Der alte Melville wußte nicht, was er davon denken sollte, der Sohn wollte verzweifeln, seine Hoffnungen verschwinden zu sehn; das Fräulein verließ uns mit Thränen in den Augen, aber ich konnte nicht länger schweigen, da ich die ganze Betrügerei entdeckt hatte. »Sie wissen, mein Herr,« sagte ich, »daß ich schon längst an Ihre Tochter gedacht habe, Sie wissen auch, daß ich ihr nicht gleichgültig bin; Sie lassen Herrn von Melville zwischen uns treten und geben ihm den Vorzug. Ich habe nicht die Ehre ihn zu kennen, aber meine Eigenliebe schmeichelt mir genugsam, um zu meiner Gunst jeden Unterschied aufzusuchen, der sich zwischen uns finden mag; ich glaube, daß dieser Herr mir sie nicht streitig machen könnte, wenn ich ganz von ihm gekannt wäre; ich möchte wenigstens mich um seinetwillen in nichts verändern, auf welche Art es auch seyn möchte. Es wird mir schwer, mich auf eine solche Art zu erklären, aber die Ungerechtigkeit, die Sie an mir begehen, zwingt mich dazu. Wie es auch sey, mein Herr, was Sie bewegen kann, so zu handeln, so werde ich dem Beispiel Ihrer Tochter folgen, ich werde schweigen, weil ich fürchten muß, daß die Leidenschaft, die in mir erweckt ist, mich die Grenzen der Ehrfurcht überschreiten lassen möchte, die ich dem Vater eines Mädchens schuldig bin, das ich liebe, ja ich möchte sagen, das ich bis zur Raserey liebe.« Ich verließ das Zimmer in der That und suchte sie auf. Sie weinte, und ich bedurfte des Trostes, aber ihr Schmerz rührte mich stärker, als der meinige. Wir sagten uns, was uns in den Mund kam, aber wir beschlossen nichts, als uns ewig zu lieben, was auch der harte Vater ersinnen möchte, uns zu trennen. Sie ließ mir eine zärtliche Furcht in ihrem Herzen lesen, daß ich doch abgeschreckt werden könnte, aber ich versicherte sie vom Gegentheil, und gelobte ihr ewige Liebe und Treue.
Die beiden Melvilles verließen das Haus. Ich fürchtete, einem Zwist nicht ausweichen zu können, aber ich betrog mich. Der Vater war rechtschaffen, er sagte mir, die Art, wie ich die Sache genommen, habe ihn nicht beleidigt, auch nicht die Verachtung, mit der ich von seinem Sohn in seiner Gegenwart gesprochen hätte; er schrieb alles auf Rechnung meiner Leidenschaft, und sagte: es wäre unvernünftig, auf Vernunft in der Verzweiflung der Liebe zu rechnen. Diese Äußerungen mußten mich Entschuldigungen auffinden lassen, und das Fräulein that noch einen nachdrücklichen Schritt; denn nachdem sie sich über die Nothwendigkeit ihrer festen Erklärung entschuldigt hatte, so setzte sie hinzu, indem sie ihr Gespräch an den Sohn richtete: »Sie wissen sehr wohl, mein Herr, daß man nicht Herr seines Herzens ist; hätte ich Sie früher als Herrn von Autun gekannt, Ihre Verdienste würden mein Herz gerührt haben; aber Sie erschienen mir, da mein Herz schon von einem andern Gegenstand erfüllt war. Ich könnte Ihnen nichts geben, als meine Achtung; Sie sind zu rechtschaffen, um es übel aufzunehmen, was ich Ihnen sage, auch verzeihen Sie mir die Bitte, die ich im Beiseyn Ihres Vaters an Sie thue, nie mehr einen Anlaß zu irgend einer Art von Aufsehen zu geben.« »Ich verstehe Sie wohl,« sagte der Vater, »Sie haben mein Ehrenwort, daß er Sie niemals wieder belästigen soll. Und ich befehle ihm, in diesem Augenblick von Ihnen auf ewig Abschied zu nehmen. Niemals,« fuhr er fort, und wendete sich zum Sohn, »muß ein rechtschaffener Mann irgendwo überflüßig scheinen. Du spieltest hier eine schlechte Rolle, setze dich niemals wieder dieser Gefahr aus, und versprich es dem Fräulein in meinem Beiseyn, sie niemals wieder zu besuchen. Da deine Liebe nicht gut aufgenommen wurde, so sey wenigstens dein Gehorsam gegen sie in ihren Augen ein Verdienst.« Wir schieden nach vielen wechselseitigen Höflichkeitsbezeigungen von einander.
