Indem diese Gelegenheit mir bewieß, welchen Antheil er an meinem Glücke nahm, erfolgte noch ein Vorfall, der mir seinen Antheil an meiner Person zeigte.

In dem Hause, wo ich wohnte, fand sich ein schönes junges Mädchen, und da ich keine eigene Haushaltung hatte, so aß ich bei der Dame meines Hauses. Man sagte das Mädchen sei von einer guten Familie, auch hatte sie wirklich sehr gute Sitten, und nicht gemeinen Anstand. Sie hatte oft Verrichtungen in meinen Zimmern, und machte sich noch öfter darin zu thun, als nöthig war. Ich war jung, die Leidenschaft für Manon hatte meine Sinne aufgeregt, das Mädchen war leichtfertig, und froher Laune, wir kamen weiter als es die Sittsamkeit erlaubte, und sie spürte die Folgen unsers Verständnisses, das eine lange Zeit, ohne Aufsehen zu machen, fortdauerte. Man hatte keinen Verdacht auf mich, aber endlich wurde es doch entdeckt. Ribaupierre, der weitläuftige Verbindung hatte, und überall Freunde, war auch davon unterrichtet, als das Mädchen ihrer Niederkunft nahe war, und wußte, daß sie mir einen Rechtshandel auf den Hals bringen würde, da sie mich schon bei den Gerichten verklagt hatte. Wirklich war schon der Verhaftsbefehl ausgefertigt. Ribaupierre erzählte mir, daß ihm alles bekannt sei, und stürzte mich durch dieses Geständniß in die größte Verlegenheit, in die ich je in meinem Leben gekommen bin. Zwar wollte er mit mir nicht in Gegenwart seiner Tochter darüber sprechen, aber sie behorchte uns. »Es ist nur eine Kleinigkeit,« sagte er, nachdem er seine Rede geendigt hatte, »aber sie könnte Ihnen doch durch ihre Folgen Kummer machen, wenn Sie verhaftet würden, und es würde noch dazu schlimmen Eindruck machen, da Sie im Begriff sind, eine Stelle zu erhalten, zu der man einen Mann von makellosem Rufe verlangt. Bleiben Sie bey mir, hier wird man Sie nicht suchen, und man wird Zeit gewinnen, die Sachen auf einem guten Wege einzuleiten; doch ist's immer gut, zu wissen, ob Sie nicht in Ihren Versprechungen zu weit gegangen sind, da Sie das Mädchen zuerst zu einem solchen Umgang beredeten, oder ob Sir ihr Geschenke gemacht haben?« »Ich versprach nichts,« war meine Antwort, »aber dreißig Louisd'ors gab ich ihr.« Lachend sagte er: »Hier ist eine Todsünde theuer genug bezahlt! Gaben Sie ihr seit der Zeit nichts mehr?« »Nein, denn sie wollte nichts mehr annehmen, ob ich es ihr gleich verschiedene male angeboten habe.« »So hatte sie ihre Absichten,« war seine Antwort, »aber mag es seyn, daß beim erstenmal das Interesse sie zu einem solchen Schritt brachte, das Vergnügen leitete sie in der Folge, und zu Ihrem Nachtheil. Aber lassen Sie mich machen, wir werden uns gut herauszuziehen suchen, bleiben Sie hier, und erwarten mich.« Er ließ eine Sänfte holen, und ohngeachtet seine Tochter und ich ihn baten nicht auszugehen, denn er hatte seit sechs Monaten das Zimmer nicht verlassen, weil er die Erlaubniß hatte, in seinem Hause Messe zu hören, so hörte er auf unsere Bitten nicht und verließ das Haus.

