Familien-Geschäfte nöthigten mich nach A. zu reisen, und ich hoffte in längstens sechs Wochen wieder in Paris zu seyn. Ich bat Manon beim Abschiede mir ihr Bild zu geben, und gab ihr das meinige zuerst, wie sie es gewünscht hatte. Es war in einer einfachen emaillirten Dose, mit einem Spiegel in der Mitte, dem Bilde gegenüber. Das ihrige erhielt ich erst am letzten Tage vor meiner Abreise. Es war auf Emaille vortreflich gemahlt und sehr ähnlich. Eine Einfassung von Perlen umgab es, und eine zweite auf der andern Seite den Spiegel. Die Dose war auch emaillirt und stellte auf der einen Seite Dido vor, die den Scheiterhaufen besteigt, mit dem Dolch in der Hand; das Meer mit Schiffen bedeckt war im Hintergrunde und deutete auf die Flucht des Aeneas, um den Rand waren die Worte eingegraben: Ihrem Beispiele würde ich folgen; die andere Seite auf dem Rücken des Spiegels stellte einen Reiter vor, dessen Pferd in vollem Lauf war, vor ihm her flog ein Amor und that, als wollte er den Zügel halten, und es von einer Stadt entfernen, die im Hintergrunde war, und wo man mehrere weibliche Figuren erblickte. Unten standen die Worte: Nichts hält einen Liebhaber auf, den die Liebe leitet.

Das Geschenk war von großem Werth, der Gedanke sinnreich, der Reiter legte mir ans Herz, bald zurückzukehren, und die Gelegenheit zu vermeiden, wo ich ihr die Treue brechen könnte, Dido versicherte mich der ihrigen bis zum Tode. Ich reiste ab, und konnte nicht so schnell zurückkehren, als ich hoffte; meine Reise verzögerte sich stets und statt sechs Wochen blieb ich viele Monate abwesend. Aber ohngeachtet dieser langen Abwesenheit kam ich doch mit mehr Leidenschaft zurück; auch Manon, schien mir's, zeigte mehr Lebhaftigkeit in den Ausdrücken ihrer Liebe, als vor meiner Abreise. Ich schrieb ihr mit jedem Posttage, und erhielt auch jede Woche Briefe von ihr; auch fügte ich von Zeit zu Zeit kleine Geschenke hinzu, die sie mehr an mich erinnern sollten.

So bekannt mir ihr Verstand durch unsere Gespräche war, so übertrafen doch ihre Briefe alle Vorstellung. Selten hatte wohl ein Frauenzimmer einen leichtern, mittheilendern Verstand. Sie denkt nicht nach über das, was sie sagen will, und doch ist alles, was sie sagen kann, richtiger und schöner gesagt, als andere denken. Ihr Styl ist bestimmt, natürlich und pathetisch, mit einem gewissen rührenden Ausdruck begleitet, der tausendmahl mehr das Herz ergreift, als ihr belebtes Gespräch, das der Ton ihrer Stimme und die schönsten Bewegungen ihres Körpers begleiten. Ich war so erfreut, eine solche Geliebte zu besitzen, daß ich, um mich bei einigen Damen in der Provinz zu rechtfertigen, die es nicht artig fanden, daß ich bei ihnen so gleichgültig wäre, Manons Bild zeigte. Die reiche Aussenseite erregte ihr Erstaunen, aber mehr noch wunderten sie sich über die Schönheit, die sie verbarg, und sie sagten mir, daß die Devisen, die darauf ständen, wohl nicht von ihr erfunden seyn könnten. Sie setzten hinzu, es müsse eine vollkommene Person seyn, wenn sie so viel Geist als Reize besäße. Ich erwiederte hierauf, daß gewiß alles von ihrer Erfindung sey, und um sie zu überzeugen, so zeigte ich ihnen einen Brief, den ich eben empfangen hatte. Manon schrieb mir:

