Wie alt ist nicht der Wahn, wie alt und ungerecht,
Als ob dir, weibliches Geschlecht!
Die Liebe nicht von Herzen ginge?
Das Alter sang in diesem Ton,
Von seinem Vater hörts der Sohn,
Und glaubt die ungereimten Dinge.
Verlaßt, o Männer, diesen Wahn,
Und daß ihr ihn verlaßt, so hört ein Beispiel an,
Das ich für alle Männer singe.
Du aber, die mich dichten heißt,
Du, Liebe, stärke mich, daß mir ein Lied voll Geist,
Ein überzeugend Lied gelinge,
Und gib mir, zu gesetzter Zeit,
Ein Weib von so viel Zärtlichkeit,
Als diese war, die ich besinge!

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Clarine liebt den treusten Mann,
Den sie nicht besser wünschen kann,
Sie liebt ihn recht von Herzensgrunde.
Und wenn dir dies unglaublich scheint:
So wisse nur, seit der beglückten Stunde,
Die sie mit ihrem Mann vereint,
War noch kein Jahr vorbei; nun glaubst dus doch, mein Freund?
Clarine kannte keine Freude,
Kein größer Glück, als ihren Mann;
Sie liebte, was er liebgewann,
Was eines wollte, wollten beide;
Was ihm mißfiel, mißfiel auch ihr.
O, sprichst du, so ein Weib, so eines wünscht ich mir!
Jawohl! ich wünsch es auch mit dir.
Sei nur recht zärtlich eingenommen;
Ihr Mann wird krank; vielleicht kannst du sie noch bekommen.
Krank, sag ich, wird ihr Mann, und recht gefährlich krank;
Er quält sich viele Tage lang,
Von ganzen Strömen Schweiß war sein Gesicht umflossen;
Doch noch von Tränen mehr, die sie um, ihn vergossen.
"Tod!" fängt sie ganz erbärmlich an,
"Tod wenn ich dich erbitten kann,
Nimm lieber mich, als meinen Mann."
Wenns nun der Tod gehöret hätte?
Jawohl! Er hört es auch; er hört Clarinens Not,
Er kömmt, und fragt: "Wer rief?"—"Hier!" schreit sie, "lieber Tod,
Hier liegt er, hier in diesem Bette!"

Elpin

Ein Großer in Athen, der kein Verdienst besaß,
Als daß er vornehm trank und aß,
Und sein Geschlecht zu rühmen nie vergaß,
Verlangte doch den Ruhm zu haben,
Als hätt er wirklich große Gaben.
Denn mancher, der, wenn ihn nicht die Geburt erhöht,
Da stünde, wo sein Christoph steht,
Und kaum zum Diener tüchtig wäre,
Hält desto mehr auf Ruhm und Ehre,
Je dreister sich sein Herz, trotz seinem Stolz, erkühnt;
Und ihm oft sagt, daß er sie nicht verdient.
In eben dieser Stadt, in der der Große wohnte,
War ein Poet, der die Verdienste pries,
Die Tugend durch sein Lied belohnte,
Und durch sein Lied unsterblich werden hieß;
Den bat Elpin, ihn zu besingen.
"Sie können", sprach der große Mann,
"Durch meinen Namen sich zugleich in Ansehn bringen."

"Mein Herr,", rief der Poet, "es geht unmöglich an.
Ich hab aus Eigensinn einst ein Gelübd getan,
Nur das Verdienst und nie den Namen zu besingen."

Emil

Emil, der seit geraumer Zeit,
Den Klugen wohl bekannt, bei seinen Büchern lebte,
Und mehr nach der Geschicklichkeit
Zu einem Amt, als nach dem Amte strebte,
Ward einst von einem Freund gefragt,
Warum er denn kein Amt noch hätte,
Da doch die ganze Stadt so rühmlich von ihm redte,
Und mancher sich vor ihm schon in ein Amt gewagt,
Der nicht den zehnten Teil von seinen Gaben hätte?
"Ich", sprach Emil, "will lieber, daß man fragt,
Warum man mich doch ohn ein Amt läßt leben,
Als daß man fragt: warum man mir ein Amt gegeben?"

Epiktet

Verlangst du ein zufriednes Herz:
So lern die Kunst, dich stoisch zu besiegen,
Und glaube fest, daß deine Sinnen trügen.
Der Schmerz ist in der Tat kein Schmerz,
Und das Vergnügen kein Vergnügen.
Sobald du dieses glaubst: so nimmt kein Glück dich ein,
Und du wirst in der größten Pein
Noch allemal zufrieden sein.
Das, sprichst du, kann ich schwer verstehen.
Ist auch die stolze Weisheit wahr?
Du sollst es gleich bewiesen sehen;
Denn Epiktet stellt dir ein Beispiel dar.
Ihn, als er noch ein Sklave war,
Schlug einst sein Herr mit einem starken Stabe
Zweimal sehr heftig auf das Bein.
"Herr", sprach der Philosoph, "ich bitt Ihn, laß Ers sein,
Denn sonst zerschlägt Er mir das Bein."
"Gut, weil ich dirs noch nicht zerschlagen habe:
So soll es", rief der Herr, "denn gleich zerschlagen sein!"
Und drauf zerschlug er ihm das Bein;
Doch Epiktet, anstatt sich zu beklagen,
Fing ruhig an: "Da sieht Ers nun!
Hab ichs Ihm nicht gesagt, Er würde mirs zerschlagen?"