Wie konnte ich mehr thun? Er schien über meine Heftigkeit verlegen, aber da er nicht unvorhergesehenes Spiel spielte, da er einige Briefe von mir an seine Tochter gesehen hatte und darauf vorbereitet war, so antwortete er mir, daß meine lange Abwesenheit ihn habe glauben lassen, ich denke nicht mehr an seine Tochter, und daß sich die Dinge seit meiner Abreise sehr geändert hätten. Ich habe mich, sagte er, in eine Verbindung mit einem meiner ältesten Freunde eingelassen, dessen Sohn meine Tochter gewiß eben so liebt, wie Sie, und der ihr, wie ich glaube, auch nicht mißfällt. Ich habe sie ihm versprochen, und alle Geister der Hölle könnten mich nicht dahin bringen, mein Wort zurückzunehmen. Gleichwohl will ich meiner Tochter Neigung keine Gewalt anthun, willigt sie nicht in die Verbindung, die ich für sie einging, so darf man nicht mehr daran denken. »Fahren Sie fort,« rief ich aus, und warf mich noch einmahl ihm zu Füßen, »und weil Sie endlich Ihre Einwilligung geben, daß sie heirathen soll, so geben Sie sie mir, wenn sie es will.«
Die Bewegung, in der ich war, ließ mich noch manche Gründe hinzufügen, die mir entfallen sind, aber von denen er so lebhaft gerührt wurde, daß er versprach, sie mir zu geben, wenn sie sich für mich erklärte; erkläre sie sich aber für den andern, so solle ich eine andere Verbindung suchen. »Ich will es gern,« sagte ich, »denn ich glaube nicht, daß es schwer seyn wird, Ihre Tochter zur Erklärung zu bewegen, und ich bin ihrer Einwilligung gewiß.« »Desto besser für Sie,« war seine Antwort, »aber hüten Sie sich, sich selbst zu täuschen. Sie kennen die Frauen nicht, sie sind feiner, als Sie wohl glauben, und bewahren sich oft solche Ausflüchte auf, daß auch der feinste aller Männer sie nicht voraussehen kann.« »Ich hoffe nicht,« war meine Antwort, »daß das Fräulein welche finden könnte, die mich betrüben würden.« »So ist es gut für Sie,« sagte er noch, und ich konnte nichts weiter von ihm heraus bringen. Aber da er es der Wahl seiner Tochter überließ, so hatte ich gewonnen Spiel. Er wollte meine Eifersucht erwecken, ich fühlte sie in mir erwachen, aber sie wurde bald wieder zerstreut.
Ich erwartete Manon in einem Zimmer des untern Stockwerks; sie war verwundert, mich so früh bei sich zu sehen, denn ich ging nur des Nachmittags gewöhnlich zu ihr. Aber noch mehr wuchs ihr Erstaunen, als ich ihr sagte, was mich zu ihr führte. »Sie wollen uns verderben,« sagte sie, »der Schritt, den Sie gethan haben, ohne mich zu fragen, kann sonderbare Folgen haben, Sie hätten dahin nicht kommen sollen, ohne mich vorher zu fragen, und ohne meine Einwilligung zu erwarten.«
Ihre Antwort brachte mich auf, und ich sagte ihr, daß ich die Folgen nicht fürchtete; und wäre etwas zu befürchten, so wäre es nicht für sie. »Der Ton, in dem Sie mit mir sprechen,« fuhr ich fort, »läßt mich wohl glauben, daß Ihr Vater nicht unrecht hatte, wenn er Ihren Ausspruch zu meinem Vortheil bezweifelte, und allem Anschein nach bestimmen Sie sich dem neuen Liebhaber, von dem Ihr Vater mir sprach.« Ich sprach in einem so hohen Tone, und war so lebhaft, daß ich nicht weiß, ob ich nicht gar in Schmähungen ausgebrochen wäre, wenn Manon mir Zeit gelassen hätte. »Mein Vater hat Ihnen dieses gesagt!« rief sie aus, und hob die Hände zum Himmel; »sagte er Ihnen, daß ich einen neuen Liebhaber hätte?« — »Er sagte mir mehr, er sagte auch, daß Sie ihn liebten.« »Hören Sie mich,« sagte sie ruhig, »dies läßt mich einen neuen Kunstgriff seiner Art argwöhnen. Ich habe Ihnen niemals Anlaß gegeben, Mißtrauen in meine Offenheit zu setzen. Hier könnten wir keine Erklärung haben, ohne behorcht zu werden, finden Sie sich heute um drey Uhr im Garten des Arsenals ein, wir können dort unter vier Augen sprechen; ich werde mich mit Ihnen auf eine Weise erklären, die Sie befriedigen wird.« Diese Worte waren mit solcher Unbefangenheit und Aufrichtigkeit gesprochen, daß ich mich ergab und die Zusammenkunft annahm. Unsere Unterredung dauerte lange, und ich erzählte ihr Wort für Wort, was ich ihrem Vater gesagt hatte, und seine Antwort.
