Seine Gründe machten auf mein Herz einigen Eindruck. Ich dachte der Sache tiefer nach, und bat ihn endlich, wenn er Manon spräche, die Unterredung auf mich zu leiten. Thue was du kannst, um die Wahrheit zu entdecken. Als ich ihr neulich begegnete, machte mich ihr Blick, der gerade auf mich gerichtet war, stutzen, und zerstreuete einen Theil meines Zorns, darum möchte ich nicht gern mit ihr selbst sprechen, weil ich meinem Herzen nicht traue; aber suche Du sie auf.
Ich werde heute Gelegenheit haben sie zu sehen, sagte mein Freund, da ich ihren Verwandten besuchen muß, und erlaubst du es mir, so will ich suchen Manon zu sprechen und das Gespräch auf dich lenken.
Er ging, und ich erwartete mit Unruhe seine Zurückkunft. Kaum war er wieder ins Zimmer getreten, so ging ich hastig auf ihn zu. Welche Nachrichten bringst du mir? Hast du mir gute zu bringen? Nein, sagte er lächelnd; aber ich soll dich schelten in Manons Namen, die sehr unschuldig an jenem Briefe ist, den du an sie gerichtet glaubst. Man liebt dich immer und ist auch deiner Liebe gewiß. Man hält dich nur für einen Thoren und unhöflichen Menschen, aber man läßt dir Gerechtigkeit widerfahren, und ist bereit dir die Hand zu geben. Hier ist das Bild der Braut wieder zurück, und auch der schöne Brief, den du ihr schriebst. Du sollst den ganzen Irrthum erfahren, so bald du sie sehen wirst.
Nun, nachdem ich das wußte, was meinem Herzen am nächsten lag, so erzählte er mir den Inhalt und die Wendung seines Gesprächs.
Bei seinem Eintritt ins Zimmer war Manon sehr erfreut ihn wieder zu sehen, denn er war lange abwesend gewesen. Er sagte ihr, da er sich als ein Fremdling wieder in seinem Vaterlande fände; so wäre er sehr glücklich gewesen, Herrn d'Autun zu begegnen, der ihn sehr gütig aufgenommen habe, und ihm dadurch gezeigt hätte, daß er noch die alte Freundschaft für ihn habe. Es ist, setzte er hinzu, ein rechtschaffener Mann, dem ich gern dienen möchte. Sie können es, sagte Manon, wenn Sie ihm seine Vernunft wiedergeben, die er seit acht Monaten verloren hat. — Mir schien er ganz vernünftig, erwiederte mein Freund. — Und doch ist er von Sinnen, sagte sie; Sie werden mir Recht geben, wenn Sie hören, welcher Thorheiten er sich gegen mich schuldig machte. — Ich weiß, sagte mein Freund, was zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist. — Hat er Ihnen die schönen Träumereyen erzählt, die er sich in den Kopf gesetzt hat? fragte Manon. Anfangs hatte ich Mitleid mit ihm, fuhr sie fort. Ich that mein möglichstes ihm die Wahrheit zu enthüllen, und ließ mich's nicht verdrießen, mehrere Mahl zu ihm zu gehen, ob er gleich so unhöflich war, mich an seiner Thür abzuweisen. Dieses Betragen hat der Welt ein großes Ärgerniß gegeben, man sprach viel davon, aber es hat mich doch nicht abschrecken können. Ich schrieb ihm einen Brief nach dem andern, aber auch diese schickte er mir unerbrochen zurück. Ja, er treibt es noch weiter, er sucht mich zu beleidigen, wo er mir begegnet, und ist weit entfernt nur die gemeinste Höflichkeit zu zeigen, die sein Geschlecht dem meinigen schuldig ist; und dieß alles um eines Briefes willen, dessen Inhalt ich ihm hundertmahl habe erklären wollen, ohne daß er mich hören wollte. Sagen Sie selbst, fügte sie noch hinzu, ist es nicht zum Erstaunen, daß ein Mann, der thörigt genug ist, nach Dauphiné zu reisen, um sich mit einem Nebenbuhler zu schlagen, es abschlagen kann nur