[3] Nach unserer heutigen Kenntnis stimmt der von Salzmann geschilderte Vorgang bei den Ameisen nicht mit der Wirklichkeit. Man unterscheidet bei den Ameisen: a) geflügelte Männchen, b) geflügelte Weibchen, c) verkümmerte, ungeflügelte Weibchen oder geschlechtslose Arbeiter. An schönen Augustabenden erheben sich die geflügelten Männchen und Weibchen in die Luft, wobei die Begattung im Fluge vor sich geht. Das Aufschwingen in die Luft geschieht also nicht nach geschehener Begattung, wie Salzmann irrtümlich meint, sondern vor derselben. Nach der Begattung kommen die männlichen Ameisen um, wogegen die Weibchen sich selbst die Flügel abstreifen und neue Kolonien gründen. Die Erziehung wird durch die dritte Art besorgt.
[4] In den Jahren 1785-91 gab Joh. Heinr. Campe unter Mitwirkung von Gedike, Resewitz, Trapp, Salzmann, Lieberkühn, Funk u. a. in 16 Bänden „Allgemeine Revision des gesamten Schul- und Erziehungswesen von einer Gesellschaft praktischer Erzieher“ heraus. In diesem Werke werden die wichtigsten Fragen der Erziehung im Sinne der von Rousseau und den Philanthropen angebahnten Reform behandelt. Die Arbeiten dieses Sammelwerkes enthalten namentlich in Bezug auf leibliche Erziehung und Elementarunterricht manches Brauchbare; teilweise waren sie aber auch nur Übersetzungen von Lockes Gedanken über Erziehung und von Rousseaus Emil (Univ.-Bibl. Nr. 901-908), mit zahlreichen Glossen der Herausgeber versehen. Getadelt wird an „diesem bedeutendstem Denkmal des philanthropischen Zeitalters“ die bisweilen zu sehr hervortretende einseitige Richtung auf das materiell Nützliche, insonderheit in den Originalarbeiten, die von Campe selbst herrühren, von dem es heißt, daß er das Verdienst dessen, der bei uns den Kartoffelbau einheimisch gemacht, oder das Spinnrad erfunden hatte, höher anschlug als das Verdienst des Dichters einer Ilias und Odyssee.
[5] Der große Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) hielt in Königsberg auch Vorlesungen über Pädagogik, hat aber kein eigentliches System der Pädagogik hinterlassen (s. Kant: Über Pädagogik, herausgegeben von Th. Vogt, Verlag von Beyer & Söhne, Langensalza). Salzmann denkt an das von Kant aufgestellte Prinzip der Moralität: „Thue die Pflicht um der Pflicht willen!“ Dieses ist Kant das höchste sittliche Ziel, und zu dieser sittlichen Freiheit soll der Mensch erzogen werden.
[6] Dieser Satz klingt etwas paradox, ist aber, wie Salzmann nachweist, für den Erzieher ernst und wichtig. Da Salzmann in Bezug auf sein anthropologisches Prinzip auf dem Boden des Naturalismus stand, so suchte er auch nie den Urgrund aller Fehler und Untugenden in der angeborenen Verderbtheit der menschlichen Natur, im Menschen selbst, sondern stets außerhalb desselben. Auch in Salzmanns anderen Schriften kehrt dieser Gedanke wieder. In der Vorrede zum „Krebsbüchlein“ heißt es: „Der Grund von allen Fehlern, Untugenden und Lastern der Kinder ist mehrenteils bei dem Vater oder der Mutter, oder bei beiden zugleich zu suchen. Es klingt dies hart, und ist doch wahr.“ Und am Schlusse der Vorrede: „Eltern und Erzieher! Wenn eure Kinder Untugenden und Fehler an sich haben: so sucht den Grund davon nicht in ihnen, sondern — in euch.“ Im 19. Kapitel von „Konrad Kiefer“ sagt Salzmann: „So lernen diejenigen Eltern auch immer besser ihre Kinder erziehen, die fein bescheiden gute Lehren annehmen und den Grund von den Fehlern, die die Kinder angenommen haben, erst in sich suchen.“ Schon Rousseau stellte in seinem „Emil“ den ähnlich klingenden Satz auf: „An allen Lügen der Kinder ist der Erzieher schuld.“ So versucht man auch jetzt vielfach die Schule für die angebliche Zunahme der Verrohung und Verwilderung der Bevölkerung, für die Zunahme der Verbrechen, verantwortlich zu machen. Trifft der Schule hierin ein Vorwurf, so kann das Maß desselben nur gering sein. Außer ihr kommen noch viele andere Erziehungsfaktoren in Betracht, auf die die Schule wenig oder gar keinen Einfluß hat.
