Sie sehen, liebe Freundin, wenn Sie diese Ueberlegungen machen, Sie werden meine Unruhe nicht schelten, so gütig Sie mich auch von Ihrer Gewogenheit versichert haben, und so gewiß ich von der Liebe der Meinigen bin. — Aber das ist noch lange nicht alles. Ich behalte mir dieß auf einen andern Brief vor. Ich kann nicht anders; ich muß Sie mit meinen eigenen Angelegenheiten unterhalten. Der Wohlstand würde dieß bey Personen, die weniger meine Freunde wären, verbieten. Aber es ist gar zu eine große und eine zu unentbehrliche Glückseligkeit, zuweilen sein volles Herz in den Schoß eines Freundes ausschütten zu können. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, Sie und Ihr liebster Gemahl machen in meiner Einbildungskraft nur Eine Person aus. Sie sind in meinen Gedanken eben so unzertrennlich, als Sie es durch Ihre Liebe sind. Alles also, was ich Ihnen schreibe, ist zugleich für ihn geschrieben. Sein kurzer Brief ist mir dem ungeachtet so angenehm gewesen, als der längste Brief hundert anderer mir nicht seyn würde.....
Ich sehe, ich stehe in Gefahr, meinen Brief eben so lang und so voll von Digressionen zu machen, als es des Tristram Shandy Roman ist. Also nur noch ein Wort von Klopstock und seinen Briefen, und dann nehme ich bis auf künftigen Freytag von Ihnen Abschied. (Können Sie wohl errathen, was ich da erwarte?) —
Ich wundere mich gar nicht darüber, daß Ihnen des Mannes, und mir der Frau ihre Briefe zärtlicher vorkommen. Das macht, würde Onkel Tobias sagen, Sie sind eine Frau, und ich ein junger Mensch. Ich habe des Klopstocks Briefe flüchtig gelesen, der Frau ihre recht aufmerksam. Sie haben vielleicht das Gegentheil gethan. Mit einem gleichen Grade der Aufmerksamkeit würden wir bey beyden vielleicht gleich viel empfunden haben. Ich wenigstens, durch die Verschiedenheit Ihres Gefühls aufmerksam gemacht, habe sie noch einmal gelesen, und schon habe ich des Klopstock Briefe viel zärtlicher gefunden. Aber, daß es ihre weniger sind, das wollte ich doch noch nicht gerne für wahr halten.
Wie gern fieng’ ich noch die eilfte Seite an, um Stellen zu meiner Vertheidigung anzuführen! Aber es hilft nichts. Es ist jetzt ein Uhr, Dienstags in der Nacht. Möchten doch die gütigen Engel Ihre und Ihres Geliebten Ruhe beschirmen u. s. w.
Siebenter Brief.
B***, den — Juli
1767.
Wahrheiten, die uns sehr am Herzen liegen, können niemals zu oft bewiesen werden. So ein sophistisches Ding ist dieses Herz, daß es sich der Ueberzeugung von eben der Sache am meisten widersetzt, von der es am meisten gewiß zu seyn wünscht. Ich, zum Beyspiel, bedarf keiner neuen Proben mehr, um zu wissen, daß Sie meine Freundin sind. Und doch, mit welchem Vergnügen habe ich diejenigen aufgenommen, die Sie mir in Ihren letzten Briefen gegeben haben, gerade so, als wenn dieß die ersten gewesen wären. Sie wissen, wie schwer sich Empfindungen durch Beschreibungen deutlich machen lassen. Man kann nichts weiter thun, als diejenigen, welche ähnliche gehabt haben, an ihr eigenes Gefühl erinnern.
So stellen Sie sich also Ihren lieben Mann, meinen Freund, an dem Abende eines sehr geschäftigen Tages vor. Er tritt zuerst mit einer etwas tiefsinnigen und zerstreuten Miene in ihr Zimmer. Seine von fremden Bildern ganz angefüllte Seele empfängt schon die geheimen Einflüsse Ihrer Gegenwart, ohne sie noch zu fühlen; selbst die ersten Liebkosungen verschwenden Sie an den Undankbaren vergeblich. Endlich thut Ihr Anblick und Ihre Zärtlichkeit ihre gehörige Wirkung; und jetzt schweben nur noch die Sorgen der Geschäfte auf der Oberfläche der Seele, wie die Nebel an einem heitern Frühlingsmorgen auf dem Gipfel der äußersten Berge. So gewinnt der Ehemann einen Schritt nach dem andern über den Geschäftsmann — bis er zuletzt nur ganz allein übrig bleibt. Was Ihnen in diesem Augenblicke ein stillschweigender Kuß ist, den er Ihnen aus vollem Herzen giebt, ein Druck seiner Hand, bey dem er sie zugleich seine Wilhelmine nennt, sehen Sie, das waren für mich Ihre Briefe. Versicherungen von Sachen, die wir lange wissen, die wir aber gern vergessen, an denen wir sogar zweifeln, aus bloßem Muthwillen, um sie uns noch einmal versichern zu lassen!