Ihr Meister in der Kunst zu lügen,
Rühmt euren Witz, schlau zu betrügen,
Soviel ihr uns davon erzählt:
So wett ich doch, daß euch die rechte List noch fehlt.
Ein schlechter Mensch, ihr werdet lachen,
Wird euch den Vorzug streitig machen.

——

In London saß ein böser Bube
Nebst einem andern auf den Tod.
Ein Anatomikus trat in die Kerkerstube,
Und tat auf seinen Leib dem einen ein Gebot.*
Doch Niklas schwor, daß ihn der Teufel holen sollte,
Eh er für diesen Preis dem Arzt sich lassen wollte.
"Herr", schrie der andre Delinquent,
"Sagt, wie Ihr um den Kerl so lange handeln könnt?
Laßt seinen magern Leib den Raben.
Seht, wie gesund ich bin, wie fett! Ihr sollt mich haben.
Und wißt Ihr, was Ihr geben sollt?
Ich will es billig mit Euch machen:
Drei Gulden. Bin ich tot: so schneidet, wie Ihr wollt,
Ich will von keinem Schnitt erwachen."
Kaum hat er noch das Geld empfangen:
So rief der witzge Delinquent:
"Gelogen! Herr, seht zu, wie Ihr mich kriegen könnt!
Ich werd in Ketten aufgehangen."

Der Maler

Ein kluger Maler in Athen,
Der minder, weil man ihn bezahlte,
Als, weil er Ehre suchte, malte,
Ließ einen Kenner einst den Mars im Bilde sehn,
Und bat sich seine Meinung aus.
Der Kenner sagt ihm frei heraus,
Daß ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte,
Und daß es, um recht schön zu sein,
Weit minder Kunst verraten sollte.
Der Maler wandte vieles ein:
Der Kenner stritt mit ihm aus Gründen,
Und konnt ihn doch nicht überwinden.
Gleich trat ein junger Geck herein,
Und nahm das Bild in Augenschein.
"O", rief er, bei dem ersten Blicke,
"Ihr Götter, welch ein Meisterstücke!
Ach welcher Fuß! O wie geschickt
Sind nicht die Nägel ausgedrückt!
Mars lebt durchaus in diesem Bilde.
Wie viele Kunst, wie viele Pracht,
Ist in dem Helm, und in dem Schilde,
Und in der Rüstung angebracht!"

Der Maler ward beschämt gerühret,
Und sah den Kenner kläglich an.
"Nun", sprach er, "bin ich überführet!
Ihr habt mir nicht zuviel getan."
Der junge Geck war kaum hinaus:
So strich er seinen Kriegsgott aus.

——

Wenn deine Schrift dem Kenner nicht gefällt;
So ist es schon ein böses Zeichen;
Doch wenn sie gar des Narren Lob erhält:
So ist es Zeit, sie auszustreichen.

Der Polyhistor

An jenem Fluß, zu dem wir alle müssen,
Es mag uns noch so sehr verdrüßen,
An jenem Fluß kam einst ein hochgelehrter Mann,
Bestäubt von seinen Büchern, an,
Und eilte zu des Charons Kahn.
"Willkommen!" fing der Fährmann an,
Indem er sich aufs Ruder lehnte,
Und bei dem Wort Willkommen herzlich gähnte,
"Wer seid Ihr denn, mein lieber Mann?"
"Ein Polyhistor", sprach der Schatten,
"Für den die Schulen Ehrfurcht hatten—"
Indem er noch vor Charons Kahn
Von seinen Sprachen sprach, von nichts als Stümpern redte,
Und von Quartanten schrie, die er geschrieben hätte,
Kam noch ein andrer Schatten an,
Mit einer demutsvollen Miene.
"Und wer seid Ihr, auch ein gelehrter Mann?"
"Ich zweifle sehr", sprach er, "ob ich den Ruhm verdiene.
Ich habe nichts als mich studiert.
Nichts als mein Herz, das mich so oft verführt,
Des Tiefe sucht ich zu ergründen,
Um meine Ruh und andrer Ruh zu finden;
Allein soviel ich immer nachgedacht,
Und so bekannt ich mich mit der Vernunft gemacht:
So hab ichs doch nicht weit gebracht,
Wie mich viel Fehler überzeugen."