»Wenn ich mir selbst glaubte, so schriebe ich Ihnen nicht, denn ich bin in allem Ernst böse auf Sie. Nichts ist für mich so beleidigend, als die Freiheit Ihres Geistes in Ihren Briefen, und diese vollkommene Gesundheit, deren Sie sich rühmen. Tausendmahl sagten Sie mir, daß Sie mich liebten, und ich glaubte es. Sie versprachen mir in einem Monat zurückzukehren, und unter dieser Bedingung ließ ich Sie abreisen. Schon sind vier Monate seit dieser Zeit verflossen, und nach einer solchen Abwesenheit sind Sie doch noch vergnügt und wohl. Wie glücklich sind Sie, ein Herz und einen Verstand zu haben, die bei einer solchen Abwesenheit die Probe aushalten! Wie ungleich bin ich Ihnen in diesem Punkt! Ich bin eifersüchtig bis zum Wahnsinn, ich wünsche selbst, daß Sie von aller Welt gehaßt werden möchten, daß Sie von allen Seiten zurückgestoßen, genöthigt würden, zu mir zurückzukehren. Aber diese Gesinnung ist für Sie zu beleidigend, als daß ich ihr Dauer wünschen könnte, und schon in diesem Moment sage ich mir, daß, jemehr Sie geliebt werden, jemehr werde ich meine eigene Neigung rechtfertigen. Ich möchte, daß alle Mädchen, um Sie zu sehen, meine Augen borgten, aber ich möchte, daß Sie nur mich ansähen! Allen Ihren Geliebten wünsche ich Verdienste, damit das Opfer, das sie Ihnen brächten, dem meinigen eine Folie unterlegte. Aber glauben Sie nicht, was ich da sage, meine Eigenliebe spricht aus mir, und ich verlange kein Opfer, sondern nur Liebe. Könnten Sie es thun, so sagen Sie mir's nicht, ich würde versuchen, mich selbst zu betrügen. Aber wo finde ich ein Mittel Ihre Nachläßigkeit, Ihren Kaltsinn in Ihren Briefen, Ihre lange Abwesenheit und die treffliche Gesundheit, zu entschuldigen? Beinahe ist es mir zur Gewißheit geworden, daß Sie untreu sind; die Schönheiten in der Provinz haben mich verdunkelt, der gegenwärtige Gegenstand ist immer anziehender, als eine abwesende Geliebte. Sie haben nichts als ein Bild, das nur eine Idee und Farbe ist; ich möchte verzweifeln, daß ich es Ihnen geben konnte. Sie vergleichen es nun mit Ihren Schönen, diese gefallen Ihnen, und ich nicht mehr! Wann werden Sie zurückkehren? Soll ich Sie nicht mehr sehen? Werden Sie mich vergessen? — Wenn Sie mich so lieben, wie Sie sagten, wie Sie mir's überreden möchten, würden Sie nicht die Liebe allem andern vorziehen? Können Sie mir kein Zeichen geben, als die Schrift, die mich vielleicht betrügt? — Leben Sie wohl, ich bin so bewegt, daß meine Ungeduld auf dem Papier sichtbar wird. Ich hatte beschlossen, mit Ihnen zu zanken, aber der Gedanke an Sie ist mir lebhafter geworden und hat meinen Zorn verlöscht. Mlle. M. hat heute ihr Gelübde abgelegt, nun ist sie endlich Nonne geworden! Wie glücklich ist sie, wenn ihr Herz frei ist! Aber wie unglücklich ist sie, wenn sie an B. denkt, nur mit einem Theil der Gefühle, die in meinem Herzen erwachen, wenn ich an Sie denke!«

Dieser Brief vollendete bei den Damen die Schilderung des Fräuleins Ribaupierre, sie waren davon entzückt, und ohne daß ich es selbst wollte, gewannen sie mein Zutrauen. Ich suchte meine Geschäfte so viel wie möglich zu beschleunigen, und doch mußte ich noch länger als zwei Monate nach Empfang dieses Briefes dort bleiben, und unter der Zeit machten die Briefe, die ich von Manon erhielt, den größten Stoff meiner Unterhaltungen aus. Man wünschte mir Glück über meine Wahl, man munterte mich selbst auf gegen ein solches Mädchen, die es so verdiente, nie die Treue zu verletzen.

Ich bekam in der letzten Zeit meiner Abwesenheit einen Nebenbuhler. Herr von Melville war es, der Sohn eines Officier de la maison du Roi. Er ließ sich einfallen, dem Fräulein seine Liebe zu zeigen, aber es war ein Jüngling, der kaum aus der Klasse gekommen war, wo er die Rechte studiert hatte, und dabei so albern, wie ein Pariser, der niemals andere Aussichten gehabt hatte, als den Kirchthurm seines Kirchspiels. Manon machte sich über ihn lustig, und schrieb mir in einem Ton von demselben, der selbst der Gravität eines Cato ein Lächeln hätte abzwingen können.

Ich kam nach Paris zurück mit mehr Liebe im Herzen, als da ich abreiste, und in der Absicht alles Mögliche zu versuchen, um unsere Heirath zu Stande zu bringen. Der alte Ribaupierre hatte einige meiner Briefe über diesen Gegenstand gesehen und hatte seine guten Vorkehrungen getroffen. Wer begreift nicht, mit welcher Freude wir uns zum erstenmahl wieder umarmten! Wir vergossen heiße Thränen und ich blieb beinahe unbeweglich zu den Füßen meiner Geliebten liegen. Ich entschloß mich fest den letzten Versuch zu wagen, und unsere Heirath, koste es auch, was es wolle, zu vollziehen. In der Absicht ging ich am folgenden Morgen aus, Herrn von Ribaupierre zu besuchen, während seine Tochter in der Messe war, ich wählte mit Absicht diesen Zeitpunkt.

Ich warf mich ihm zu Füßen und bat ihn um die Hand seiner Tochter, ich erbot mich, sie ohne Vermögen, ohne irgend eine Verbindlichkeit von seiner Seite, und ohne alle Hoffnung auf seine Erbschaft zu heirathen. Nur seine Einwilligung verlangte ich, er selbst solle die Ehepakten aufsetzen, ohne daß ich je etwas von ihrem Vermögen hoffen wollte, sollte er seiner Tochter alle mögliche Vortheile von meiner Seite zusichern, auch wollte ich es selbst öffentlich bekennen, daß er ihr eine Aussteuer gegeben habe, die er selbst bestimmen solle.