Herodias, wie uns die Schrift erzählt,
Brach dem die Treu, mit dem sie sich vermählt,
Und hing an seines Bruders Seite
Der Neigung nach, die auch ein Heide scheute;
Und die der Hof, der gern mit Worten spielt,
Für Zärtlichkeit und nicht für Unzucht hielt.
Doch laßt die Schmeichler knechtisch sprechen.
Johannes kömmt an Hof. Kein Thron verblendet ihn,
Von dem das Laster strahlt. Er sieht es, und spricht kühn:
"Du hast des Bruders Weib; dies, Fürst, ist ein Verbrechen."
So redt ein Mann, aus dem der Geist der Tugend spricht.
Zur Niederträchtigkeit reizt ihn der Thron zu wenig.
Er fürchtet Gott mehr als den König,
Und hält den Mut für seine größte Pflicht,
Wenn er zu dessen Ehre spricht,
Von dem mit uns die Könige der Erden
Aus gleichem Staub gebildet werden.

So dreist sprach Zachariä Sohn;
Allein der Kerker ward sein Lohn.
Ein Widerruf könnt ihn daraus erretten;
Doch nein, ein Tugendfreund liegt lieber frei an Ketten,
Als sklavisch um der Fürsten Thron.
So frei indes Johannes auch gesprochen:
So blieb er doch dem Fürsten wert.
Denn selber der, der jede Pflicht gebrochen,
Wird durch ein Herz gereizt, das Gott und Tugend ehrt;
Ein heimliches Gefühl heißt ihn dies Herz noch lieben,
Und sich, daß ers nicht hat, noch hassen kann, betrüben.

Und also scheint der Fürst noch tugendhaft zu sein,
Sosehr ihn auch sein Laster eingenommen.
Wenn er unzüchtig ist, ist er drum grausam? Nein;
Doch laßt nur einen Umstand kommen:
So wird ers doch aus Wollust sein.
Kein Laster herrscht jemals allein.
Und du begingst vielleicht, wie er, das größte,
Wärst du zum größten nicht zu klein.

Der Fürstin Tochter tanzt an einem Freudenfeste.
Der Hof bewundert sie. Herodes wird entzückt,
Und fühlt, indem er sie erblickt,
Der Mutter Blick in ihrer Tochter Blicke.
Er winkt der Salome: "Gebeut itzt deinem Glücke,
Und bitte, was du willst! Für meine Lieb und dich
Ist nichts zu groß, und nichts zu königlich."

Die Tochter eilt mit frohen Schritten
Zu der Herodias, und fragt: "Was soll ich bitten?"
"Bitt um des Täufers trotzig Haupt!"
O Gott! wer hätte das geglaubt?
Ist für ein weiches Herz, und für verbuhlte Blicke,
Ein blutig Haupt ein reizungsvolles Glücke?
Ein Weib, das sonst die kleinsten Schmerzen scheut,
Findt, da die Wollust ihr gebeut,
Selbst Wollust in der Grausamkeit?
Und lehrt zugleich die Tochter ein Verbrechen?

Herodes hört den Wunsch, erschrickt und wird betrübt,
Weil er den frommen Täufer liebt;
Allein der Fürstenstolz weist ihn auf sein Versprechen.
Hats nicht der Hof gehört? Bist du nicht Herr und Fürst?
Wird sich Herodias nicht gleich durch Kaltsinn rächen,
Wofern du nicht den Wunsch erfüllen wirst?
Gebeut, sprach seine Brunst, und eilig willigt er
In dieses grausame Vergnügen.
Man bringt des Täufers Haupt auf einer Schüssel her.

Hier siehst du ja, wie bald nach leichter Gegenwehr
In einem Laster alle siegen!

Inkle und Yariko

Die Liebe zum Gewinst, die uns zuerst gelehrt,
Wie man auf leichtem Holz durch wilde Fluten fährt;
Die uns beherzt gemacht, das liebste Gut, das Leben,
Der ungewissen See auf Brettern preiszugeben;
Die Liebe zum Gewinst, der deutliche Begriff
Von Vorteil und Verlust, trieb Inklen auf ein Schiff.
Er opferte der See die Kräfte seiner Jugend;
Denn Handeln war sein Witz, und Rechnen seine Tugend.
Ihn lockt das reiche Land, das wir durchs Schwert bekehrt,
Das wir das Christentum und unsern Geiz gelehrt.
Er sieht Amerika; doch nah an diesem Lande
Zerreißt der Sturm sein Schiff. Zwar glückt es ihm, am Strande
Dem Tode zu entgehn; allein der Wilden Schar
Fiel auf die Briten los; und wer entkommen war,
Den fraß ihr hungrig Schwert. Nur Inkle soll noch leben;
Die Flucht in einen Wald muß ihm Beschirmung geben.
Vom Laufen atemlos, wirft, mit verwirrtem Sinn,
Der Brite sich zuletzt bei einem Baume hin;
Umringt mit naher Furcht und ungewissem Grämen,
Ob Hunger oder Schwert ihm wird das Leben nehmen?

Ein plötzliches Geräusch erschreckt sein schüchtern Ohr.
Ein wildes Mädchen springt aus dem Gebüsch hervor,
Und sieht mit schnellem Blick den Europäer liegen.
Sie stutzt. Was wird sie tun? Bestürzt zurücke fliegen?
O nein! so streng und deutsch sind wilde Schönen nicht.
Sie sieht den Fremdling an; sein rund und weiß Gesicht,
Sein Kleid, sein lockicht Haar, die Anmut seiner Blicke
Gefällt der Schönen wohl, hält sie mit Lust zurücke.