Ihr Leute kränkt ihn nicht, geht, holt ein ander Kleid,
Und laßt dem armen Witwer Zeit;
Er wird sich mit der Zeit schon fassen.

Der Zeisig

Ein Zeisig wars und eine Nachtigall,
Die einst zu gleicher Zeit vor Damons Fenster hingen.
Die Nachtigall fing an, ihr göttlich Lied zu singen,
Und Damons kleinem Sohn gefiel der süße Schall.
"Ach welcher singt von beiden doch so schön?
Den Vogel möcht ich wirklich sehn!"
Der Vater macht ihm diese Freude,
Er nimmt die Vögel gleich herein.
"Hier", spricht er, "sind sie alle beide;
Doch welcher wird der schöne Sänger sein?
Getraust du dich, mir das zu sagen?"
Der Sohn läßt sich nicht zweimal fragen,
Schnell weist er auf den Zeisig hin:
"Der", spricht er, "muß es sein, so wahr ich ehrlich bin.
Wie schön und gelb ist sein Gefieder!
Drum singt er auch so schöne Lieder;
Dem andern sieht mans gleich an seinen Federn an,
Daß er nichts Kluges singen kann."

——

Sagt, ob man im gemeinen Leben
Nicht oft wie dieser Knabe schließt?
Wem Farb und Kleid ein Ansehn geben,
Der hat Verstand, so dumm er ist.
Stax kömmt, und kaum ist Stax erschienen:
So hält man ihn auch schon für klug.
Warum? Seht nur auf seine Mienen,
Wie vorteilhaft ist jeder Zug!
Ein andrer hat zwar viel Geschicke;
Doch weil die Miene nichts verspricht:
So schließt man, bei dem ersten Blicke,
Aus dem Gesicht, aus der Perücke,
Daß ihm Verstand und Witz gebricht.

Die Bauern und der Amtmann

Ein sehr geschickter Kandidat,
Der lange schon mit vielem Lobe
Die Kanzeln in der Stadt betrat,
Tat auf dem Dorfe seine Probe;
Allein so gut er sie getan:
So stund er doch den Bauern gar nicht an.
Nein, der verstorbne Herr, das war ein andrer Mann,
Der hatte recht auf seinen Text studieret,
Und Gottes Wort, wie sichs gebühret,
Bald griechisch, bald ebräisch angeführet,
Die Kirchenväter oft zitieret,
Die Ketzer stattlich ausschändieret,
Und stets so fein schematisieret,
Daß er der Bauern Herz gerühret.
"Herr Amtmann, wie gesagt, erstatt Er nur Bericht,
Wir mögen diesen Herrn nicht haben."
"So sagt doch nur, warum denn nicht?"
"Er hörts ja wohl, er hat nicht solche Gaben
Wie der verstorbne Herr."

Der Amtmann widerspricht;
Der Suprintend ermahnt. Umsonst, sie hören nicht.
Man mag Amphion sein, und Fels und Wald bewegen,
Deswegen kann man doch nicht Bauern widerlegen.
Kurz, man erstattete Bericht,
Weil alle steif auf ihrem Sinn beharrten.

Nunmehr kömmt ein Befehl. Ich kann es kaum erwarten,
Bis ihn der Amtmann publiziert.
Ich wette fast, ihr Bauern, ihr verliert!

Man öffnet den Befehl. Und seht, der Landsherr wollte,
Daß man dem Kandidat das Priestertum vertraun,
Den Bauern Gegenteils es hart verweisen sollte.