»Aber was für ein Vergnügen kann es Ihnen machen, uns der Gefahr auszusetzen, einer Versuchung zu unterliegen? Warum willigen Sie nicht in unsre Verbindung? da Sie sie nicht mißbilligen.«

So endigte sich immer unser Gespräch, und Ribaupierre brach entweder von der Materie ab, oder er sagte, daß wir nicht zu eilen hätten.

So verlebten wir die Zeit, jeden Augenblick konnte ich zu ihm gehen, ich aß täglich bey ihm, und es fehlte nichts daß ich wirklich sein Schwiegersohn war, als daß ich mit der Tochter in einer solchen Entfernung lebte. Vergebens erschöpfte ich meine Beredsamkeit bey ihr, und suchte durch alle Gründe die ich finden konnte, uns einander näher zu bringen, aber sie blieb unbeweglich, und ließ sich zu nichts bereden.

Ich hatte eine Art zu leben, die mir selbst unbegreiflich war. Täglich sah ich einen Mann, dessen langes Leben mir Kummer machte, und den ich nicht hassen konnte. Alles abgerechnet was er für mich gethan hatte, so empfing er mich immer wie seinen Sohn, und belustigte mich durch seine gute Laune, und witzigen Einfälle. Täglich fand ich mich in der Gesellschaft eines Mädchens, die ich bis zur Raserey liebte, und von der ich mich geliebt glaubte, und doch fühlte ich keine dieser stürmischen Empfindungen, die die Liebe in uns erweckt, wenn die Leidenschaft sich des Herzens bemächtigte. Es ist als wenn nach so vielen fruchtlosen Versuchen, das Herz und die Sinne sich der Gewohnheit unterworfen hätten, sich von der Vernunft leiten zu lassen, die über beide ihre Herrschaft ausübt.

Nachdem wir lange auf diese Weise fort gelebt hatten, überfiel den alten Ribaupierre unerwartet eine solche Schwäche, der die Natur in wenig Augenblicken unterlag. Er hatte lange genug gelebt, um nicht vom Tode überrascht zu werden, und er bereitete sich zu diesem Schritte als ein Christ. Da er fühlte, daß er nicht wieder genesen könne, so wollte er auch mit mir sich aussöhnen, und mich in seinem Herzen lesen lassen. Nachdem er die letzte Oelung empfangen hatte, ließ er mich und seine Tochter an sein Bette rufen.

In wenig Worten, und ohne sich zu schmeicheln, erzählte er mir sein Leben. Ich sah darin eine stete Folge von erlittenen Verlusten und Unglücksfällen; aber bey aller Schuld, die er durch eine unordentliche Lebensart auf sich geladen hatte, bemerkte ich doch einen unerschütterlichen Grund von Rechtschaffenheit; gewiß war er einer der biedersten Menschen; wäre er es weniger gewesen, er würde unermeßliche Reichthümer erworben haben, die er aber lieber verachtete, als daß er gegen sein Gewissen gehandelt hätte. Er gestand mir, daß die Überzeugung, daß er nicht zum Glück gebohren sey, ihn gezwungen hätte, sich gegen alle Zufälle zu verwahren. Zwar hätte er nie im Ernst gezweifelt, daß ich und seine Tochter ihn gut behandeln würden, wenn er unsre Heirath bewilligte; aber er gestand mir doch, daß die Furcht vor der Zukunft in seinem Herzen zu groß und unüberwindlich gewesen sey. »Ich gebe Ihnen nichts, wenn ich Ihnen meine Tochter gebe, sie gehört Ihnen schon an, aus vielen Gründen. Verzeiht mir beide, daß ich mich so lange eurer Verbindung widersetzte, aber ich verdiene mehr Entschuldigung als Verzeihung, ich konnte eine Schwachheit in mir nicht unterdrücken, die die Annäherung des Todes allein bekämpft. Ich weiß, Sie lieben Manon aufrichtig, und ich kann sie in keinen bessern Händen zurücklassen, als in den Ihrigen. Sie sey Ihnen auch um Ihrer selbst willen empfohlen, auch um meinetwillen darf ich hinzusetzen, es ist die Bitte eines Sterbenden, der Ihnen mit Wahrheit betheuert, daß er Sie immer unendlich geliebt und geschätzt hat. Gebt Euch die Hände, sagte er: ich hoffe, sie wird Ihnen nach der Heirath eben so theuer seyn, als sie es bisher war, und niemals Anlaß geben, daß Sie Ihre Wahl bereuen. Ich bitte Gott, daß er Euch seinen Segen gebe, den meinigen gebe ich Euch, aber, indem er sich zu seiner Tochter wendete, unter der Bedingung, daß du durch Tugend dich dessen würdig machst, und durch eine wahre unverbrüchliche Anhänglichkeit an Herrn d'Autun. Danke Gott, daß er dir einen solchen Mann bestimmte, hege alle die Zärtlichkeit gegen ihn, die er verdient, und alle Dankbarkeit für die Ehre die er dir erzeigt; denn er könnte natürlich auf eine höhere Verbindung Ansprüche machen. Bewahre ihm alle Treue und Ergebenheit und Ehrfurcht, die eine tugendhafte Frau ihrem Mann schuldig ist; dieß sind die Bedingungen, unter denen ich dir meinen Segen gebe.«