Es ist mir noch jetzt unbegreiflich, daß er in einem Zeitraum von zwey Stunden wieder zu Hause war, und zwar mit einem Dokument in Händen. »Sehen Sie,« sagte er und zeigte mir's, emplastrum contra contusionem; »nun kann Ihre Schöne Sie nicht mehr festhalten, und Sie können sie in ihrer Wohnung einziehen lassen. Aber ich hoffe, Sie sind kein solcher Bösewicht, um das arme Geschöpf ins Gefängniß zu schicken, die Furcht müssen Sie ihr indeß einflößen, da es in Ihrer Gewalt ist. Alle Gerichtsdiener wissen, daß Sie einen Verhaftsbefehl gegen sie in Händen haben, sie wird es bald selbst erfahren. Lassen Sie sie kommen, sie wird mit sich reden lassen, und wir werden sie bringen können, wozu wir nur Lust haben.« Er ließ in der That einen Unteroffizier holen, von dem er wußte, daß er ein Freund des Mädchens war. Er gab den Verhaftsbefehl in seine Hände, aber kein Geld, um nicht das Ansehn zu haben, als wolle er ihn bestechen; er versprach ihm nur nach Beendigung seines Geschäfts eine Belohnung. Der Sergeant that was er erwartet hatte. Er gab dem Mädchen Nachricht, sie sah sich in großer Verlegenheit, denn sie fühlte wohl, daß man ihr unangenehme Händel zu ziehen könnte, wenn sie darauf bestehen wollte, mich ohne meinen Willen zu heirathen, indem sie es zugleich gegen den Willen von Leuten thun wollte, die unendlich reicher und mächtiger waren, als sie. Nun wurde mit ihr von einem Vergleich gesprochen, und Ribaupierre betrieb die Sache mit einem solchen Feuer, daß alles innerhalb zwey Tage abgethan war. Es ist wohl wahr, daß es mir einiges Geld kostete, und daß ich versprechen mußte, mich des Kindes anzunehmen, aber das starb bald nach der Geburt. Ribaupierre und seine Tochter thaten noch mehr zu ihrer eigenen Beruhigung; sie verheiratheten das Mädchen.

Diese Geschichte aber hatte doch zwischen Manon und mir Zwist erregt, sie behauptete, daß ich die Treue gegen sie verletzt habe, und wurde nicht eher ganz beruhigt, bis das Mädchen mit ihrem Mann Paris verlassen hatte. Ribaupierre lachte darüber. Er war keinesweges zum Vortheil des andern Geschlechts gestimmt; und pflegte sich bei solchen Unterhaltungen eben nicht zu mäßigen, noch seine Worte in seiner Tochter Gegenwart genau abzuwägen. »Es ist ein schrecklicher Zustand,« sagte er, »wenn die Mädchen sich von der Sinnlichkeit hinreißen lassen, zumal in ihrer Jugend. Aber die Beyspiele so vieler Unglücklichen dienen ihnen nicht zu Warnung, ob sie sie gleich täglich vor Augen haben, im Gegentheil, je mehr Unglückliche es giebt, die sich ihren Begierden überlassen, desto mehr Nachahmerinnen finden sie. Ich stelle mir vor,« setzte er hinzu, »sie sagen zu sich selbst, diese und jene haben ihre gute Ehre verlohren, und ihren guten Ruf, aber sie hatten nicht Verstand genug, ihr Geheimniß zu verwahren, wie so manche andere, deren man gar nicht erwähnt. Auch selbst Weiber gaben uns Beispiele, daß man nicht nöthig habe, den Männern die Treue zu halten, und ungeachtet sie die größten Gefahren bei ihrer Niederkunft ausstehen, so vergessen Sie leicht die vorhergegangenen Schmerzen, und folgen den Trieben ihrer Sinnlichkeit. Die Neugierde ist der erste Schritt zur Ausschweifung, das Nachdenken erweckt die Sinne; endlich unterliegt man aus Schwachheit, und nun ist der erste Schritt gethan, der unwiederbringlich weiter fortreißt.« Ribaupierre sprach in diesem Ton fort, der seiner Feinheit keine Ehre machte, aber doch seiner guten Laune; es war unmöglich ihn über diese Gegenstände mit Ernsthaftigkeit anzuhören. Selbst seine Stimme änderte sich, er hatte einen gewissen schreienden Ton, der das Gespräch noch belustigender machte. Seine Tochter verließ das Zimmer, so oft sie merkte, daß er in einen solchen Ton fallen wollte, aber er besaß das Geheimniß, sie zum Bleiben zu zwingen, denn er pflanzte sie an eine Ecke des Tisches, wo sie nicht herauskonnte. Sie mußte sich endlich gewöhnen ihn anzuhören, erst antwortete sie ihm sogar, und vertheidigte ihr Geschlecht, so gut sie konnte, ohne ihn jedoch in seiner Meinung irre zu machen.

