Noch war ein einziger Trost für dieses Haus übrig, aber ein sehr großer, und der vielen Leiden das Gegengewicht halten konnte; — der Trost, zwey hoffnungsvolle und liebenswürdige Kinder in ihrem Schooße aufwachsen zu sehen, die die Verdienste, und, wenn es möglich wäre, die ehemalige Glückseligkeit ihrer Eltern erneuerten. — Und nun liegt das jüngste davon, ein Knabe von ungefähr acht Jahren, die unschuldigste, sanftmüthigste, geduldigste Seele, das Bild und der Liebling seiner Mutter — und ringt mit dem Tode.

Bey seinem Bette fand ich meine Mutter. Ich bin niemals von einem Anblicke so gerührt, so durchdrungen worden. Die Krankheit des Kindes ist die allerschmerzhafteste und grausamste, glaube ich, die ich jemals gesehn habe: die allerentsetzlichsten Kopfschmerzen, die, wie der Arzt muthmaßt, aus einer Beschädigung des Gehirns entstehen, und schon vier Tage und Nächte ohne den geringsten Nachlaß fortdauern. Sie pressen dem armen liebenswürdigen Knaben, der alles, alles sonst mit der größesten Gelassenheit erträgt, und selbst jetzo die schmerzhaftesten Operationen ohne Murren mit sich vornehmen läßt, ein Geschrey aus, das mir bis in das Innerste der Seele geht. — O Gott, wer muß der Unmensch seyn, der die Stimme des Schmerzes ertragen kann, wenn er selbst der Urheber davon ist! — Mein Herz wird davon zerrissen! — Und dann in dem Augenblicke einer kleinen Linderung ihn mit einer ängstlichen Zärtlichkeit nach seiner Mutter rufen zu hören, diese vor seinem Bette knien zu sehen, und dann ihn, wie er seine kleinen Arme um sie herumschlingt, sie fest an sich drückt, und dann mit einer gewissen dringenden Heftigkeit sie seiner Liebe versichert, — dann mitten unter diesen Liebkosungen, von dem Schmerz überwunden, auf einmal in das kläglichste Geschrey ausbricht, und das zu ganzen Nächten fortsetzt — Gott, kaum kann ich den Gedanken davon ertragen. — Heute ist der Schmerz schon Herr über sein Bewußtseyn, und er kennt nicht mehr seine Mutter. —

Liebste Freundin, werden Sie mir es wohl vergeben, daß ich Sie mit so traurigen Gegenständen unterhalte? Aber mir wird meine Noth leichter, wenn ich denke, Sie wissen sie und nehmen daran Theil.

N. S. Zu gleicher Zeit mit dem Ihrigen erhielt ich auch einen sehr freundschaftlichen Brief von Herrn Weise. Eine kleine Anekdote, die er mir von Meinhardten erzählt, kann ich Ihnen unmöglich verschweigen. Bey seiner Abreise von Leipzig fragte ihn der Post-Commissar Gellert: Ob er nicht einige günstige Aussichten hätte? O ja, sagte er, die glücklichste Aussicht von der Welt — die Aussicht auf mein Grab.

Siebenzehnter Brief.

Den 16. September.

Der Kleine, dessen Leiden ich Ihnen schilderte, hat sich gebessert. Er ist keines menschlichen Leidens mehr fähig. — Für den tugendhaften Mann und für den Christen ist der Tod wenig; aber für den Menschen ist der Schmerz immer etwas sehr Großes. Neulich war mein ganzes Mitleid für das Kind selbst, jetzo ist es nur noch für seine Mutter. Ich will Ihnen nicht ihren Schmerz beschreiben, um nicht den Ihrigen rege zu machen. Sie wissen, was es heißt, Mutter seyn. — Aber einen andern Verlust muß ich Ihnen erzählen, der nicht so schmerzhaft, — aber doch für uns empfindlich ist; noch dazu einen Verlust, der die ganze Begierde, zu Ihnen zu kommen, bey mir wieder rege macht, da er mir die vortrefflichste Gelegenheit dazu verschafft hätte. Denken Sie nur, ich hätte in Gesellschaft eines Tralles zu Ihnen kommen können, ich hätte Sie gesehn, Sie hätten einen unsrer besten Freunde gesehn, die Hochachtung, die ich für meine Freundin habe, hätte sich noch eines rechtschaffenen Herzens bemeistert, und — Aber hören Sie erst die Geschichte.

Tralles als einen Arzt kennen Sie, glaube ich. Aber das müssen Sie noch wissen, daß er beynahe der würdigste Gelehrte und der beste Gesellschafter in B**** ist. Diese Titel werden Sie, denke ich, noch nicht so aufmerksam machen, (welche Eigenliebe!) als wenn ich Ihnen sage, daß er der älteste Freund unsers Hauses, daß er fast der einzige recht vertraute Freund meines Onkels ist, — daß seine erste Frau die beste und die einzige Freundin war, die meiner Mutter ihr ganzes Herz besessen hat. Dieser Mann, der neulich nach Warschau als Leibarzt kommen sollte, und es aus Liebe zu seinen Freunden ausschlug, hat jetzt einen andern Antrag, der just in einer so unglücklichen Epoque kommen muß, da sich B**** bey ihm durch einen ansehnlichen Verlust, den er durch die Betrügerey eines Freundes leidet, verhaßt gemacht hat, daß er fast geneigt ist, ihn anzunehmen. Die Fürstin von Gotha verlangt ihn zu ihrem Beystande bey ihrer jetzigen schwachen Gesundheit, — und wünscht ihn als Leibarzt zu behalten. Er kam eben von einer Reise wieder, als er einen Brief von dem Gothaischen Hofe fand, wo man ihn unter den schmeichelhaftesten Hoffnungen, die man einem Menschen geben kann, einladet, noch diesen Herbst nach Gotha zu kommen, seine Familie mitzubringen, — und den Winter dort zu bleiben. Es sollte alsdann von seiner Wahl und von dem Grade von Zufriedenheit abhängen, den er mit dem dasigen Aufenthalte, und der Art von Aufnahme, die er erhalten hätte, haben würde, ob er nach Breßlau zurückkehren oder bey ihnen sein Leben beschließen würde. Denn er ist schon sechszig Jahr. — Er ist nun entschlossen, die Reise zu thun, ob er gleich ihren Erfolg noch nicht vorhersieht. Seine jetzige Frau wird ihn mit ihrem kleinen Sohne begleiten. Von zwey Töchtern aus der ersten Ehe ist die eine verheyrathet, und kann also ihrem Vater nicht folgen, die andre will zum Beystand ihrer Schwester zurückbleiben.