[7] Daß die Pflege des früh im Kinde wach werdenden Thätigkeitstriebes nicht erst der Schule anheimfallen muß, sondern daß sie schon im Elternhause bezw. durch den Kindergarten stattzufinden hat, habe ich in meiner Schrift: „Einfluß des Fröbelschen Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht“ näher dargelegt. Daß die Schule die Selbstthätigkeit der Kinder ebenfalls fördern soll, ist selbstredend. Niemals soll der Lehrer dem Schüler jene Arbeit abnehmen, die dieser selbst zu leisten vermag. Was dessen Geisteskräften nur erreichbar ist, das gebe man ihm nicht fertig, nein, darnach gestatte man ihm nur seinen Geist auszurecken. Kehr sagt: „Selbstsuchen, selbstsehen, selbstfinden, selbstthätig sein, hält den Schüler geistig wach.“ Auch Salzmann legt großen Wert auf möglichst selbständiges Arbeiten der Kinder. In seiner Schrift: „Noch etwas über die Erziehung“ heißt es: „Es ist noch sehr wenig Anleitung zum eigenen Beobachten, eigener Erforschung, eigener Erwerbung der Kenntnisse, sondern der Lehrer arbeitet den Kindern vor, unterrichtet sie von dem, was er durch seine mühsamen Arbeiten herausgebracht hat, und das Kind verhält sich mehrenteils leidend.“
[8] kindische = kindliche. Im vorigen Jahrhundert hatte die Endung „isch“ noch nicht den Begriff des Lächerlichen; diesen hat sie erst in diesem Jahrhundert erhalten.
[9] Charakter ist — wie Lindner sagt — die bleibende Art und Weise, zu handeln und zu wollen; sein Kennzeichen ist innere Übereinstimmung und Konsequenz. Fassen wir den Begriff Charakter noch schärfer, so ist er die vollständige Konsequenz des sämtlichen Wollens und Handelns durch Unterordnung desselben unter praktische Grundsätze und dieser wieder unter einen obersten praktischen Grundsatz. Das letzte Ziel aller Erziehung ist nach Herbart die Heranbildung des sittlichen Charakters oder, wie er es nennt, Charakterstärke der Sittlichkeit. Sittlichkeit und Charakter stehen im engen Verhältnis zum Wollen. Ohne Wollen keine Sittlichkeit, kein Charakter, da wir mit Charakter die Konsequenz des Denkens und Handelns, angeregt von bewußten Beweggründen und geleitet von bewußten festen Grundsätzen, bezeichnen. Von einem Charakter ist deshalb beim Kinde nicht gut zu sprechen; es läßt sich vielmehr durch die Eingebung des Augenblicks und der Umgebung, durch Beispiel und Überredung bestimmen. Es soll erst zum Charakter erzogen werden. Zur Entwickelung eines guten und großen Charakters ist a) eine günstige Naturanlage, b) die Vielseitigkeit und Einheitlichkeit des Unterrichts, welcher kenntnisreich macht und gleiche Gedanken mit möglichst vielen verschiedenen Vorstellungen verknüpft, sie aber alle einer Einheit, der Sittlichkeit, unterordnet, nötig; ferner ist c) namentlich die richtige Gewöhnung notwendig. Die letztere ist für die Entwickelung des sittlichen Charakters sehr wichtig, da sie die Individualität veredelt, die Geisteskräfte, besonders das verständige und vernünftige Denken stählt, das Gedächtnis des Willens bildet und so die Schnelligkeit und Konsequenz des Entschlusses und Handelns fördert, und viele Tugenden zur Gewohnheit macht. Was Salzmann hier unter Charakter meint, nennen wir jetzt nach heutigem psychologischen Sprachgebrauch Individualität, d. i. die Summe der allgemeinen und besonderen Merkmale oder die Eigentümlichkeiten eines Menschen. Die Individualität