorcht hätte, wie auch der Fall war; wir waren in der größten Verlegenheit, er brach in laute Schmähungen aus, und beschämte seine Tochter so sehr, daß ihre Thränen flossen. Wir zogen uns zurück, mußten aber zuvor noch eine trefliche Ermahnung hören, die er an den Beichtvater richtete, ohne das Ansehen zu haben, als spräche er mit seiner Tochter.

»Bin ich nicht recht unglücklich, mein Herr,« sagte er, »ich habe mich erschöpft, und mein ganzes Leben alle Kräfte angewendet, mehr als man mir glauben wird, und jeder Versuch schlug mir fehl. Schreckliche Unglücksfälle haben mir den besten Theil meines Vermögens geraubt, über diese klage ich nicht, Gott wollte es; ich habe vielleicht nur wenige Zeit noch zu leben, von vielen Übeln gedrückt, fast ganz gelähmt will man mich meines Vermögens berauben. Und wer ist es? Meine einzige Tochter, die mir alles verdankt, und der allein meine Güte einiges Recht auf mich nach meinem Tode giebt. Man will mich überreden, mein Vermögen wegzugeben, das ich nicht entbehren kann, und an einen Menschen, der mir vielleicht nie danken wird. Denn meine Tochter wird nicht das Privilegium haben, einen Mann zu finden, der von anderm Teig geformt ist, als wir alle, und nach uneigennützigen Grundsätzen handeln wird. Ich beurtheile ihn nach mir, ich hatte ihrer Mutter in den Tagen meiner Liebe geschworen, sie ewig zu lieben, sie war unverständig genug, mir zu glauben, und erlaubte mir alles; drey glückliche Tage dauerte diese Verblendung, nach dieser Zeit war es das Herz nicht mehr, das mich zu ihr zurückführte, es war nur ein Bedürfniß der Sinne. Auch ist es wahr, daß wenn sich nicht die Folgen dieser Liebe gezeigt hätten und ich meine Krankheit nicht tödtlich geglaubt hätte, ich sie nie, ohngeachtet meiner Schwüre und meines Versprechens geheirathet haben würde. Ich heirathete sie nur um meines Kindes willen, man machte es mir zur Gewissenssache und es war mir unmöglich, dem Jesuiten zu widersprechen, dem ich meine Beichte ablegte. Ich liebte sie nicht mehr, der Genuß hatte die Liebe getödtet. Noch ist es mir unbegreiflich, wie ich dahin gebracht werden konnte, aber man sagte mir in jedem Augenblicke, daß ich sterben müsse, und weil ich es so oft hörte, so glaubte ich es am Ende selbst. Die Furcht des Todes hatte mich meiner ruhigen Überlegung beraubt. Man sieht in einem solchem Augenblicke die Dinge aus einem ganz andern Gesichtspunkt an, als in gesunden Tagen. Meine Frau wäre tugendhaft, sagte man mir, und ich glaubte es, man knüpfte meine ewige Seeligkeit an ihre Hand. Ich nahm sie nicht aus Liebe zu ihr, sondern um das Paradies zu erwerben. Ich erwarb es nicht, weil ich noch auf der Erde bin; aber doch war ich nicht in der Hölle, sondern im Fegefeuer, wo ich dafür büßte, daß ich am Leben blieb. Sie starb endlich, und ich gestehe es offenherzig, ihr Tod machte mir Freude. Und es ist so wahr, daß ich keine Liebe für sie mehr hatte, indem ich eine Stunde nach unserer Trauung ein Testament machte, worin ich ihr sehr wenig bestimmte, und auch den Händen meiner Frau nicht die Verwaltung des Vermögens anvertrauen wollte, das ich für unsere Tochter ausgesetzt hatte. Da sie früher starb, so hebt sich dieses Testament auf. Ich lebte ziemlich ruhig mit ihr, weil ich es nicht ändern konnte, aber ohne den Gedanken an meine Tochter, die ich immer liebte und noch liebe, hätte ihre Mutter sicher kein gutes Leben bei mir gehabt. Ich verschloß meine Augen über ihr Betragen, aber nichts entging mir, und ich wollte nur das Aufsehen vermeiden, was ich nie liebte. Ich selbst wollte nicht Dinge enthüllen, die mir die Ehre befahl, zu verbergen, und die mehr auf die Tochter, als auf die Mutter nachtheilig hätten wirken müssen, zudem hat sie immer den Schein beibehalten, der mich bei dem Betragen meiner Frau das Wesentlichste dünkt, denn das Übrige ist unbedeutend.«

»Ich sage es Ihnen, ehrwürdiger Vater,« fuhr er fort, »und unter dem Siegel der Beichte, daß ich immer unglücklich war; sey es in meiner Jugend durch meine Anstrengung und durch meinen Verlust, oder in spätern Jahren durch meine Heirath, indem meine Frau das Geheimniß besaß, mich wüthend zu machen, und doch die Herrschaft in Händen zu behalten; jetzt bin ich es durch meine Kränklichkeit und durch eine Tochter, die mir so viele Verbindlichkeiten schuldig ist, und mich doch verlassen, mich entblößt zurück lassen will, vielleicht mich gar als ihren Verfolger ansieht. Aber weil es ihr so wenig kostet, sich von mir loszureißen, so will ich auch versuchen, mich von ihr loszumachen, und das erstemahl, daß mir wieder jemand, durch sie veranlaßt, von einer Hochzeit spricht, oder die erste Thorheit, die sie begeht, wird mich bestimmen, sie zu verlassen. Ich werde an einen Ort flüchten, dem ich alles, was mir übrig geblieben ist, übergeben, und wo ich das Glück finden werde, ruhig sterben zu können.« Ich weiß nicht, ob er mehr sagte, denn seine Tochter zog sich zurück, sehr gebeugt durch ihre Neugierde, und darüber, daß ich alles mit gehöret hatte, sie bewog mich also, mich auch zurückzuziehen.

