Der Kandidat
Ein Kandidat, der gern befördert werden wollte,
Lag einem sehr berühmten Mann,
Der viel vermocht, inständig an,
Daß er sein Glück ihm machen sollte,
Und reichte, weil ein Platz im Ratstuhl offen war,
Dem Gönner eine Bittschrift dar.
Der Gönner las sie durch, und las sie mit Vergnügen.
"Es kränkt mich", fing er an, und nahm ihn bei der Hand,
"Daß ich Sie eher nicht gekannt.
Ich lieb und ehre den Verstand.
Sie sollen dieses Amt vor allen andern kriegen."
Er sprach darauf mit ihm, und was der Jüngling sprach,
Verriet den besten Geist, geschaffen zum Studieren,
Zum größten Amte nicht zu schwach,
Und wert, die andern zu regieren.
"Ach!" sprach der Gönner ganz erfreut,
"Nun kenn ich Sie; das Amt ist Ihre",
Und in der größten Freundlichkeit
Ging er mit ihm bis vor die Türe.
Hier bot der Jüngling ihm ein großes Goldstück an,
Um sichrer noch zu gehn. "Nein", sprach der wackre Mann,
"Nunmehr soll dieses Amt nicht Ihre;
Denn wer Geschenke gibt, nimmt sie auch wieder an;
Ihr Herz ist schlecht." Hier griff er nach der Türe.
Der Knabe
Ein Knabe, der den fleißigen Papa,
Oft nach den Sternen gucken sah,
Wollt auch den Himmel kennenlernen.
Er blieb steif vor dem Sehrohr stehn,
Und sah begierig nach den Sternen;
Allein er konnte nicht viel sehn.
"Was heißt es denn", sprach drauf der Knabe,
"Daß ich fast nichts erkennen kann?
Ha, ha, nun fällt mirs ein, was ich vergessen habe;
Mein Vater fängt es anders an,
Er blinzt zuweilen zu, das hab ich nicht getan.
O bin ich nicht ein dummer Knabe!
Schon gut! Nun weiß ich, was ich tu."
Und hurtig hielt er sich die Augen beide zu,
Und sah durchs Sehrohr nach den Sternen.
Der Narr! Was sah er denn? Das alles, was du siehst,
Wenn du, um durch die Schrift Gott deutlich sehn zu lernen,
Dir die Vernunft vorher entziehst.
Der Kranke
Ein Mann, den lange schon die Gliederkrankheit plagte,
Tat alles, was man ihm nur sagte,
Und konnte doch von seiner Pein
Auf keine Weise sich befrein.
Ein altes Weib, der er sein Elend klagte,
Schlug ihm geheimnisvoll ein magisch Mittel vor.
"Ihr müßt Euch", zischt sie ihm ins Ohr,
"Auf eines Frommen Grab bei früher Sonne setzen,
Und Euch mit dem gefallnen Tau
Dreimal die Hand, dreimal den Schenkel netzen;
Es hilft, gedenkt an eine Frau."
Der Kranke tat, was ihm die Alte sagte;
Denn sagt, was tut man nicht, ein Übel los zu sein?
Er ging zum Kirchhof hin, und zwar, sobald es tagte,
Und trat an einen Leichenstein,
Und las: "Wer dieser Mann gewesen,
Läßt, Wandrer, dich sein Grabmal lesen:
Er war das Wunder seiner Zeit,
Das Muster wahrer Frömmigkeit;
Und, daß man viel mit wenig Worten sagt,
Er ists, den Kirch und Schul, und Stadt und Land beklagt."
Hier setzt sich der Geplagte nieder,
Benetzt die halb gelähmten Glieder;
Doch ohne Wirkung bleibt die Kur,
Sein Gliederschmerz vermehrt sich nur.
Er greift betrübt nach seinem Stabe,
Schleicht von des frommen Mannes Grabe,
Und setzt sich auf das nächste Grab,
Dem keine Schrift ein Denkmal gab;
Hier nahm sein Schmerz allmählich ab.
Er braucht sogleich sein Mittel wieder;
Schnell lebten die gelähmten Glieder,
Und, ohne Schmerz und ohne Stab,
Verließ er dieses fromme Grab.
"Ach", rief er, "läßt kein Stein mich lesen,
Wer dieser fromme Mann gewesen?"
Der Küster kam von ungefähr herbei;
Den fragt der Mann, wer hier begraben sei?
Der Küster läßt sich lange fragen,
Als könnt ers ohne Scheu nicht sagen.
"Ach!" hub er endlich seufzend an:
"Verzeih mirs Gott! es war ein Mann,
Dem, weil er Ketzereien glaubte,
Man kaum ein ehrlich Grab erlaubte;
Ein Mann, der lose Künste trieb,
Komödien und Verse schrieb;
Er war, wie ich mit Recht behaupte,
Ein Neuling und ein Bösewicht."
"Nein!" sprach der Mann, "das war er nicht,
So gottlos ihn die Leute schalten;
Doch jener dort, den ihr für fromm gehalten,
Von dem sein Grab so rühmlich spricht,
Der war gewiß ein Bösewicht."
Der Kuckuck
Der Kuckuck sprach mit einem Star,
Der aus der Stadt entflohen war.
"Was spricht man", fing er an zu schreien,
"Was spricht man in der Stadt von unsern Melodeien?
Was spricht man von der Nachtigall?"
"Die ganze Stadt lobt ihre Lieder."
"Und von der Lerche?" rief er wieder.
"Die halbe Stadt lobt ihrer Stimme Schall."
"Und von der Amsel?" fuhr er fort.
"Auch diese lobt man hier und dort."
"Ich muß dich doch noch etwas fragen:
Was", rief er, "spricht man denn von mir?"
"Das", sprach der Star, "das weiß ich nicht zu sagen;
Denn keine Seele redt von dir."
"So will ich", fuhr er fort, "mich an dem Undank rächen,
Und ewig von mir selber sprechen."
Der Lügner