Der Affe

Ein Affe sah ein Paar geschickte Knaben
Im Brett einmal die Dame ziehn,
Und sah auf jeden Platz, den sie dem Steine gaben,
Mit einer Achtsamkeit, die stolz zu sagen schien,
Als könnt er selbst die Dame ziehn.
Er legte bald sein Mißvergnügen,
Bald seinen Beifall an den Tag;
Er schüttelte den Kopf itzt bei des einen Zügen,
Und billigte darauf des andern seinen Schlag.
Der eine, der gern siegen wollte,
Sann einmal lange nach, um recht geschickt zu ziehn;
Der Affe stieß darauf an ihn
Und nickte, daß er machen sollte.
"Doch welchen Stein soll ich denn ziehn,
Wenn dus so gut verstehst?" sprach der erzürnte Knabe.
"Den, jenen oder diesen da,
Auf welchem ich den Finger habe?"
Der Affe lächelte, daß er sich fragen sah,
Und sprach zu jedem Stein mit einem Nicken: Ja.

——

Um deren Weisheit zu ergründen,
Die tun, als ob sie das, was du verstehst, verstanden:
So frage sie um Rat. Sind sie mit ihrem Ja
Bei deinen Fragen hurtig da:
So kannst du mathematisch schließen,
Daß sie nicht das geringste wissen.

Der arme Greis

Um das Rhinozeros zu sehn
(Erzählte mir mein Freund), beschloß ich auszugehn.
Ich ging vors Tor mit meinem halben Gulden,
Und vor mir ging ein reicher, reicher Mann,
Der, seiner Miene nach, die eingelaufnen Schulden,
Nebst dem, was er damit die Messe durch gewann,
Und was er, wenns ihm glücken sollte,
Durch den Gewinst nun noch gewinnen wollte,
In schweren Ziffern übersann.
Herr Orgon ging vor mir. Ich geb ihm diesen Namen,
Weil ich den seinen noch nicht weiß.
Er ging; doch eh wir noch zu unserm Tiere kamen:
Begegnet uns ein alter schwacher Greis,
Für den, auch wenn er uns um nichts gebeten hätte,
Sein zitternd Haupt, das nur halb seine war,
Sein ehrlich fromm Gesicht, sein heilig graues Haar
Mit mehr als Rednerkünsten redte.
"Ach", sprach er, "ach, erbarmt Euch mein!
Ich habe nichts, um meinen Durst zu stillen.
Ich will Euch künftig gern nicht mehr beschwerlich sein;
Denn Gott wird wohl bald meinen Wunsch erfüllen,
Und mich durch meinen Tod erfreun.
O lieber Gott! laß ihn nicht ferne sein."
So sprach der Greis; allein was sprach der Reiche?
"Ihr seid ein so bejahrter Mann,
Ihr seid schon eine halbe Leiche,
Und sprecht mich noch um Geld zum Trinken an?
Ihr unverschämter alter Mann!
Müßt Ihr denn noch erst Branntwein trinken,
Um taumelnd in das Grab zu sinken?
Wer in der Jugend spart, der darbt im Alter nicht."—
Drauf ging der Geizhals fort. Ein Strom schamhafter Zähren
Floß von des Alten Angesicht.
"O Gott! du weißts." Mehr sprach er nicht.
Ich konnte mich der Wehmut kaum erwehren,
Weil ich etwas mitleidig bin.
Ich gab ihm in der Angst den halben Gulden hin,
Für welchen ich die Neugier stillen wollte,
Und ging, damit er mich nicht weinen sehen sollte.
Allein er rufte mich zurück.
"Ach!" sprach er mit noch nassem Blick,
"Ihr werdet Euch vergriffen haben,
Es ist ein gar zu großes Stück.
Ich bring Euch nicht darum, gebt mir so viel zurück,
Als ich bedarf, um mich durch etwas Bier zu laben!"
"Ihr", sprach ich, "sollt es alles haben,
Ich seh, daß Ihrs verdient; trinkt etwas Wein dafür.
Doch, armer Greis, wo wohnet Ihr?"
Er sagte mir das Haus.—Ich ging am andern Tage
Nach diesem Greis, der mir so redlich schien,
Und tat im Gehn schon manche Frag an ihn.
Allein, indem ich nach ihm frage,
War er seit einer Stunde tot.
Die Mien auf seinem Sterbebette
War noch die redliche, mit der er gestern redte.
Ein Psalmbuch und ein wenig Brot
Lag neben ihm auf seinem harten Bette.
O, wenn der Geizhals doch den Greis gesehen hätte,
Mit dem er so unchristlich redte!
Und der vielleicht ihn itzt bei Gott verklagt,
Daß er vor seinem Tod ihm einen Trunk versagt.

So sprach mein Freund und bat, die Müh auf mich zu nehmen,
Und öffentlich den Geizhals zu beschämen.
Wiewohl ein Mann, der sich zu keiner Pflicht
Als für das Geld versteht, der schämt sich ewig nicht.

Der arme Schiffer

Ein armer Schiffer stak in Schulden,
Und klagte dem Philet sein Leid.
"Herr", sprach er, "leiht mir hundert Gulden;
Allein zu Eurer Sicherheit
Hab ich kein ander Pfand als meine Redlichkeit.
Indessen leiht mir aus Erbarmen
Die hundert Gulden auf ein Jahr."
Philet, ein Retter in Gefahr,
Ein Vater vieler hundert Armen,
Zählt ihm das Geld mit Freuden dar.
"Hier", spricht er, "nimm es hin und brauch es ohne Sorgen;
Ich freue mich, daß ich dir dienen kann;
Du bist ein ordentlicher Mann,
Dem muß man ohne Handschrift borgen."

Ein Jahr, und noch ein Jahr verstreicht;
Kein Schiffer läßt sich wieder sehen.
Wie? Sollt er auch Phileten hintergehen;
Und ein Betrüger sein? Vielleicht.