wird bestimmt: a) durch die körperliche Beschaffenheit nach Alter und Geschlecht, Gesundheit oder Kränklichkeit, Naturell u. s. w., b) durch das Temperament, c) durch die besondere Richtung der natürlichen Anlagen, d) durch die Erziehung. Comenius unterscheidet in seiner Didactica magna sechs Haupttypen von Schülerindividualitäten: a) die Scharfsinnigen, Lernbegierigen, Bildsamen, b) diejenigen, die zwar scharfsinnig sind, aber langsam und hierbei gefügig, c) die Scharfsinnigen und Lernbegierigen, aber dabei Trotzigen und Verstockten, d) die Willfährigen und zugleich Lernbegierigen, aber Langsamen und Schwerfälligen, e) jene, die schwachsinnig und überdies nachlässig und träge sind, f) die Schwachköpfe, die überdies noch von verkehrter und bösartiger Beschaffenheit sind. — Es ist eine Hauptaufgabe der Erziehung, die Individualität des Zöglings soviel als möglich unversehrt zu erhalten. Es ist deshalb Pflicht des Erziehers, die Individualitäten seiner Schüler zu erkennen und diese bei seiner Erziehung und seinem Unterrichte zu berücksichtigen. Doch darf er der Individualität nicht einen allzu freien Spielraum einräumen, da sonst leicht Sonderlinge, Hartköpfe und Egoisten erzogen werden. Deshalb ist in Hinsicht auf die Beachtung der Individualität der richtige allgemeine Grundsatz der: „Der Erzieher erforsche die Individualität seiner Zöglinge und bilde sie so, daß sie sich stets in Übereinstimmung mit der Mehrheit des gebildeten und edleren Teiles der menschlichen Gesellschaft befindet.“ (Petzold.)
[10] „Erkenne dich selbst!“ war der Wahlspruch des Lakedämoniers Chilon, eines der sieben griechischen Weisen. Es war ferner die Inschrift des delphischen Apollotempels. Sokrates stellte dieses Wort jedem Einzelnen seiner Schüler als Lebensaufgabe, damit er gut handeln lerne.
[11] Aristoteles ward 385 v. Chr. zu Stagira in Thrazien geboren; in seinem 17. Jahre ward er Schüler Platos zu Athen, bei dem er 20 Jahre blieb. 343 ward er vom makedonischen Könige Philipp zur Erziehung seines dreizehnjährigen Sohnes Alexander berufen. Als Alexander später seinen Feldzug gegen Persien unternahm, gründete Aristoteles in Athen eine Philosophenschule. Er starb 323 v. Chr. zu Chalcis auf Euböa. Aristoteles ist nicht nur praktisch als Erzieher thätig gewesen, sondern er hat sich auch in seinen Schriften theoretisch vielfach mit der Erziehung beschäftigt, so in seiner „Nikomachischen Ethik“ und in der „Politik“. Eine besondere von ihm verfaßte Schrift über die Erziehung ist verloren gegangen. Aristoteles betrachtet die Erziehung als die schwierigste Aufgabe, die gestellt werden, und auch als die höchste, deren Lösung versucht werden kann. Das Ziel der gesamten menschlichen Thätigkeit ist nach ihm die Glückseligkeit (Eudämonie), die sich auf die Tugend gründet. Im Unterrichte betont er vor allem das Notwendige und zum Leben Nützliche (Utilitätsprinzip), wie später auch die Philanthropen.
[12] Die Aufgabe der Erziehung ist die Entwickelung und Übung aller Kräfte des Kindes, der leiblichen sowohl als auch der seelischen. Damit ist aber noch nicht das Ziel der Erziehung, wie auch das Wesen derselben festgesetzt. Dieses liegt vielmehr darin, daß das Ebenbild des Schöpfers in dem Zöglinge wieder hergestellt werde, oder in der Erreichung nicht nur der irdischen, sondern auch der himmlischen Glückseligkeit.