So war ich von meinem Nebenbuhler befreit, ohne deswegen glücklicher zu seyn! Jeder Versuch war uns abgeschnitten; und wir hofften nur von der Zeit allein noch eine günstige Wendung. Manons Vater sprach mit seiner Tochter kein Wort mehr, weder von Melville, noch von mir; es war, als hätten wir nie gelebt. Er machte weder ihr noch mir ein finsteres Gesicht; ich ging beständig zu ihm. Er beobachtete aber so ein tiefes Stillschweigen über alles, was uns anging, daß wir uns in der größten Verlegenheit befanden. Wir hatten indeß nichts mehr von ihm zu befürchten; er hatte uns ermüdet und zurückgestoßen, und mehr verlangte er nicht.
Er hatte sein Versprechen erfüllt, er wollte unsere Verbindung aufheben, ohne daß seine Tochter mir den kleinsten Anlaß zur Unzufriedenheit geben sollte. Er sah mich als den Mann an, den er ihr bestimmte, aber ich wußte nicht, daß er mich wirklich liebte; und doch war es so; denn er bewieß es mir einige Monate nachher, auf eine sehr großmüthige Weise.
Ich hatte längst eine Stelle zu kaufen gesucht, jetzt fand sich eine erledigt; aber die Rede war nun von der Bezahlung. Ich hatte ohngefähr zwey Drittheile von dem nöthigen Gelde; aber ich hatte mich verbindlich gemacht die ganze Summe auf einen einzigen Termin zu bezahlen. Zu meinem Unglück starb in dieser Zeit der Banquier, der mehr als zwanzig tausend Thaler von mir hatte; und da die Sachen so standen, daß man außer Stande war, mir sogleich die ganze Summe auszuzahlen, so hielt ich mein Geld für verlohren, oder wenigstens sehr dem Zufall überlassen. Ich suchte Geld aufzutreiben, wo ich nur konnte, aber mein Credit war nicht groß genug, um eine so große Summe aufzubringen, zumahl zu einer Zeit, wo die Banquerotte so häufig waren. Ich weiß nicht, durch welchen Zufall Ribaupierre es erfuhr; denn seine Tochter wußte nichts von mir, und es wurde ihr erst bekannt, da sie ihr Vater zu mir schickte. Er borgte Geld, wo er nur welches bekommen konnte, selbst einen Theil seines Silberzeugs setzte er zum Pfande, und als ich mir es am wenigsten vermuthen konnte, so sah ich Manon in mein Zimmer treten. Sie brachte mir zwölf tausend Thaler, und sagte, ihr Vater habe erfahren, das ich Geld bedürfe, und hätte ihr aufgetragen, von mir zu erfahren, wenn es nicht hinreiche, er bürge für mich, und würde alle Kräfte aufbieten, mir das nöthige zu verschaffen. Es war mehr als ich zu meinem Vorrath noch bedurfte. Sie sagte, sie hätte befürchtet, der Vater würde ihr einen neuen Streich spielen, da sie gesehen, daß er auf einmal alles Silber verkauft hätte. Aber jetzt wäre ihre Freude desto größer, da sie seine Absichten entdecke.