»Ich weiß nicht,« sagte sie, »was ich Ihnen darauf erwiedern soll, ich bin in einer größern Verlegenheit als Sie. Die Ehrfurcht, die ich ihm schuldig bin, verhindert mich, etwas gegen ihn zu sagen; aber so viel ich davon urtheilen kann, so betrügt er uns; er weiß zu gut, daß ich niemals in eine andere Heirath einwilligen würde, als mit Ihnen, und unter der Bedingung will er mich nicht verheirathen, so lange er lebt. Was den Liebhaber betrifft, den er mir giebt, so weiß ich nicht, auf wen ich rathen soll; denn seit Ihrer Abreise sah ich niemanden, als den jungen Melville. Sein Vater ist der Freund des meinigen, aber die Art, mit welcher ich Ihnen von ihm schrieb, läßt mich hoffen, daß Sie das Mährchen nicht glauben. Selbst mein Vater sieht ihn noch wie ein Kind an. Hätte sein Vater mit dem meinigen gesprochen, wovon ich nichts weiß, so giebt es dafür ein gutes Mittel. Da er Ihnen sagte, daß ich die Ihrige werden sollte, wenn ich darein willigen würde, so wird die Sache bald zu Ende seyn; denn ich bin bereit, ihm meine Gesinnungen zu erklären, so bald es Ihnen gefällt; ob er sie gleich weiß; denn ich habe mich mehr als einmal darüber erklärt, aber ich werde es vor ihm, wie vor der ganzen Welt thun, wenn es nöthig seyn sollte, und heute noch, wenn Sie wollen. Ich glaube nicht, daß man bestimmter sprechen kann. Sagen Sie, was Sie wollen, das ich thun soll, ich werde es ohne Anstand thun. Glauben Sie mir, eilen Sie, ihn zu einer bestimmten Erklärung zu bringen, weil er sein Wort gab; setzen Sie ihn in die Nothwendigkeit, es zu halten, und aus diesem Grunde geben Sie zu, daß ich zu ihm und in seiner Gegenwart spreche.« Ich hielt sie beim Wort, und bat, daß es in demselben Augenblick geschehen möchte.
Wir stiegen zusammen in die Kutsche, die sie hergeführt hatte, es war ein Fiacre, sie hatte mit Fleiß weder den Wagen ihres Vaters, noch den meinigen angenommen. Wir kamen in der Meinung an, ihn beide zu sprechen, und plötzlich Ja oder Nein von ihm zu hören; aber wir hatten mit einem Manne zu thun, der sich nicht, wie wir glaubten, zu beherrschen wußte. Die Wärme, mit der ich zu ihm am Morgen sprach, und die heftigen Äusserungen meiner Liebe, die aus meinen Worten hervorleuchteten, hatten ihn überrascht und eine vorübergehende Empfindung des Mitleidens bei ihm erregt, deren sich selbst die bösen Geister nicht erwehren können. Er hatte mich angenommen und bereute es in dem nächsten Augenblick schon wieder, denn er wollte seine Tochter niemals verheirathen. Er suchte also Mittel auf, das Versprechen aufzuheben, das er eingegangen war, sie mir zu geben, wenn sie es wollte; aber doch wollte er auch nicht, daß ich seine Tochter zuerst unsers Bruchs beschuldigen sollte; denn er sah mich doch als ihren künftigen Gemahl an, ob er es gleich nicht bei seinem Leben erlauben wollte. Sein Wille war nicht, mich wegzustoßen, sondern nur wegzuschieben. Aus dieser Absicht war er wirklich während meiner Abwesenheit in Traktaten mit Melville, dem Vater, getreten, ob er gleich in der That seiner Tochter niemals einem Mann von so geringen Verdiensten geben wollte, und der so wenig in guten Umständen war. Da er nicht zweifelte, daß ich ihn bald nöthigen würde, zum Entschluß zu kommen, da ich seine Tochter in seiner Gegenwart zu einer Erklärung gegen mich treiben würde, so beschloß er, uns zuvor zu kommen.
