Die beiden Wächter

Zween Wächter, die schon manche Nacht
Die liebe Stadt getreu bewacht,
Verfolgten sich, aus aller Macht,
Auf allen Bier- und Branntweinbänken,
Und ruhten nicht, mit pöbelhaften Ränken,
Einander bis aufs Blut zu kränken;
Denn keiner brannte von dem Span,
Woran der andre sich den Tabak angezündet,
Aus Haß den seinen jemals an.
Kurz, jeden Schimpf, den nur die Rach erfindet,
Den Feinde noch den Feinden angetan,
Den taten sie einander an.
Und jeder wollte bloß den andern überleben,
Um noch im Sarg ihm einen Stoß zu geben.
Man riet und wußte lange nicht,
Warum sie solche Feinde waren;
Doch endlich kam die Sache vor Gericht,
Da mußte sichs denn offenbaren,
Warum sie, seit so vielen Jahren,
So heidnisch unversöhnlich waren.
Was war der Grund? Der Brotneid? War ers nicht?
Nein. Dieser sang: Verwahrt das Feuer und das Licht!
Allein so sang der andre nicht.
Er sang: Bewahrt das Feuer und das Licht!
Aus dieser so verschiednen Art,
An die sich beid im Singen zänkisch banden;
Aus dem verwahrt und dem bewahrt
War Spott, Verachtung, Haß, und Rach, und Wut entstanden.

——

Die Wächter, hör ich viele schrein,
Verfolgten sich um solche Kleinigkeiten?
Das mußten große Narren sein.
Ihr Herren! stellt die Reden ein,
Ihr könntet sonst unglücklich sein.
Wißt ihr denn nichts von so viel großen Leuten,
Die in gelehrten Streitigkeiten
Um Silben, die gleich viel bedeuten,
Sich mit der größten Wut entzweiten?

Die Betschwester

Die frömmste Frau in unsrer Stadt,
In Kleidern fromm, und fromm in Mienen,
Die stets den Mund voll Andacht hat,
Wird diese nicht ein Lied verdienen?
Wie lehrreich ist ihr Lebenslauf!
Kaum steht die fromme Frau von ihrem Lager auf;
Kaum tönt der Klang vom achten Stundenschlage:
So sucht sie das Gebet zu dem vorhandnen Tage.
Und ob sie gleich den Schritt in sechzig schon getan:
So ruft sie doch den Herrn noch heut um Keuschheit an.
Und ob sie gleich noch nie sich satt gegessen:
So fleht sie doch um Mäßigkeit im Essen.
Und ob sie gleich auf alle Pfänder leiht:
So seufzt sie doch um Trost bei ihrer Dürftigkeit.

Welch redlich Herz! Welch heiliges Vertrauen!
Sie liest das Jahr hindurch die Bibel zweimal aus,
Und reißt dadurch ihr ganzes Haus
Auf ewig aus des Teufels Klauen.

Zwölf Lieder stimmt sie täglich an.
Wer kömmt? Ists nicht ein armer Mann?
Geh, Frecher! willst du sie vielleicht im Singen stören?
Nein, wenn sie singt, kann sie nicht hören.
Geh nur, und hungre, wie zuvor.
Sie hebt ihr Herz zu Gott empor;
Soll sie dies Herz vom Himmel lenken,
Und itzt an einen Armen denken?

Sie singt, und trägt das Essen singend auf.
Sie ißt, und schmält auf böser Zeiten Lauf;
Allein wer klopft schon wieder an die Türe?
Ein armes Weib, die keinen Bissen Brot—
"Geht, quält mich nicht mit Eurer Not,
Wenn ich die Hand zum Munde führe.
Nicht wahr, Ihr singt und betet nicht?
Seid fromm, und denkt an Eure Pflicht:
Der Herr vergißt die Seinen nicht.
Wenn seht Ihr mich denn betteln gehen?
Allein man muß zu Gott auch brünstig schrein und flehen."

Doch ist die liebe fromme Frau
Nicht gar zu hart, nicht zu genau?
Wohnt nicht in ihr mehr Kaltsinn als Erbarmen?
Nein, nein! Sie dient und hilft den Armen;
Sie bessert sie durch Vorwurf und Verweis,
Und weist sie zu Gebet und Fleiß;
Ist dieses nicht der Schrift Geheiß?
Sie dient ja gern mit ihren Gütern,
Allein nur redlichen Gemütern.
Ist wohl ein frommes Weib in unsrer ganzen Stadt,
Das, in der Not, bei ihr nicht Zuflucht hat?
Sie mag ihr auch die kleinste Zeitung bringen:
So eilt sie doch, dem Weibe beizuspringen.