Ich habe die Liebe neulich blos als eine Folge von Eindrücken angesehen, deren Stärke und Dauer zeigt, wie sehr die Seele fähig ist, lebende und bleibende Bilder der äußern Gegenstände zu empfangen. Aber die Seele verhält sich nicht blos leidend; es sind nicht Wirkungen, die nur auf sie geschehen, und denen sie nur nicht widerstehen darf. Ihre eigne Kraft muß diese Eindrücke beleben, sie fest halten, sie in diejenige Form bringen, in welcher sie ihren Einfluß noch immer auf dieselbe fortsetzen, wenn sie gleich selbst ihre erste Stärke verloren haben. Akenside macht in seinen Pleasures of Imagination eine vortreffliche Anmerkung, die für den Moralisten, und ich denke auch für den Liebhaber, höchst wichtig ist. Gewisse unsrer Pflichten und unsrer schönsten Neigungen beruhen auf einer Art von Illusion, die nur durch eine starke und mächtige Einbildungskraft aufrecht erhalten werden kann. Von der Art ist die Vaterlandsliebe. Der Begriff von Societät ist viel zu allgemein und abstrakt, und die Bande, mit welchen wir an diesen Haufen unbekannter und uns gleichgültiger Menschen geknüpft sind, wären für uns viel zu schwach, um uns Gefahr und Tod für diese leicht zu machen: wenn nicht die Einbildungskraft an die Stelle dieser reellen Objekte, die zu groß und zu weit sind, als daß wir sie mit unsrer Empfindung umfassen könnten, ein gewisses Phantom setze, welches wir selbst ausschmücken, und unter dessen Bilde wir diese unsichtbare Gottheit, das Vaterland, anbeten. So erhitzte sich der Römer bey dem Anblicke seines Senats, des Kapitols oder irgend eines andern öffentlichen Monuments, das himmelweit von dem wahren Vaterlande entfernt war, und welches er doch dafür annahm, um seine Empfindung in eine engere Sphäre zusammen zu drängen, und sie dadurch zu beleben.

Lassen Sie uns dieses auf die Liebe anwenden. Sie ist, wenn wir sie zergliedern, das Resultat aus den vereinigten Wirkungen des Vergnügens an Vortrefflichkeit, der Freundschaft und der sinnlichen Lust. Es ist augenscheinlich, daß, wenn die Leidenschaft nur aus einer dieser Quellen entsteht, sie mit derselben zugleich versiegt; und da alle Arten von sinnlichem Vergnügen vermöge der Natur der Seele abnehmen, so muß ein Feuer erkalten, welches blos durch sie angezündet war. — Aber es giebt eine andere Art von bessern Seelen, die nicht blos wie Silenen lieben, und die die Venus, die aus dem Schaume des Meeres entstand, von der himmlischen, die vom Olympus entspringt, und an dem Throne Jupiters selbst ihren Sitz hat, unterscheiden; ihr Geist liebt in der That, nicht blos ihr Körper; und demungeachtet werden diese rechtschaffnen Liebhaber doch kalte Ehemänner. Die Gewohnheit übt über ihre Seelen ihre gewöhnliche Gewalt aus, und weil ihre Leidenschaft blos durch die Eindrücke auf sie hervor gebracht wurde, so verlischt sie, so wie die Zeit ein Stück nach dem andern von diesen Eindrücken verwischt, und sie zu der gewöhnlichen Stärke aller übrigen Begriffe in unsrer Seele zurück bringt. Nur eine dritte Gattung von Seelen, die an die Stelle ihres Freundes oder ihres Geliebten ein gewisses erhöhtes Ideal setzen; die aus den Vollkommenheiten, die sie wirklich in ihm gewahr werden, die sie aber noch verschönern, ein Ganzes zusammen setzen, welches wirklich vollkommner ist, als der Gegenstand selbst; die in sich selbst beständig eine neue Quelle von Empfindung finden, und in der Beschauung des Bildes, was sie sich selbst geschaffen haben, und zu dem ihnen das Original so zu sagen nur die ersten Striche gegeben hat, sich mit neuem Feuer beleben: diese sind es allein, die der Liebe ihre Schwingen ausreissen, und das Feuer, das sonst durch den Zufluß neuer Materie unterhalten werden muß, durch ihr eignes ernähren.

Ich bin jetzt auf dem Wege, zu zeigen, wie eben diese Kraft der Imagination, ohne die niemals eine große oder dauerhafte Liebe gewesen ist, große Männer und vortreffliche Thaten hervor bringt. — Aber dieses ist selbst für einen neuen Brief noch zu viel Materie, und man ruft mich schon ein Mal über das andre u. s. w.

Sieben und zwanzigster Brief.

Ich habe heute einen so heftigen Schnupfen und Kopfschmerzen, daß nichts in der Welt, als die Begierde, Ihnen auch die kleinste, und wenn es nur eine minutenlange Unruhe wäre, zu ersparen, mich hätte bewegen können, die Feder anzusetzen. Demungeachtet habe ich zwey so liebe werthe Briefe von Ihnen vor mir, die ich beantworten sollte; und die mir auch Stoff genug geben würden, wenn ich nicht heute zu allem, als zu einem gänzlichen Müßiggange, unaufgelegt wäre. Wenn Sie meine Briefe nicht verstehen, so ist es immer gewiß meine Schuld. Ich bringe oft meine Gedanken zur Welt, ehe sie völlig ausgebildet sind; und es ist natürlich, daß meine Freunde, wenn ich sie ihnen in diesem Zustande übergebe, nicht recht wissen, was sie mit diesen ungeformten Massen machen sollen. Thun Sie an diesen verunglückten Geschöpfen die Barmherzigkeit, die Sokrates an ähnlichen Geburten seiner Freunde that; wenn Sie sie nicht gleich bey der Entstehung haben retten können, so geben Sie ihnen wenigstens, so wie sie da sind, die erträglichste Figur, die sie machen können. Bilden Sie sie aus, erziehen Sie sie; und wenn sie es werth sind, so vermählen Sie sie mit den weit liebenswürdigern Kindern eines so sanften und zarten Herzens, und eines so richtigen Verstandes, als der Ihrige ist.

Ich habe diese Materie noch nicht erschöpft. Ich habe mir die Liebe blos in ihrer Entstehung vorgestellt. Sie sollen nun auch meine Gedanken über ihre Wirkungen wissen. Ich sehe schon zum Voraus, daß ich in Gefahr komme, meine Schwäche sehen zu lassen, indem ich vielleicht mit meinen Beschreibungen bey Ihnen, die es empfinden, nicht schließen, was Liebe ist, ungefähr in eben den Rang kommen werde, in welchem bey uns Sehenden der blinde Philosoph steht, der sehr gründlich, wie er dachte, die rothe Farbe durch den Schall einer Trompete erklärte. —

Ich sehe, ich fange an, meinen Kopfschmerz zu vergessen, indem ich mit Ihnen rede. Wäre der Abgang der Post nicht so nahe, so glaube ich, ich schriebe vier Seiten voll, ehe ich daran dächte, daß ich nur so viel Zeilen schreiben wollte. Erzählen Sie mir doch etwas von Ihrer jetzigen Lektüre u. s. w.

N. S. Romeo und Julie ist nun gedruckt. — Aber Sie müssen das Stück entweder schon gesehen haben, oder es noch sehen, ehe Sie es lesen.