Er wußte unsre Zusammenkunft, und kaum war seine Tochter aus dem Hause, so schickte er zu dem alten Melville, einer dringenden Angelegenheit wegen, ihn einzuladen. Der Sohn, der eben dem Fräulein einen Besuch abstatten wollte, fand sich zu gleicher Zeit mit seinem Vater zufällig an der Thür. Sobald Ribaupierre sie ankommen sah, beschloß er, sie eben so gut zum Besten zu haben, wie mich und seine Tochter. Nach den ersten Höflichkeitsbezeugungen sagte er dem alten Melville, daß er über das nachgedacht, was sie zusammen über die Heirath ihrer Kinder ausgedacht hätten; da er sich alt und gebrechlich fühle, so hätte er beschlossen, die Sache so bald als möglich zu beendigen. Der junge Melville konnte, wie wir nachher vernahmen, diese Rede nicht ohne Kitzel hören, er ließ seinem Vater nicht einmal Zeit zur Antwort, sondern sprach zuerst, und so wenig man seinen Verstand aus den Reden erkennen konnte, so viel Liebe sah man doch darin für das Fräulein. Er schlang sich um den Hals seines neuen Schwiegervaters, und sagte ihm, daß es neues unerwartetes Glück für ihn sey, aber daß er es mit dem besten Herzen annähme. Der Vater, der mäßiger in seinen Ausdrücken war, dankte dem alten Ribaupierre eben mit solchem Vertrauen, als wenn er wirklich gute Absichten gehabt hätte, und da seine Anträge ihm sehr vortheilhaft waren, so nahm er sie auf der Stelle an. Man sprach schon von den Artikeln des Ehecontracts. Melville beraubte sich zur Gunst seines Sohnes seiner Bedienung und trat sie ihm ab. Sie bewilligten alle Forderungen, die ihnen Ribaupierre machte, und die Sache wurde mit solchem Ernst betrieben, daß sie als geschehen angesehen werden mußte, und wo auch Ribaupierre selbst sich nicht mehr hätte zurückziehen können, wenn seine Tochter eingewilligt hätte; aber er wußte sehr wohl, daß sie dieses nicht thun würde, und alles geschah nur in der Absicht, um ihr selbst einen solchen Streich zu spielen, daß sie genöthigt werden sollte, sich dem zu widersetzen, was er wünschte, da er ihr immer betheuert hatte, keine Gewalt zu brauchen. Er bereitete sich also, ohne irgend Gefahr zu laufen, eine Komödie, die unnachahmlich war, weil die Spieler so natürlich ihre Rollen spielen mußten, und sie so wenig eingelernt hatten, als falschen Schmuck kannten.
