Ein junger Mensch, der viel studierte,
Und, wie die Eltern ganz wohl sahn,
Was Großes schon im Schilde führte,
Sprach einen Greis um solche Schriften an,
Die stark und sinnreich denken lehrten,
Mit einem Wort, die zum Geschmack gehörten.
Der Alte ward von Herzen froh,
Und lobt ihm den Homer, den Plato, Cicero,
Und hundert mehr aus alt und neuer Zeit,
Die mit den heilgen Lorbeerkränzen
Der Dichtkunst und Wohlredenheit,
Umleuchtet von der Ewigkeit,
Den Jünglingen entgegenglänzen.
"O", hub der junge Mensch mit stolzem Lächeln an:
"Ich habe sie fast alle durchgelesen;
Allein"—"Nun gut", sprach der gelehrte Mann,
"Sind sie nach Seinem Sinn gewesen:
So muß Er sie noch zweimal lesen;
Doch sind sie Ihm nicht gut genug gewesen:
So sag Ers ja den Klugen nicht,
Denn sonst erraten sie, woran es Ihm gebricht,
Und heißen Ihn die Zeitung lesen."

Der junge Prinz

Ein junger Prinz, der sich des Oheims Gunst empfohlen,
Bekam von ihm zweihundert Stück Pistolen
Mit der Ermunterung, damit wohl umzugehn.
Er ließ nach einger Zeit sich wieder vor ihm sehn.
Indem daß nun der Oheim mit ihm redte:
So fragt er ihn zu gleicher Zeit,
Ob er das letzte Geld wohl angewendet hätte?
"Hier", sprach der junge Prinz erfreut,
"Hier hab ich meine ganze Kasse;
An den zweihunderten fehlt nicht ein einzig Stück."

Der Oheim nahm den Augenblick
Das Geld, und warf es auf die Gasse.
"Lernt, Prinz", fing drauf der Oheim an,
"Die Kunst, das Geld nutzbarer anzuwenden;
Ein Prinz hat darum viel in Händen,
Damit er vielen dienen kann."

Der Jüngling

Ein Jüngling, welcher viel von einer Stadt gehört,
In der der Segen wohnen sollte,
Entschloß sich, daß er da sich niederlassen wollte.
Dort, sprach er oft, sei dir dein Glück beschert.
Er nahm die Reise vor, und sah schon mit Vergnügen
Die liebe Stadt auf einem Berge liegen.
Gottlob! fing unser Jüngling an,
Daß ich die Stadt schon sehen kann;
Allein der Berg ist steil. O, wär er schon erstiegen!
Ein fruchtbar Tal stieß an des Berges Fuß.
Die größte Menge schöner Früchte
Fiel unserm Jüngling ins Gesichte.
O, dacht er, weil ich doch sehr lange steigen muß:
So will ich, meinen Durst zu stillen,
Den Reisesack mit solchen Früchten fällen.
Er aß, und fand die Frucht vortrefflich vom Geschmack,
Und füllte seinen Reisesack.

Er stieg den Berg hinan, und fiel den Augenblick
Beladen in das Tal zurück.
"O Freund!" rief einer von den Höhen,
"Der Weg zu uns ist nicht so leicht zu gehen.
Der Berg ist steil, und mühsam jeder Schritt.
Und du nimmst dir noch eine Bürde mit?
Vergiß das Obst, das du zu dir genommen,
Sonst wirst du nicht auf diesen Gipfel kommen.
Steig leer, und steig beherzt, und gib dir alle Müh;
Denn unser Glück verdienet sie."

Er stieg, und sah empor, wie weit er steigen müßte.
Ach Himmel! ach, es war noch weit.
Er ruht und aß zu gleicher Zeit
Von seiner Frucht, damit er sich die Müh versüßte.
Er sah bald in das Tal, und bald den Berg hinan;
Hier traf er Schwierigkeit und dort Vergnügen an.
Er sinnt. Ja ja, er mag es überlegen.
Steig, sagt ihm sein Verstand, bemüh dich um dein Glück.
Nein, sprach sein Herz, kehr in das Tal zurück;
Du steigst sonst über dein Vermögen.
Ruh etwas aus, und iß dich satt,
Und warte, bis dein Fuß die rechten Kräfte hat.
Dies tat er auch. Er pflegte sich im Tale,
Entschloß sich oft zu gehn, und schien sich stets zu matt.
Das erste Hindernis galt auch die andern Male.
Kurz, er vergaß sein Glück, und kam nie in die Stadt.

——

Dem Jüngling gleichen viele Christen.
Sie wagen auf der Bahn der Tugend einen Schritt,
Und sehn darauf nach ihren Lüsten,
Und nehmen ihre Lüste mit.
Beschwert mit diesen Hindernissen,
Weicht bald ihr träger Geist zurück.
Und, auf ein sinnlich Glück beflissen,
Vergessen sie die Müh um ein unendlich Glück.