Aber diese zwey kostbaren Stunden sind eben jetzt vorbey; ich habe sie dazu angewendet, an Sie zu schreiben; und das ist gewiß der beste Gebrauch, den ich die ganze Woche davon mache. Dem ungeachtet verzweifle ich noch nicht, ehe man mich zu Tische ruft, zu Ende zu kommen. Das nächste also, was jetzt folgt, ist, daß ich esse. Die Gesellschaft eben dieselbe, die es beym Thee war. Die Gerichte sehr mäßig, aber sehr wohlschmeckend. Und hier kann ich nicht unterlassen, eine kleine Lobrede für die Schlesischen Köche und Köchinnen einzuschalten. Wenn ein Land durch gute Suppen, durch sehr fettes und derbes Rindfleisch, durch vortreffliches und wohlzugerichtetes Kräuterwerk glücklich würde, so wäre in der Welt nichts ungerechter, als die Klagen, von denen meine Ohren hier gar nicht ausruhen. Denn alles das und noch weit mehr, als ein solcher Idiot in der jetzigen Favorit-Wissenschaft der Welt, wie ich bin, sagen kann, das besitzt Schlesien. O warum kann ich nicht hier Ihren Geschmack aufbieten, mir Recht zu sprechen! Warum kann ich Sie nicht einmal mit dem Manne, ohne welchen alle mögliche Schlesische Gerichte umsonst vor Ihnen stünden, an unserm Tische sitzen sehen! —

Wenigstens will ich den Einfall in meinen Gedanken verfolgen. Ich werde den Augenblick gerufen. Wie wäre es, wenn Sie, ohne ein Wort zu sagen, nach B***lau gekommen wären, wenn Sie mich heute überraschen wollten, wenn ich Sie oben schon an unserm Tische sitzen und auf mich schmälen sähe, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Ich gehe, ich gehe, — um meinen Traum zu vernichten. —

Ich komme eben von Tische wieder, und ich habe nur noch einen Augenblick Zeit bis zur Post. Auf meiner Mutter Stirne saßen, wie ich heraufkam, einige finstere Wolken. Einige verdrießliche Geschäfte, und noch mehr als das, die Unruhe eines Baues, der sie beynahe aus ihrem Zimmer vertreibt, hatten diese Wolken zusammengezogen. Ich schreibe mir heute die Ehre zu, sie zerstreut zu haben. Wenigstens habe ich meine Mutter heiterer verlassen, als ich sie fand. —

Um also meinen Tag vollends bis zum Abend zu bringen, so müssen Sie wissen, daß ich unmittelbar nach Tische eine kleine halbe Stunde den Flügel spiele. In meiner Mutter Stube steht ein ziemlich guter mit zwey Klavieren. Dann kommt der gesellschaftliche Kaffee. Sie können glauben, daß ich den niemals ohne meine Mutter und Cousine trinke, ausgenommen, wenn diese Frauenzimmerbesuch hat, den ich nicht kenne. Nichts ist ungewisser und unsicherer als der übrige Rest des Nachmittags. Wir fahren zuweilen in Gesellschaft einiger Freunde spazieren. Ein ander Mal gehe ich ganz allein mit einem einzigen Bekannten. Ich besuche dann und wann die hiesigen öffentlichen Bibliotheken; ich mache zuweilen Staats-Visiten, die mich ennuyiren; und dann endlich bleibe ich einmal zu Hause, um recht viel oder gar nichts zu thun.

Der Abend ist dem Mittag vollkommen ähnlich. Ordentlicher Weise ist mein Onkel bey uns, der der rechtschaffenste Mann, aber fast immer kränklich und dann und wann ein wenig argwöhnisch ist. Leben Sie wohl. Ich bin —

N. S.

Denken Sie einmal, liebste Freundin! gestern bekomme ich von Herrn Weisen einen Brief, — einen sehr gütigen, freundschaftlichen Brief. Und dieses Vergnügen muß mir durch eine so traurige Nachricht verbittert werden, als die von Meinhards Tode. Ja, dieser rechtschaffene Mann, dieser große Gelehrte, dieser schöne und empfindliche Geist, dieser mein Freund — ist todt. Peace to his gentle shade!

Fünfter Brief.