einen Schritt der Aussöhnung gegen ein Mädchen zu thun, das er liebt? Denn wie sehr er sich auch überreden mag, daß er mich hasse, so betrügt sich doch der arme Freund. Ich kenne ihn zu gut, um an eine Veränderung seiner Gesinnung zu glauben. Ich für meinen Theil verberge meine Neigung nicht, obgleich ich sehr große Ursache hätte, sie zu unterdrücken. Ich wollte seine Eifersucht wecken, um eine Erklärung herbei zu führen, aber ich verlohr meine Zeit fruchtlos. Nur von mir hing es ab mich zu verheirathen, und auf eine vortheilhafte Art; aber ich kann nur an ihn denken, und sterbe unverheirathet, wenn ich ihm meine Hand nicht geben kann. Ich sehe ihn nicht allein als meinen Verlobten an, weil es meines Vaters letzter Wille war, sondern weil ich ihn liebe. Lange habe ich seine Veränderung beweint, oder vielmehr seine Halsstarrigkeit; ich habe noch keinen Trost finden können! Aber es muß aufhören. Sie sind sein Freund, haben Sie Mitleid mit unserm Zustand. Ich bin es müde, mich unnützer Weise so zu quälen. Erzeigen Sie uns diese Gefälligkeit, ihn nur zu fragen, wann er meine Rechtfertigung hören will; es wird bald geschehen seyn; ich brauche nur zu wiederholen, was ich ihm schon oft geschrieben habe. —
Aber wenn Sie sich nicht versöhnen, wie dann? fragte mein Freund. — So werde ich Ihnen danken, daß Sie in mir den Entschluß befestigt haben, ins Kloster zu gehen, ehe noch diese Woche zu Ende ist. Aber ich hoffe wir knüpfen wieder an, denn ich bin sicher, daß er mich liebt wie ehemals; und Sie sollen sehen, in welchem hohen Grade ich ihn liebe, da sogar dieser Brief nicht meine Liebe vermindern konnte.
Sie gab ihm den Brief, den ich damals in der Wuth schrieb, und dessen Inhalt mir jetzt selbst fremd war, da ich ihn mit einer mehr ruhigen Besinnung durchlas.
»Der Zufall,« schrieb ich: »entdeckt mir Ihre Treulosigkeit. Den Brief Ihres theuren Liebhabers sende ich Ihnen zurück, dem ich selbst die Antwort bringen werde über das was mich darin angeht. Sie haben ihm ohne Zweifel gesagt, daß ich ein Feiger sei, weil er mein Verderben beschließt, ohne mich zu kennen. Ich muß diesen neuen Mars sehen. Mein Leben bringe ich ihm, oder nehme das seinige. Ich will Sie nicht von ihm trennen, Sie verdienen es nicht; ich würde mich betrüben, einen solchen Schritt um einer Treulosen willen gethan zu haben. Er soll sehen, daß Sie nicht die Wahrheit sagten, wenn Sie ihm sagen konnten, daß ich keinen Muth hätte. Ich habe doch so viel, um mich an Ihnen zu rächen, und Sie zu verachten als ein unwürdiges Wesen. Sie verdienen weder Mitleid noch Haß. Leben Sie wohl. Ihr Schicksal wird mich rächen. Alles was ich von Ihnen erhielt, schicke ich zurück. Ihre Briefe habe ich verbrannt. Ihre Gunstbezeugungen sind mir nicht mehr werth, als die der leichtsinnigsten Ihres Geschlecht.«
Sie sehen daraus, sagte Manon zu meinem Freunde, nachdem er den Brief gelesen hatte, daß Ihr Freund zu leicht Verdacht geschöpft hat, und Sie sehen wohl auch, daß ich ihn billig nicht wieder aufsuchen sollte; aber ich liebe ihn zu sehr, um nicht Mitleiden mit dem Kummer zu haben, den er sich selbst bereitet. Ich vertraue Ihnen den Brief an, lassen Sie ihn Ihren Freund noch einmahl lesen. Ich sah ihn längst als meinen Gemahl an, und nur in dieser Rücksicht kann ich ihm seine üble Laune vergeben. Aber wenn er noch einmahl meine Güte mißbrauchen könnte, so versichern Sie ihm, daß es das letzte Mahl seyn wird.