Dies ist die Kunst der strengen Moralisten.
Bekannt mit dem System, und von Grundsätzen voll,
Beweisen sie das, was man lassen soll,
So froh, als ob sie nichts von den Begierden wüßten.
Sie sind von besserm Ton als wir.
Sie bändigen ihr Herz durch die Gewalt der Schlüsse.
Uns Armen ist die Torheit süße;
Doch ihnen ekelt nur dafür.
Wir lassen sie, wenn wir sie unternehmen,
Aus gutem Herzen andern sehn,
Und denken nicht daran, daß wir uns so vergehn.
Sie aber, die gelehrt sich aller Torheit schämen,
Begehn die Tat, die sie uns übelnehmen,
Aus Tugend eher nicht, als bis wir es nicht sehn.

Die beiden Mädchen

Zwo junge Mädchen hofften beide,
Worauf? Gewiß auf einen Mann;
Denn dies ist doch die größte Freude,
Auf die ein Mädchen hoffen kann.
Die jüngste Schwester, Philippine,
War nicht unordentlich gebaut;
Sie hatt ein rund Gesicht, und eine zarte Haut;
Doch eine sehr gezwungne Miene.
So fest geschnürt sie immer ging,
So viel sie Schmuck ins Ohr, und vor den Busen hing,
So schön sie auch ihr Haar zusammenrollte;
So ward sie doch bei alledem,
Je mehr man sah, daß sie gefallen wollte,
Um desto minder angenehm.
Die andre Schwester, Caroline,
War im Gesichte nicht so zart;
Doch frei und reizend in der Miene,
Und liebreich mit gelaßner Art.
Und wenn man auf den heitern Wangen
Gleich kleine Sommerflecken fand:
Ward ihrem Reiz doch nichts dadurch entwandt,
Und selbst ihr Reiz schien solche zu verlangen.
Sie putzte sich nicht mühsam aus,
Sie prahlte nicht mit teuren Kostbarkeiten.
Ein artig Band, ein frischer Strauß,
Die über ihren Ort, den sie erlangt, sich freuten,
Und eine nach dem Leib wohl abgemeßne Tracht
War Carolinens ganze Pracht.

Ein Freier kam; man wies ihm Philippinen;
Er sah sie an, erstaunt, und hieß sie schön;
Allein sein Herz blieb frei, er wollte wieder gehn.
Kaum aber sah er Carolinen:
So blieb er vor Entzückung stehn.

——

Im Bilde dieser Frauenzimmer
Zeigt sich die Kunst und die Natur;
Die erste prahlt mit weit gesuchtem Schimmer,
Sie fesselt nicht; sie blendet nur.
Die andre sucht durch Einfalt zu gefallen,
Läßt sich bescheiden sehn; und so gefällt sie allen.

Die beiden Schwalben

Zwo Schwalben sangen um die Wette,
Und sangen mit dem größten Fleiß;
Doch wenn die eine schrie, daß sie den Vorzug hätte,
Gab doch die andre sich den Preis.
Die Lerche kömmt. Sie soll den Streit entscheiden;
Und beide stimmen herzhaft an.
"Nun", hieß es: "sprich, wer von uns beiden
Am meisterlichsten singen kann?"
"Das weiß ich nicht", sprach sie bescheiden,
Und sah sie ganz mitleidig an,
Und wollte sich nach ihrer Höhe schwingen.
Doch nein, sie suchten ihr den Ausspruch abzuzwingen.
"So", sprach sie, "will ichs denn gestehn:
Die kann so gut wie jene singen;
Doch singt, solang ihr wollt, es singt doch keine schön.
Hört man das Lied geistreicher Nachtigallen:
So kann uns eures nicht gefallen."

——

Ihr mittelmäßigen Skribenten,
O wenn wir euch doch friedsam machen könnten!
Ihr zankt, wer besser denkt? Laßt keinen Streit entstehn.
Wir wollen keinen von euch kränken;
Der eine kann so gut wie jener denken;
Doch keiner von euch denket schön.
Ihr Schwätzer! Zankt nicht um die Gaben
Der geistlichen Beredsamkeit.
Solange wir Mosheime haben:
So sehn wir ohne Schwierigkeit,
Daß ihr beredte Kinder seid.
Zankt nicht um eure hohen Gaben,
Ihr Gründlichen! o bleibt in Ruh.
Du demonstrierst wie er, und er so fein wie du;
Allein solange wir Leibnize vor uns haben:
So hört euch keine Seele zu.
O zankt nicht um des Phöbus Gaben,
Reimreiche Sänger unsrer Zeit!
Ihr alle reimt mit gleicher Fertigkeit;
Allein solange wir noch Hagedorne haben:
So denkt man nicht daran, daß ihr zugegen seid.