»Gehen Sie nun,« sagte er zu mir, »wiederholen Sie meinem Beichtvater was ich Ihnen sagte, und fragen ihn, ob es erlaubt ist, Sie in meinem Zimmer zu trauen? Ich habe keine Forderung mehr an die Welt zu machen; ich stürbe völlig beruhigt, wenn ich Euch noch verbunden sehen könnte, und meine Tochter vor meinem Tode noch unter sicherm Schutz, und in einer Verbindung, die vielleicht manchen Hindernissen ausgesetzt seyn könnte, wenn ich nicht mehr bin. Eilen Sie, wenn Sie wollen, daß ich noch diesen Wunsch erfüllt sehe. Ich fühle meine Kräfte, und habe nur noch wenige Stunden zu leben.«

Es war, als wenn er voraus sähe, was nach seinem Tode geschehen könnte. Gern hätte ich diese gute Stimmung benutzt, aber ich glaubte nicht, daß es schon so weit mit ihm wäre; denn seine Sinne waren noch ungeschwächt, sein Urtheil bestimmt, seine Gespräche reichhaltig, und zu dem hatte er eine starke Stimme, und lebhafte feurige Augen. Sein Zustand schmerzte mich aufrichtig, die Thränen seiner Tochter, die aus einem wahrhaft gerührten Herzen flossen, durchdrangen mich. Ich bewunderte die Ruhe, mit der ihr Vater ihr Trost einsprach; kein Zeichen von Ungeduld gab er von sich, kein Wort verrieth einen Wunsch in die Welt zurückkehren zu können. Ich sprach in seiner Gegenwart mit dem Beichtvater, und er bestätigte alles was ich sagte. Der Geistliche durfte uns aber ohne die Einwilligung des Erzbischoffs von Paris nicht trauen; doch versicherte er, daß er gar nicht zweifle, sie unter diesen Umständen zu erhalten. Wir baten ihn, sich selbst hin zu bemühen. Er that es, nachdem er vorher unsern Namen und Stand aufgezeichnet hatte, und ließ bei dem Kranken einen andern Geistlichen. Auch wir blieben bei ihm, und ich sah in dem Sterbenden eine wahre Ergebung und eine ungeheuchelte Entsagung aller irrdischen Dinge, mit einem Wort solche Gesinnungen, wie sie sich jeder wünschen sollte.

Die Erlaubniß zu unserer Trauung kam zu spät, eben als er seine Augen geschlossen hatte; sie wurde uns unnöthig, denn der Geistliche wollte nun nicht davon Gebrauch machen. Er sagte, der Erzbischof habe nur die Erlaubniß ertheilt, um das Gewissen eines Sterbenden zu beruhigen, und um sein Herz von weltlichen Angelegenheiten loszumachen; aber der letzte Seufzer desselben habe alle diese Ansichten verändert, wir wären nicht mehr in der Lage uns den gewöhnlichen Ceremonien der Kirche entziehen zu dürfen.

Ich erschöpfte vergebens meine Beredsamkeit, so wie auch die Tante des Fräuleins; man bot dem Geistlichen eine ansehnliche Summe, um ihn dahin zu bringen, uns den Segen zu geben; aber alles war umsonst.