Diese Großmuth von seiner Seite erweckte in meinem Herzen eine tiefe Rührung, da ich zumal in einer Lage war, wo mir baares Geld so unentbehrlich war. Er sandte mir die Summe am Morgen des nämlichen Tages, an welchem ich die Zahlung leisten sollte. Meine erste Sorge war, ihm zu danken. Ich zeigte ihm ganz, wie groß meine Dankbarkeit sey, und sagte ihm offenherzig, aus welcher Verlegenheit er mich gerissen habe. Er unterbrach mich in meinen Danksagungen, und ohne die Art und Weise zu ändern, mit der er mich sonst behandelte, sagte er mir ganz trocken: »ich solle nun gehen, meine Geschäfte zu beendigen. Man lerne seine Freunde in der Noth vorzüglich kennen, und er wäre der meinige mehr als ich dächte, ob er gleich überzeugt wäre, daß ich ihn im Herzen oft verwünscht hätte. Kommen Sie zum Abendessen wieder,« sagte er noch. Da ich sahe, daß er ohne Zwang mit mir umging, so behandelte ich ihn auf eine ähnliche Weise. Ich ging meinen Geschäften nach, und endigte sie nach Wunsche.
Ich brachte den Abend in Ribaupierre's Hause zu, und wollte noch immer in meinen Danksagungen fortfahren, aber er unterbrach mich. »Ey zum Henker,« rief er, »weil Sie so oft wieder dasselbe Lied beginnen, so muß ich auch reden. Ist's nicht wahr, daß wenn ich Ihnen meine Tochter nebst meinem Vermögen gegeben hätte, so hätte ich Ihnen keinen Dienst geleistet, weil ich es hernach nicht mehr hätte thun können, oder Sie hätten es wohl nicht nöthig gehabt? Und hätten Sie meine Tochter ohne Vermögen erhalten, wie Sie sie verlangten, so würden Sie glauben, es sey Ihr eigenes Gut, was ich Ihnen gegeben, und nicht das meinige? Und ist es nicht auch noch wahr, daß Sie mir jetzt mehr Verbindlichkeit haben, als wenn Sie mein Schwiegersohn wären? Ist es nicht so, daß Sie mehr Dankbarkeit empfinden, und mit einem Wort mehr gerührt sind.« Ich gestand es ihm zu. »Nun das ist's eben, was ich meine, lieber Freund,« erwiederte er, indem er mich treuherzig auf die Schultern klopfte. »Sey immer Herr des Deinigen, und überlaß Deinen Kindern, wenn Du welche hast, Dir den Hof zu machen, ohne sie und Dich selbst je in den Fall zu setzen, daß Du ihnen den Hof machst. Es ist sehr angenehm, sein eigner Herr zu seyn, Du wirst auch einst Kinder haben, handle auch mit ihnen, wie ich mit Dir handelte, so wirst Du immer gefürchtet und geehrt seyn.«
So viel ich auch gegen seine Moral einzuwenden hatte, so mußte ich sie doch sehr vernünftig finden, und wenn alle Eltern mit ihren Kindern so handelten, so würden die Kinder mehr Achtung und Ehrerbietung vor ihnen haben. Denn er sagte sehr wahr, daß die Kinder immer ihre Eltern wiederfänden; aber die Väter und Mütter nicht immer ihre Kinder; und dann sey es auch beschämend von denen abzuhängen, die uns das Leben verdanken; aber im Gegentheil wäre es sehr natürlich und ein heiliges Gesetz, daß wir von denen abhängen, die wir als die Urheber unsers Daseyns verehren.
Ich mußte den Mann bewundern, der mir willig sein Vermögen anvertraute, und mir doch seine Tochter versagte, weil er den festen Entschluß hatte, sich nicht zu entblößen: denn im Grunde liebte er mich, und mit einem solchen Zutrauen, daß nie davon die Rede war, daß ich ihm eine schriftliche Sicherheit geben sollte. Denn als ich ihm einen Theil des überflüssigen Geldes zurück gab, und für das übrige eine schriftliche Versicherung brachte, so nahm er jenes zwar wieder; fragte mich aber dabei, ob ich dächte früher als er zu sterben, und setzte hinzu, daß Leute von Ehre einer solchen Vorsicht nicht bedürften, die ihren Ursprung immer dem Mißtrauen zu danken habe.