Ich führte nun Manon in mein Haus, und bat die Freundin, bei der ich sie zum erstenmale sah, ihr Gesellschaft zu leisten, ich selbst ging zu Ribaupierre's Wohnung zurück, wo sich die Tante mit ihrem Sohn nebst noch mehreren Verwandten des Verstorbenen befanden. Sie betrachteten mich alle als Herrn des Hauses, und überließen meiner Einsicht alle Einrichtungen. Ich ließ versiegeln, ordnete das Leichenbegängniß an und die Seelenmessen, und nahm alle Kostbarkeiten in meine Verwahrung. Manon unterschrieb alles, was ich wollte, und verließ sich ganz auf mich. Ihre Erbschaft machte wenig Umstände, sie war die einzige Tochter und Erbin, also waren keine Einsprüche zu befürchten. Bald war sie in alle ihre Rechte eingesetzt, und als ich sie wieder in ihr Haus zurückführte, war sie so erschöpft, und bewegt, daß ich nicht wagen durfte, mit ihr sobald von unserer Heirath zu sprechen.
Ihre Tante aber erklärte ihr in meiner Gegenwart, daß sie sich nicht sobald nach dem Tode ihres Vaters verheirathen dürfe, weil diese Eilfertigkeit zu vielen Gesprächen Anlaß geben könnte. Sie war die erste, die darein willigte, und ich mußte nachgeben, so schwer es mir auch fiel; zumal da dringende Geschäfte mich wieder nach A— riefen. Da die Tante dafür hielt, daß es sich für ein unverheirathetes Frauenzimmer nicht schicke, mit so vielen Bedienten allein zu wohnen, so rieth ich ihr, die Zeit meiner Abwesenheit bei der Tante zuzubringen, wo die lebhafte Gesellschaft zugleich ihren Kummer zerstreuen würde.
Nach vierzehn Tagen ging ich zum letztenmal vor meiner Abreise zu ihr; ich sah sie Briefe schreiben, und auf die Post geben. Dieß beunruhigte mich nicht, da ich wußte, daß sie Herr über ihr Vermögen war, und, weil ein Theil davon in einer entfernten Provinz stand, leicht Veranlassungen zum Schreiben haben konnte. Aber ich entdeckte doch, daß ein Brief darunter war, dessen Aufschrift sie mir verbergen wollte. Will man einem Liebhaber etwas verheimlichen, so ist dieß gerade ein Mittel, seine Neugierde zu erregen. Unser Verhältniß erlaubte mir die Frage an sie zu thun, an wen dieser Brief gerichtet sei? aber ich that sie nicht, und begnügte mich damit, daß ich einen Handschuh fallen ließ, und den Kopf erhob, indem ich ihn aufnahm. Da die Adresse umgekehrt lag, so konnte ich nur den Namen Rosier lesen, ohne zu sehen, nach welchem Ort er gerichtet war; ich hatte niemals einen ähnlichen Namen gehört, und bekümmerte mich nicht weiter darum.
Ich trat meine Reise an, nach deren Beendigung unsere Heirath vollzogen werden sollte; der Abschied war zärtlicher als das erstemahl. Dießmahl war ich wie ein Mann, der vor Begierde brennt, sich des Besitzes zu erfreuen. Ich sah in A— nur Menschen, mit denen ich Geschäfte hatte, selbst einen Theil meiner Ansprüche und Rechte opferte ich auf, um meine Geschäfte nur schnell zu beendigen, und war vierzehn Tage früher wieder in Paris, als man mich erwartete.
Ich ging sogleich zu Manon, noch eh ich in meine eigne Wohnung trat. Sie war nicht zu Hause. Es kamen zwei Briefe an sie an. Da ich ihre Geschäfte zu besorgen gewohnt war, so ließ mich die Kammerfrau die Briefe in Empfang nehmen. Ich empfahl ihr meine Ankunft zu verschweigen, weil mir's einfiel, einen Brief von meiner Hand in einen von diesen einzuschieben, um sie in Verlegenheit zu setzen, und mich über sie lustig zu machen. Die Kammerfrau versprach das Geheimniß zu bewahren, und ich ging in meine Wohnung, um mich umzukleiden. Ich war überzeugt, daß die Briefe nur von Geschäften handelten, die ihre Erbschaft beträfen, und daß sie nicht darüber böse werden könnte, wenn ich einen davon aufbräche. Ich zauderte also nicht lange. Der Brief war mit dem Namen Rosier unterschrieben. Dieß erinnerte mich an die Sorgfalt, die sie angewandt hatte, mir einen Brief mit dieser Aufschrift zu verbergen. Meine Gedanken verwirrten sich, und ich wußte keinen Ausweg. Der Inhalt des Briefs machte mich schaudern. Man schrieb ihr:
»Mit der größten Freude, mein Fräulein, empfing ich Ihren Brief vom neunzehnten, und ich erfuhr, daß Sie nicht mehr unter der Tyrannei eines Vaters seufzen müßten. Tausendmal habe ich Ihre Gefälligkeit für ihn bewundert, und Ihre Tugend, mit der Sie seine üblen Launen ertrugen. Ich glaubte nicht, daß die kindliche Liebe so weit gehen könnte. Endlich sind Sie frey, ich danke Gott täglich dafür um meinet- und Ihrentwillen. Ich bleibe nur noch kurze Zeit hier, spätestens in vierzehn Tagen hoffe ich zu Ihnen zu kommen, und in Ihrer Nähe alle Freuden zu genießen, die eine glückliche Liebe verspricht; nach so vielen Durchkreuzungen des Schicksals und nach den Hindernissen, die ein glücklicherer Nebenbuhler, von einem Manne begünstigt, von dem Sie abhängig waren, uns in den Weg legte. Mag er seyn, wer er will, dieser Nebenbuhler, so schwöre ich es Ihnen zu, er ist verloren bei meiner Ankunft, oder meine Mutter wird mich von dem schrecklichen Anblick befreien, Sie in seinen Armen zu sehen. Sie wollen mein seyn, nichts wird mich von meinem Glück abhalten, und ich werde Ihnen Beweise geben, daß niemand zärtlicher und treuer geliebt hat, als Ihr
Rosier.«
Könnte der Schmerz tödten, so wäre ich in diesem Moment gestorben. Eine ganze Stunde blieb ich fast ohne Bewußtseyn, so hatte mich dieser unerwartete Schlag betäubt. Aber die Wuth folgte dem Schmerz bald nach. Ich horchte nur auf die Stimme der Rache, und entschloß mich, diesem Menschen zuvor zu kommen, der mir den Tod drohete, ehe er mich gesehen hatte. Ich nahm die Feder, aber ich weiß nicht, was ich in der Bewegung niederschrieb. Ich sandte Manon die Briefe zu, auch den meinigen. Ich stieg wieder aufs Pferd und nahm den Weg nach Grenoble; ich hatte den Plan, jenen Rosier selbst ausfindig zu machen, und zu sehen, ob er eben so tapfer in der Nähe als in der Ferne wäre. Der Zorn gab mir Flügel; in dreißig Stunden war ich dort. Ohne auszuruhen machte ich Anstalt den Menschen aufzusuchen, wo ich nur hoffen konnte, Nachrichten von ihm einzuziehen; aber ich konnte ihn nicht finden. Endlich von den vielen mißlungenen Versuchen abgeschreckt, mehr noch als wüthend über die Untreue meiner Braut durchreiste ich das Lioner Gebiet und den Wald, und ging nach A— zurück, wo ich entschlossen war zu bleiben, bis die Zeit das Andenken an Manon in meinem Herzen getilgt haben würde. Vier Monate blieb ich dort, aber ich erreichte nicht meinen Zweck. Ich wäre länger geblieben, hätte mich meine Stelle nicht gezwungen nach Paris zurückzukehren.
Manon, die meine Ankunft sogleich erfuhr, kam gleich den andern Tag zu mir in mein Haus, aber ich ließ mich verläugnen und verbot meinen Bedienten, sie je zu mir zu führen, so oft sie auch kommen möchte. Sie schrieb mir einigemal, aber ich schickte die Briefe unerbrochen zurück, auch ihr Bild und alle Briefe, die ich von ihr hatte, schickte ich ihr wieder. Ihre Verwandten machten viele fruchtlose Versuche zu unserer Aussöhnung, aber diese Verrätherey war zu schwarz in meinen Augen, als daß ich hätte leicht verzeihen können. Ich suchte aber ihren Rosier nicht mehr auf, denn ich hielt es für die beste Rache, die ich nehmen konnte, sie beide zu verachten.
So lebte ich eine geraume Zeit mit dem Anschein einer ruhigen Kälte, aber doch merkten meine Freunde, daß mein Herz ein schwerer Kummer drückte. Einer von ihnen, der mir am nächsten war, und mein Vertrauen mehr besaß als die andern, nahm sich das Herz, in einem Gespräch meine Verhältnisse mit Manon zu berühren, da wir einmal mehr als gewöhnlich auf eine vertrauliche Art zusammen sprachen.
Ist das Fräulein, sagte er, dir untreu, so billige ich dein Verfahren sehr. Sie verdient alsdann nicht, daß ein rechtschaffener Mann an sie denkt; aber ich, der ich nicht so befangen urtheile, wollte fast schwören, daß ein Mißverständniß zum Grunde liegt. Wie hätte sich in der That so ein Verhältniß entspinnen können, mit diesem Herrn Rosier, den du niemals gesehen hast, da du doch täglich bey ihr warst. Warum sollte sie zwey Menschen zugleich ihre Hand versprochen haben? Warum dir ihr Versprechen nicht halten, nachdem sie so viele Schritte zu deinem Vortheil gethan hatte? Warum hätte sie dich so oft aufgesucht? was wäre aus Rosier geworden? und warum sollte sie dir noch schreiben? Warum, wenn sie dir untreu ist, eine Versöhnung mit dir versuchen wollen? Dahinter steckt ein Geheimniß, und ich bin sicher, daß zum wenigsten eine Übereilung von deiner Seite, und ein Spiel des Zufalls von der ihrigen zum Grunde liegt, oder sie ist die größte Betrügerin, die in der Welt ist.