Kaum hatte Sylvia das Heldenlied gelesen:
So kam auch schon ein Gegenbrief.
Man stellte sich vor, wie froh Jesmin gewesen,
Wie froh Jesmin der Magd entgegenlief!
Die schlaue Magd grüßt ihn galant.
Er steht und hält den Brief entzückt in seiner Hand,
Und brennet vor Begier, den Inhalt bald zu wissen,
Und kann vor Zärtlichkeit sich dennoch nicht entschließen,
Das kleine Siegel abzuziehn;
Er drückt den Brief an sich, er drückt und küsset ihn.
Die Magd kriegt ein Pistol, und schwört, ihm treu zu bleiben.
Allein was stund in diesem Schreiben,
Als es Jesmin froh auseinanderschlug?
Kein Wörtchen mehr als dies: "Mein Herr, Sie sind nicht klug!"

Der Freier

Ein Freier bat einst einen Freund,
Ihm doch ein Mädchen vorzuschlagen.
"Ich will dir zwei", versetzte jener, "sagen,
Dann wähle die, die sich für dich zu schicken scheint.
Die erste hat, nebst einem Rittersitze,
Ein recht bezauberndes Gesicht,
Liebt den Geschmack, spricht mit dem feinsten Witze,
Und schreibt die Sprachen, die sie spricht.
Sie spielt den Flügel schön, und kann vortrefflich singen
Und malet so geschickt, als es die Kunst begehrt.
Und in der Wirtschaft selbst gibt sie gemeinen Dingen
Durch ihre Sorgfalt einen Wert.
Allein bei aller Kunst und allen ihren Gaben
Hat sie kein gutes Herz.

Die andre sieht nicht schön,
Wird wenig im Vermögen haben,
Und von den Künsten nichts, die jene kann, verstehn;
Doch bei Verstand und einem stillen Reize,
Der, ohne daß sies sieht, gefällt,
Besitzt sie, frei von Stolz und Geize,
Das beste Herze von der Welt.
Was tätst du wohl, wenn dich die erste haben wollte?"

"Ach", fing der Freier an, "wenn dies geschehen sollte:
So spräch ich zu der ersten nein,
Um dadurch bald der andern wert zu sein."

Der Freigeist

Ihr, die ihr nach der Tugend strebet;
Ihr, die ihr dem gehorsam seid,
Was die Vernunft und was die Schrift gebeut,
Ein Freigeist lacht euch aus, daß ihr so sklavisch lebet.
Was sucht ihr? fragt er euch; nicht die Zufriedenheit?
Ists möglich, sich so zu betrügen?
Um euch vergnügt zu sehn, raubt ihr euch das Vergnügen?
Ihr sucht die Ruh, und findt sie in der Last,
Haßt, was ihr liebt, und liebet, war ihr haßt.
Habt ihr Vernunft? Ich zweifle fast.
Die Freiheit in der Tugend finden,
Das heißt, um frei zu sein, sich erst an Ketten binden.
Dringt durch des Aberglaubens Nacht,
Die euch zu finstern Köpfen macht;
Folgt der Natur, genießt, was sie euch schenket;
Sucht nichts, als was ihr wünscht; flieht nichts, als was euch kränket;
Denkt frei, und lebet, wie ihr denket,
Und gebt nicht auf die Toren acht.
Der Pöbel ist der größte Hauf auf Erden,
Von diesem reißt euch los. Er weiß nicht, was er glaubt,
Hält seinen Trieb für unerlaubt,
Und sieht nicht, daß er sich sein Glück aus Milzsucht raubt;
Sonst würd er nicht so abergläubisch werden.

Drum faßt den kurzen Unterricht:
Was viele glauben, glaubet nicht.
Sie glauben es aus Trägheit, nichts zu prüfen;
Doch ein Vernünftiger dringt in der Wahrheit Tiefen.
Was ist die Schrift? Was lehret sie?
Ein traurig Leben, reich an Müh,
Und Rätsel, die wir aufzuschließen,
Erst der Vernunft entsagen müssen.
Was ist das mächtige Gewissen?
Ein Ding, das die Erziehung schafft,
Ein heilig Erbteil aller Blöden;
Doch die, die wissen, was sie reden,
Empfinden nichts von seiner Kraft.

Folgt der Natur! Sie ruft; was kann sie anders wollen,
Als daß wir ihr gehorchen sollen?
Die Furcht erdachte Recht und Pflicht,
Und schuf den Himmel und die Hölle.
Setzt die Vernunft an ihre Stelle,
Was seht ihr da? Den Himmel und die Hölle?
O nein, ein weibisches Gedicht.
Laßt doch der Welt ihr kindisches Geschwätze.
Was jeden ruhig macht, ist jedes sein Gesetze.
Mehr glaubt und braucht ein Kluger nicht.

Dies war der Witz, mit dem in seinem Leben
Ein Freigeist sein System erwies;
Die Tugend von dem Throne stieß,
Um nur sein Laster drauf zu heben.
Sein böses Herz war ihm Vernunft und Gott,
Und der am Kreuze starb, war oft des Frechen Spott.