Ich selbst habe den Postwagen in W*** verlassen. In der That war es beynahe eine Unbesonnenheit, die ich beging. Die Sache war so. Der Postwagen war auf das erschrecklichste befrachtet. Eine Menge Geldfässer und anderer schwerer Waren! Vier elende und abgetriebene Pferde würden ihn mit Mühe und Noth bey dem besten Wege gezogen haben. Aber dieser war entsetzlich. Aus einem Loch ins andere! Ich stieg drey bis vier Mal ab. Ich ging zu Fuß. Aber so oft ich wieder aufstieg, verschlechterte sich alle Mal der Weg. Das Gewicht des Wagens machte, daß er bey jedem Abhange sehr stark schwankte; wir waren zwey Mal in der größten Gefahr gewesen, umzuwerfen. Endlich bemächtigte sich die Furcht meiner. Ich dachte an den schrecklichen Fall bey B***werda. Ich fuhr beständig in Angst. Wir erreichten endlich W***. Einer von der Gesellschaft, eben der Dreßdner, der eben so furchtsam wie ich war, nahm hier Extrapost für sich bis H****burg. Ich entschloß mich, ihm Gesellschaft zu leisten. In der That war es unüberlegt: denn ich hatte mit genauer Noth so viel Geld bey mir, als nöthig war; und meinen Koffer hatte ich auf der ordinären zurück gelassen.
Wir kamen um 9 Uhr nach H***burg. Ich fand keinen Menschen aus G****dorf. Man erwartete mich erst Montags. Ich wußte also von neuem nicht, wie ich nach G****dorf hinüber kommen sollte. Ich erwartete erstlich die ordinäre Post, um meinen Koffer zu haben. Ich ganz allein, in der Poststube, wo ein durch die jetzigen Meßexpeditionen abgematteter Postschreiber auf einem Stuhle schlief, bey einem kleinen einsamen Lämpchen, hatte alle mögliche Zeit zur Schwermuth. In der That brachte ich die Stunden höchst traurig zu. Endlich kam mein Koffer. Ich nahm noch einmal Extrapost nach G****dorf. Hier kam ich um 11 Uhr an. Meine Freunde, oder vielmehr mein Freund, der eben zu Bette gehen wollte, empfing mich liebreich.
Hier lebe ich nun nicht mit der düstern Melancholie, die durch die Einsamkeit genährt wird, aber in einem gewissen Tiefsinn, den man mir auch anmerkt. Ich habe kaum diesen Augenblick finden können. Man ruft mich schon etliche Mal, und ich muß nothwendig den Brief endigen, ob ich gleich nicht den hundertsten Theil von dem gesagt habe, was ich Ihnen sagen wollte. Was für eine elende, unvollkommene Art der Unterredung ist doch ein Brief! Gott segne Sie. Von ganzem Herzen
der Ihrige.
Zweyter Brief.
G***dorf, den 28. May, 1767.
Ich reise diesen Augenblick von hier nach H****burg. Dort erwarte ich Hr. M.. und mit ihm — das angenehmste, was ich in meinen gegenwärtigen Umständen erhalten könnte, Ihre eigne Gegenwart ausgenommen.
Ich fange an, das Leben als eine lange und oft beschwerliche Reise anzusehen, auf der wir von einem höhern Führer geleitet werden. Von Zeit zu Zeit kommen einige angenehme Ruheplätze, wo wir uns nur erholen sollen, und wo wir ganz und gar zu wohnen wünschen. Ihr Haus und ihre Gesellschaft war einer von diesen. Ich fing schon an in demselben zu vergessen, daß ich bloß zur Fortsetzung meiner Reise gestärkt werden sollte. Es kommt der fürchterliche Befehl zum Aufbruche. Ich verlasse in einer Art von Betäubung den angenehmen Aufenthalt. Endlich kommt meine Empfindung wieder; aber nur um mich meinen Verlust fühlen zu lassen. Lange, lange sehe ich mit einer zaudernden Sehnsucht nach dem gewünschten Orte zurück, indeß ich mich immer mehr von ihm entferne. Dort, dort, sage ich, ist meine Freundin, und ich reise nach der entgegenstehenden Gegend. Von einem unbefriedigten Verlangen zur Schwermuth ist nur ein einziger Schritt. Endlich verlieren sich alle diese schmerzhaften Ideen in dem Gedanken an meinen großen und gütigen Anführer. Er ist zugleich der Führer meiner Freundin. In ihm, unserm gemeinschaftlichen Vater, vereinigen sich wieder unsere Seelen, wenn sie auch durch noch so weite Entfernungen von einander getrennt sind. So ist der Schmerz oft unser Lehrer; und eine menschliche Seele, die niemals traurig gewesen wäre, müßte gewiß lasterhaft seyn.
Die Pferde sind angespannt, alles ist fertig. Ich schreibe mitten unter dem Geräusch. — Ich bin unaufhörlich