Wir hatten alle Ursache zu glauben, daß er die Bosheit haben würde in uns wechselsweise Widerwillen gegen einander zu erregen. Manon sollte durch sein Beispiel mir abgeneigt werden, und ich ihr durch das Beispiel ihrer Mutter. Diese Gedanken brachten uns in eine solche Verwirrung, daß wir es nicht wagten, uns anzusehen. Endlich kam der Beichtvater heraus und theilte uns das Resultat seiner Unterhaltung mit, so weit sie die Heirath betraf; von Manons Mutter, so wie von allem, was uns betrüben konnte, schwieg er. Er sagte uns nur, wir sollten nicht mehr an eine Heirath denken, weil es verlohrene Zeit und Mühe seyn würde. Er wollte selbst nicht rathen, noch mit Herrn von Ribaupierre darüber zu sprechen, er wäre zu fest und unerschütterlich in seinem Entschluß; und würden wir darauf bestehen, ihn zu einer Sinnesänderung zu bewegen, so würden wir uns selbst am meisten schaden. Er würde niemahls mehr für uns mit Herrn von Ribaupierre sprechen und sollte er auch hundert Jahre leben. »Gott bewahre!« rief ich aus. Und ich weiß selbst nicht, mit welcher Miene ich es muß gesagt haben, denn der Beichtvater und das Fräulein schlugen ein lautes Gelächter auf.

Der Vater ließ seine Tochter bald nach dem Gespräche des Geistlichen rufen. Sie bat mich noch den Abend wieder zu kommen, ich könnte, wenn das Wetter zum Spaziergang nicht günstig wäre, an ihrer Thüre sie aufsuchen, und so verließ ich sie.

»Glaubst Du,« sagte er zu seiner Tochter, als sie in sein Zimmer trat, »daß die Welt ihrem Ende schon so nahe sey, daß ein Priester Deine Sache ausfechten soll, wie ehemahls bei Deiner Mutter der Fall war. Entsage diesem Wahn, denn man hat nicht alle Tage eine so andächtige Krisis. Laß Dir's nicht einfallen, mich in meinen Handlungen zu leiten, ich bin zu alt, um Lehren anzunehmen, ich selbst gebe Dir keine. Ich lasse Dir Deinen Willen, Dich nach Deiner Phantasie zu betragen, aber beobachte Dich wohl, damit ich nicht Ursache finden kann, mich über Dich zu beklagen. Es war anfangs mein Entschluß, Dir den Umgang mit Deinem Geliebten d'Autun zu untersagen, aber es möchte bei den Leuten zu viel Gerede machen, und ich habe meine Meinung geändert. Deine Mutter gab viel Anlaß zum Geschwätze, und den will ich ersparen. Willst Du daher, daß ich an Dich denken soll, so erinnere mich selbst nicht daran. Betragt euch klug, Du sowohl, wie Dein Geliebter, und so, daß die Welt so wie ich mit eurem Betragen zufrieden seyn kann. Du kennst mich zu gut, und weißt, daß die Sprache eines Pädagogen meinem Charakter nicht angemessen ist. Ich sagte Dir nie etwas über diesen Punkt, ich glaube, daß Du immer weise gewesen bist, und hoffe, Du wirst es auch ferner seyn. Ich werde niemahls wieder über diese Sache mit Dir sprechen, aber gieb mir nie Gelegenheit zum Handeln, es brauchte nur eines Augenblickes, Dich unglücklich zu machen, und Du würdest ihn Dein ganzes Leben hindurch beweinen.« Nach dieser Anrede schwieg er, und hielt Wort, denn seit dieser Zeit öffnete er den Mund über diese Angelegenheit nicht mehr. Ich mußte mich dann entschließen, entweder das Vaterland zu verlassen, oder als ein treuer Romanenheld mein Leben im Gewebe der Liebe hinzuträumen, bis zu dem Tode des Herrn von Ribaupierre.

Ich hatte alle Ursache zu glauben, daß ich geliebt würde. Jede Gunst, die nicht strafbar war, wurde mir erlaubt, ich sahe Manon täglich, und wir machten sogar Spaziergänge mit einander. In Ribaupierre's Hause war ich willkommen, er bezeigte mir seine Freundschaft durch tausendfache Ausdrücke, ob er gleich wohl im Herzen überzeugt war, daß, wenn es in meiner Macht gestanden hätte, ich ihn gern in eine andere Welt gesandt haben würde.