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Dies, Mensch, kann Zenons Weisheit tun!
Besiege die Natur durch diese starken Gründe.
Und willst du stets zufrieden sein:
So bilde dir erhaben ein,
Lust sei nicht Lust, und Pein nicht Pein.
Allein, sprichst du, wenn ich das Gegenteil empfinde,
Wie kann ich dieser Meinung sein?
Das weiß ich selber nicht; indessen klingts doch fein,
Trotz der Natur sich stets gelassen sein.
Erast
Dorant, ein reicher Mann, der weiter keinen Erben,
Als einen Vetter hinterließ,
Der reicher war als er, und keinem Guts erwies,
Dorant beschloß bei seinem Sterben,
An seines Vetters Statt Erasten zu erfreun,
Und setzte diesen Freund, ders würdig war, zum Erben
Von zwanzigtausend Talern ein.
Der Vetter, der die Stadt recht giftig überredte,
Als ob Erast, der so rechtschaffne Mann,
Das Testament erschlichen hätte,
Fing einen Streit um dies Vermögen an,
Und lief, von Neid und Geiz gedrungen,
Mit schrecklichen Beschuldigungen,
Und mit Geschenken vor Gericht;
Allein sooft auch die das Recht erzwungen:
So siegten sie doch diesmal nicht.
Erast gewann. "Doch dich", spricht er, "zu überführen,
Ob ich das Testament mit List an mich gebracht:
So will ich das, was mir mein Freund vermacht,
Nachdem ich es gewann, verlieren.
Die Hälfte schenk ich dir, um dich zu widerlegen.
Zweitausend Taler sollen mein;
Und das noch übrige Vermögen
Soll ein Geschenk für arme Waisen sein.
Verdien ich noch den schrecklichen Verdacht,
Daß ich das Testament mit List an mich gebracht?"
Herodes und Herodias
Freund, wer ein Laster liebt, der liebt die Laster alle.
Wer ein Gesetz der Tugend übertritt,
Entheiligt in dem einen Falle
Im Herzen auch die andern mit.
O sprichst du, welche Sittenlehre
Gibt euch der Geist der Schwermut ein!
Gesetzt, daß ich der Wollust dienstbar wäre,
Werd ich deswegen wohl der Mordsucht eigen sein?
Ich glaub es, lieber Freund, du wirst es mir verzeihn;
Schrift und Vernunft behaupten diese Lehre.
Der Witz, der dich die Wahrheit lehrt,
Die Hurerei sie kein Verbrechen,
Wird, wenns dein Vorteil nur begehrt,
Das Wort zugleich der Mordsucht sprechen.
Auf einmal wird man nie der größte Bösewicht;
Allein den Grund dazu kann man auf einmal legen.
Verletze nur mit Vorsatz eine Pflicht:
So hast du schon das schreckliche Vermögen,
Wodurch dein Herz die andern bricht.
Warum gehorchst du den Gesetzen?
Weil Gott, der Heilige, der deine Wohlfahrt liebt,
Sie den Vernünftigen zu ihrer Wohlfahrt gibt.
Doch darfst du ein Gebot verletzen:
So schwächst du ja den Grund, auf dem sie alle stehn.
Was kann sich dir denn widersetzen,
Dich nicht an allen zu vergehn?
O merk es doch, noch unschuldsvolle Jugend!
Ich bitte dich, o merk es dir!
Es gibt nicht mehr als eine Tugend,
Und als ein Laster neben ihr.
Hast du den Vorsatz nicht, nach allen heilgen Pflichten,
Dich in und außer dir zu richten:
So prange hier und da mit guter Eigenschaft,
Dein Herz ist doch nicht tugendhaft.
Sooft dus wagst, nur eins von den Gesetzen,
Weil es dein Herz verlangt, mit Vorsatz zu verletzen:
So schwächst du aller Tugend Kraft,
Und bist bei hundert guten Taten,
Die Hoffnung oder Furcht, Ruhm und Natur dir raten,
Vor Gott und der Vernunft doch völlig lasterhaft.
O Jugend! faß doch diese Lehren,
Itzt ist dein Herz geschickt dazu.
Dem kleinsten Laster vorzuwehren,
Die Tugend ewig zu verehren,
Sei niemand eifriger als du.
Durch sie steigst du zum göttlichen Geschlechte,
Und ohne sie sind Könige nur Knechte.
Sie macht dir erst des Lebens Anmut schön.
Sie wird bei widrigem Geschicke
Dich über dein Geschick erhöhn.
Sie wird im letzten Augenblicke,
Wenn alle traurig von dir gehn,
In himmlischer Gestalt zu deiner Seite stehn,
Und in die Welt der selgen Herrlichkeiten
Den Geist, weil sie ihn liebt, begleiten.
Sie wird dein Schmuck vor jenen Geistern sein,
Die sich schon auf dein Glück und deinen Umgang freun.
O Mensch! ist dir dies Glück zu klein,
Um strenge gegen dich zu sein?
Nunmehr mag uns ein wahres Beispiel lehren,
Wie alle Laster sich von einem Laster nähren.
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