Fühlst du aber bei dir Entschlossenheit und Kraft, deinen Kleinen in jeder Rücksicht Muster zu werden, so widme dich diesem wichtigen Geschäfte mit Freudigkeit und rechne auf einen gesegneten Erfolg desselben. Je eifriger du es treibst, desto vollkommner wirst du selbst werden.
Deine Pflegebefohlnen werden deine Erzieher sein, manchen deiner Fehler, der deiner Aufmerksamkeit entging, dir bemerklich machen und dich reizen, ihn abzulegen. Dein Beispiel wird auf sie wirken, jeder deiner Ermahnungen den nötigen Nachdruck geben, und so wie sie durch den steten Umgang mit dir deine Mundart, so werden sie auch deine Tugenden annehmen.[I]
Schlußermahnung.
Das bekannte Sprichwort: Non ex quovis ligno fit Mercurius[40] kann auch auf den Erzieher angewendet werden. So wie es nicht jedem Menschen gegeben ist, ein Maler oder Dichter, auch bei dem besten Willen und der besten Anweisung, zu werden, so ist es auch nicht jedes Menschen Sache, das Geschäft der Erziehung mit gutem Erfolg zu treiben. Es gehört dazu eine eigene natürliche Anlage. Man kann in hohem Grade rechtschaffen und weise sein, viele Wissenschaft und mannigfaltige Geschicklichkeit besitzen und doch, wenn jene Gabe fehlt, unvermögend sein, auf Kinder zu wirken und sie zu lenken.
Prüfe dich also wohl! Hast du die Winke, die dir in dieser Schrift gegeben wurden, befolgt, so beobachte, was dies für Wirkung auf deine Kleinen thue, ob sie gern in deiner Gesellschaft sind, ob deine Vorstellungen auf sie Eindruck machten und deine Erinnerungen von ihnen befolgt werden. Sollte dies der Fall nicht sein, so entrüste dich nicht gegen sie, sondern untersuche, wo du gefehlt habest. Könntest du bei einer fortgesetzten Untersuchung nichts an dir bemerken, was abzuändern wäre, und daß du, auch bei dem redlichsten Bestreben, wenig bei ihnen ausrichten, ihre Liebe und ihr Zutrauen nicht erwerben könntest, so wäre dies wohl ein bedeutender Wink der Vorsehung, daß sie dich nicht zur Erziehung, sondern zu irgend einem andern Geschäfte bestimmt habe, und du thust wohl, wenn du diesen Wink befolgest. Du wirst bei fortgesetzter Selbstprüfung gewiß eine vorzügliche Neigung und Anlage zu irgend einem andern Geschäfte finden. Der Vater der Menschen hat jedes seiner Kinder gut ausgestattet, jedem sein Pfund gegeben, mit dem es wuchern, das es durch gute Anwendung vergrößern und zur Beförderung seines und des Wohls seiner Brüder benutzen kann. Folge also dem Winke der Vorsehung und widme dich dem Geschäfte, zu dem du dich berufen fühlst. Du wirst es mit Vergnügen treiben, es gut ausrichten und damit viel Gutes wirken.
Wolltest du hingegen ferner der Erziehung, bei aller Unfähigkeit zu derselben, dich weihen, so würdest du dir und deinen Pflegesöhnen das Leben verleiden und bei dem besten Willen ihrem Charakter eine schiefe Richtung geben.
Findest du aber, daß der Umgang mit Kindern dir Freude macht, daß sie an dir mit ganzem Herzen hängen, daß du sie mit Leichtigkeit lenken kannst, dann glaube, daß der Weltregierer dich zur Erziehung derselben berufen habe. Folge seinem Rufe mit Freudigkeit und sei versichert, daß der Lohn deiner Berufstreue sehr groß sein werde, daß du im Kreise deiner Pflegebefohlenen immer Aufheiterung finden, von deinen Arbeiten reiche Früchte sehen und durch dieselben einen sehr beträchtlichen Beitrag zur Beförderung des Wohls der Menschenfamilie geben wirst!
Anmerkungen.
[1] Die Gereokomie, d. i. die Methode, durch Einatmung der jugendlichen Ausdünstungen den alternden Körper zu verjüngern, beruht auf einem aus dem Altertume stammenden Irrtume. Siehe 1. Kön. 1. Auch Hufeland erzählt in seiner Makrobiotik (Univ.-Bibl. Nr. 481-484) von der Anwendung derselben. Die Ausdünstungen der Kinder in den Schulräumen sind wegen der Kohlensäure u. dergl., die sie enthalten, der Gesundheit nur schädlich, während der Sauerstoff, der so notwendig für die Atmung ist, bald verzehrt wird. Es ist deshalb in gesundheitlicher Hinsicht dringend notwendig, nach jeder Unterrichtsstunde in geschlossenen Räumen, frische Luft in diese einzuführen. Wohl hat dagegen Salzmann Recht, wenn er sagt, daß die beständige Munterkeit und Fröhlichkeit der Jugend erfrischend auf das Gemüt des Lehrers einwirken. Der herzliche Verkehr, der tägliche Umgang mit der frohen Jugend bewahrt das Herz des Erziehers vor düsterer Melancholie und finsterer Misanthropie. Dagegen ist die körperlich und geistig anstrengende Thätigkeit des Lehrers gewiß der Grund, daß nach statistischen Nachweisen der Lehrerstand in Bezug auf sein Durchschnittslebensalter nicht hoch steht.
[2] Über das „Krebsbüchlein“ siehe Einleitung. Das Titelbild dieser Schrift zeigte einen alten und drei junge Krebse in einem Teiche mit der Unterschrift: „Faciam, mi papule, si te idem facientem prius videro“ (Ich werde's thun, mein Väterchen, wenn ich zuvor sehen werde, daß du's thust).