Wir kamen eben dazu, als sie noch bei der Aufsetzung der Artikel von dieser vorgeblichen Heirath beschäftigt waren. Melville's Anblick, den ich nicht kannte, brachte mich für einen Augenblick zum Schweigen, doch blieben sie mir beide nicht lange fremd; Melville's Anrede an das Fräulein unterrichtete mich bald von ihren Absichten. »Mein Fräulein,« sagte er zu ihr, »wollen Sie mir erlauben, Ihnen meine Freude über das Glück zu zeigen, dessen mich Ihr Vater versichert hat, da er mir Ihre Hand giebt? Ich glaube Sie zu gehorsam, um von Ihnen Widerspruch zu erwarten.« In einem solchen beleidigenden Ton hätte er noch lange fortgeredet, wenn ich ihn nicht unterbrochen hätte. »Sie sagen, Herr von Ribaupierre giebt Ihnen sein Wort auf die Hand seiner Tochter?« »Ja, mein Herr,« war seine Antwort. »Nun dann,« erwiederte ich, »Herr von Ribaupierre versprach mir es noch diesen Morgen, es auf seiner Tochter Entscheidung ankommen zu lassen. Ich habe eben so gut Ansprüche auf sie und eben so gegründete, und doch überlasse ich es ihrer Wahl, und Sie, mein Herr, da Sie sie zu gehorsam glauben, als daß Sie Widerspruch von ihr befürchten, sind gewiß zu klug und edelgebohren, und selbst zu rechtschaffen, um ihr Zwang anzuthun, und sich nicht dem zu unterwerfen, was ihre Meinung entscheiden wird. Sprechen Sie nun selbst, mein Fräulein,« redete ich sie an, »diese Gelegenheit ist zu schön und zu günstig.« Sie erröthete, aber sie blieb keinen Augenblick unschlüssig. Sie fiel ihrem Vater zu Füßen, ohne Melvilles anzusehn, und ich hörte von ihr alles, was ein kluges, frommes, rechtschaffenes und geistvolles Mädchen sagen kann; von dem Ausdruck der heftigsten Leidenschaft begleitet, hatte sie ihren Worten noch mehr Gewicht gegeben. Sie endigte damit, daß sie ihrem Vater die Versicherung gab, daß sie niemals etwas thun würde, was der Tugend zuwider und was sein Misfallen erwecken könnte; aber sie bat ihn sehr, daß er sie nicht zwingen möchte, indem er ihre Hand ohne ihre Neigung vergeben wollte.
Auch ich faßte meinen Entschluß, und ob ich gleich die Betrügerei ahndete, so unterließ ich nicht, so gut zu meinem Vortheil zu sprechen, daß selbst der alte Melville, der ein sehr rechtschaffener Mann war, sich zu unserm Beschützer aufwarf. Er sagte dem alten Ribaupierre, wenn ihm die Gesinnungen seiner Tochter und die meinigen bekannt gewesen wären, so würde er niemahls an diese Verbindung gedacht haben. Man könnte nichts besseres thun, als zwei Menschen zu verbinden, deren Herzen schon so fest an einander gekettet wären; dies sei der Rath, den er ihm als rechtschaffener Mann gäbe, und um dessen Befolgung er ihn als Freund bäte.
Ribaupierre, der eine solche Bitte nicht erwartet hatte, war einen Augenblick darüber verlegen. Aber da er schon längst seinen Entschluß gefaßt hatte, so sagte er ohne Umschweife, daß seine Tochter ein unverschämtes Mädchen wäre, in einem solchem Tone in Gegenwart so vieler Menschen zu sprechen; sie verletzte die ihm schuldige Ehrfurcht, und die Zurückhaltung, die sie sich selbst schuldig sey, so daß er nichts besseres thun können, um sie zu bestrafen, als sie zu lassen, wer sie wäre. Er würde ihr niemals Zwang auflegen, weil er es ihr versprochen, aber er würde auch seine Einwilligung nicht geben, weil sie es wünschte. »Aber Sie versprachen mir ja, sie mir zu geben, wenn sie darein willigen würde, und nun fordere ich Sie selbst auf, mir Wort zu halten,« sagte ich. »Das sind Kleinigkeiten,« war seine Antwort. »Sie hielten mir damahls den Degen in die Seite, und ich vergaß es, daß ich Manon schon an Herrn von Melville versagt hatte.« — »Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück,« sagte dieser, »das soll Sie nicht abhalten, mit diesem Herrn in Verbindung zu treten.« »So wird es auch nichts,« sagte Ribaupierre erzürnt, und drehte sich nach der entgegengesetzten Seite seines Bettes um, und machte es uns in der That unmöglich, noch eine Antwort herauszubringen.