Sie verkannt, gehaßt von allen werden;

Darf sie nur, um alle zu entzücken,

Sich mit deinem süßen Reitze schmücken.

Dürfte ich wohl so eigennützig seyn, und mit diesem kleinen Geschenke wuchern? Meine Freunde kennen Sie noch nicht als eine eben so empfindungsvolle Dichterin, als Sie eine gefühlvolle Ehegattin und Freundin sind. Einige von den kleinen Stücken, die Sie mir einmal vorlasen, und unter diesen auch das Hochzeit-Gedicht, das Sie für einen Ihrer Bekannten gemacht haben, würden mich in den Stand setzen, dieses Vergnügen meiner Mutter zu machen. Ich würde sogar durch die Mittheilung derselben ein gewisses Ansehen bekommen. Ich würde Macht haben, Gefälligkeiten auszutheilen; und ich würde gewiß meine Geheimnisse nicht so wohlfeil verkaufen. Sie sehen schon, daß ich unbescheiden genug bin, auch wohl gar eine kleine Mühe Ihnen aufzulegen. —

Wenn ich nur dafür im Stande wäre, Ihr Tagebuch, das mich so sehr unterhält und mich auf einige Augenblicke wieder zu Ihnen zurück bringt, mit einem eben so angenehmen zu vergelten. — Aber meine Geschichte (ich nehme die Unterhaltung mit meiner Mutter aus, und die wissen Sie schon größten Theils) ist so einförmig, oft für den Helden derselben so langweilig, und fast immer für die Leser so wenig unterrichtend, daß ich alle Mal abgeschreckt werde, so oft ich daran denke, meine Briefe mit meinen Begebenheiten, anstatt mit meinen Empfindungen anzufüllen. Sie sollen unterdessen alle meine Freunde, die ich hier hochschätze, kennen lernen. So bald nur der Cirkel von Besuchen, in dem ich mich jetzt herumgedreht habe, durch seyn wird, so werde ich es mir zu einer fest gesetzten Beschäftigung machen, Sie ganz in unsere Familie und in unsere Bekanntschaften einzuführen, und mich auch zuweilen für die Langeweile, die mir einige davon machen, zu rächen.

Meine Reise ist, wie Sie wissen, glücklich, aber dem ungeachtet ziemlich unangenehm gewesen. Meine Gesellschafter waren entweder Misanthropen oder Schläfer. Ich dankte unterdessen beyden für die Muse, die sie mir gaben, an meine Freunde zu denken. Oft in der Mitte der Nacht, wenn alles um mich schlief, schweifte meine durch die Stille noch mehr aufgeweckte Seele zu allen Wohnungen meiner Freunde umher, und segnete ihren sanften und ruhigen Schlaf. Bald flog ich unsern langsam kriechenden Pferden zuvor, warf mich in Gedanken zu den Füßen des Bettes meiner Mutter, küßte sanft ihre Hand um sie nicht zu wecken, und flehte den Beystand der sie bewachenden Engel an, sie mir zu beschützen. Bald überraschte ich Sie, weit glücklicher als mein Freund Reiz, in Ihrem Schlafzimmer, und gebot Ihrem Schutzgeist, Ihnen mitten im Schlafe die angenehmsten, fröhlichsten und schönsten Bilder vorzustellen, und Ihre Seele, selbst ohne ihr Wissen, noch vollkommener zu machen. — Alsdann — Ich freue mich, theuerste Freundin, daß unsere Freundschaft von der Beschaffenheit ist, daß meine Seele von dem Andenken an Sie, unmittelbar zu dem Gedanken an Gott, unsern großen und gemeinschaftlichen Freund, übergehen kann, zu dessen Verehrung solche Seelen, wie die Ihrige, geschaffen worden. Meine Seele steigt durch diese Stufen auf eine leichtere Art bis zu ihm hinauf.

Aber ich muß, ich muß schließen u. s. w.

[A] Für Freunde des Originals folgt hier das ganze Sonnet:

Chi vuol veder quantunque può natura,

E’l Ciel tra noi, venga a mirar costei,