»Aber,« sagte sie einmal zu ihm, »wenn Sie von der Schwachheit meines Geschlechts so überzeugt sind, warum erlauben Sie, daß ich auf Treu und Glauben leben darf, wie ich lebe? Warum glauben Sie nicht, daß ich auch Thorheiten begehen könne, wie jede andere? Glauben Sie, daß ich eine Ausnahme von der Regel sey, und mich allein gut zu betragen wisse, Sie, der allen Glauben an die gute Aufführung eines Mädchens verloren hat? Würde mich jemand abgehalten haben, mich schlecht aufzuführen, wenn ich die Neigung dazu hätte, da Sie mir alle Freiheit ließen? Selbst der Umgang mit Herrn d'Autun könnte weit führen, er würde mich nicht auf den rechten Weg zurückbringen, oder ich müßte mich sehr betrügen.« »Dieß würden Sie nicht,« sagte ich, »und ich möchte Ihnen offenherzig in Ihres Vaters Gegenwart gestehen, daß Sie Unrecht haben, nicht auch durch Ihr Beispiel die Meinung zu bestätigen, die er von Ihrem ganzen Geschlecht hat.«

»Davon ist nicht die Rede,« sagte Ribaupierre, »jeder handelt in der Welt nach seinen Einsichten. Ich bin weder Spanier, noch Italiener, oder Türke, und baue auf die Enthaltsamkeit der Frauen nicht sonderlich, wenn sie durch Schlösser verwahrt sind. Die gute Aufführung eines Mädchens hat keinen Werth, wenn sie nicht ihrer eigenen Tugend überlassen bleibt. Es ist eine Eigenthümlichkeit der Menschen, besonders der Frauen, mit Wärme gerade nach demjenigen zu streben, was verboten ist. Dieß ist gewiß der Grund, daß es in Spanien und Italien mehr verdorbene Sitten giebt, als in Frankreich, und mehr Libertins, als bei uns, wo die Frauen Freiheit haben, und wo sie sehr selten die ersten Schritte thun. Die wahre Tugend der Frauen besteht in dem Widerstande, den sie der Versuchung entgegen setzen; und eben deswegen sind die Französinnen, die ihre Reinheit bewahren, viel mehr zu preisen, als Frauen anderer Nationen, die ich vorher nannte; denn sie sind durch ihre freiere Geselligkeit stets der Versuchung ausgesetzt, da im Gegentheil die andern ihre Sittlichkeit nur den Mauern verdanken, die sie einschließen.«

»Wenn ich,« sagte er zu uns beiden, »da ich euch nicht verheirathen wollte, dir Manon verboten hätte d'Autun zu sehen, hättest du mir gehorcht? gesteh es aufrichtig. Wenn ein Mädchen heimliche Zusammenkünfte mit ihrem Geliebten hat, ohne den Willen ihrer Eltern, so muß sie die Zeit dazu stehlen; aber sie verliert dann auch keinen Augenblick. Der Geliebte bringt seine Angelegenheiten viel weiter in einer Viertelstunde, als er es bringt, wenn er seine Geliebte täglich sehen kann. Nur in solchen Fällen hätte ich fürchten müssen, daß du zu sehr den Neigungen deines Herzens folgen möchtest; aber da ich dich mit ihm leben ließ, und ganz nach deiner Phantasie, so bin ich gewiß, daß er nun seine Zeit zu nichts schlimmern verwendet, als zu klagen, oder mich zu verwünschen, und schwerlich hättet ihr eure Zusammenkünfte unter andern Umständen eben so unschuldig gehalten.«

»Ich war auch jung wie ihr. Ich liebte ein Mädchen, mit der ich mich ehelich verbinden wollte. Ich wurde von ihr geliebt, und so dreust und kühn ich gegen die andern Frauen war, so war sie die Einzige, die mir Achtung einflößte. Vielleicht hat mich die Liebe, mit der ich sie liebte, auch verschämt gemacht, und nie hat mich meine Kühnheit zu weit verleitet. Ich weiß also aus Erfahrung, daß man ein Mädchen, um dessen Hand man sich bewirbt, mit ganz andern Augen ansieht, als eine andre. Habe ich mich betrogen?« sagte er zu mir, »hätten Sie die Zeit außer meinem Hause auch auf eine so unschuldige Art zugebracht?«

»Ich weiß nicht,« sagte ich, »aber das weiß ich, daß ich die Ehrfurcht gegen das Fräulein nie würde verletzt haben, und daß sie sich immer gleich anständig betragen haben würde!«

»Und ich glaube es nicht;« sagte er.