[13] Die Laufbänke und Laufzäume (Laufbänder) wurden früher und werden auch noch jetzt angewandt, um die Kleinen eher zum Laufen zu bringen. Durch die gutartig vor die Brust gelegten Bänder bei den Laufzäumen und durch die Leisten bei den Laufbänken wird die Brust zum Schaden der Gesundheit eingeengt bezw. gedrückt. Mit Recht eifert deshalb Salzmann in seinem „Ameisenbüchlein“, wie auch im „Konrad Kiefer“ und in „Noch etwas über Erziehung“ gegen solche unnatürliche Mittel. Schon Rousseau sagt im zweiten Buche seines „Emils“: „Man lehre den Kindern nichts, was sie von selbst lernen; so z. B. nicht das Gehen. Gängelbänder als Laufkorb, Fallhut und andere Hilfen taugen nichts.“ Auch Kant zieht gegen die Leitbänder und dergl. zu Felde.
[14] Sinnlichkeit = Sinne. Über die Übung der Sinne s. Anm. 21.
[15] Für die Erreichung des Unterrichts- und Erziehungszieles ist zwar die Gesundheit des Kindes ein wesentlicher Faktor; doch ist es von Salzmann zuviel behauptet, wenn er sagt, daß bei ungesunden Kindern alle Erziehung mißlinge. Wohl erschwert die Kränklichkeit oder die Schwäche eines Kindes die Arbeit des Erziehers, da er ja bei derselben die physische Natur des Zöglings berücksichtigen muß, und von einem schwächlichen Kinde nicht das fordern darf, was er von einem gesunden verlangt. Die physische Schwäche wirkt auch oft nachteilig auf Geist und Gemüt ein, aber von einem gänzlichen Mißlingen der Erziehung bei ungesunden Kindern darf doch nicht die Rede sein. Es erfordert aber die schwächliche Beschaffenheit der physischen Natur des Schülers eine besondere Berücksichtigung seitens des Lehrers und eine gediegene pädagogische Durchbildung desselben.
[16] Wenn Salzmann hier gegen die Ärzte eifert, so hat dieses seinen Grund in dem niederen Standpunkte, den die Arzneikunde im vorigen Jahrhundert einnahm. Seitdem sich aber die Medizin und ihre Hilfswissenschaften zu wirklichen Wissenschaften erhoben, und berühmte Gelehrte der Neuzeit als Virchow, Stromeyer, Koch, Schrötter, Bock, Klencke, Esmarch, Fürst, Freerichs u. a. zu ihren Vertretern zählt, ist es damit anders geworden. Dies schließt aber nicht aus, daß der Lehrer selbst verstehe, die Gesundheit seiner Zöglinge zu fördern, und sie auch in der Gesundheitspflege zu unterweisen. Als einschlägliche Schriften seien genannt: Kirchhoff: „Gesundheitspflege“; Bock: „Bau, Leben und Pflege des menschlichen Körpers“; Correus:„Der Mensch“; Katz: „Fürs Auge“; Reclam: „Gesundheitsschlüssel“, „Gesundheitslehre für Schulen“; Zwick: „Körperpflege und Jugenderziehung“; Reimann: „Die körperliche Erziehung und die Gesundheitspflege in der Schule“; Kohler: „Die Gesundheitslehre in der Volks- und Fortbildungsschule“; Gauster: „Die Gesundheitspflege im allgemeinen und hinsichtlich der Schule im besonderen“; Scholz: „Leitfaden der Gesundheitslehre“; Siegert: „Die Schulkrankheiten“. — Schon Comenius, Montaigne und Rousseau forderten die Schulhygieine; diesen tritt auch Salzmann bei. Jetzt wird sogar von mehreren Seiten gefordert, daß in jeder Schulkommission ein Arzt Sitz und Stimme haben solle. Wohl ist die Mitarbeit des Arztes in der Schule wünschenswert, da die Schule weder die körperliche Gesundheit noch die geistige Frische des Schülers schädigen darf. Den Ärzten aber jeder Zeit freien Zutritt in die Schule zu gestatten, würde viele Störungen des Unterrichts herbeiführen. Dagegen ist zu fordern, daß der Gesundheitslehre der ihr gebührende Platz im Unterrichte eingeräumt werde, und daß die Seminare die angehenden Lehrer in der Schulhygieine unterweisen, diese auch bei den Prüfungen der Lehrer Prüfungsgegenstand sei, damit die Lehrer zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder in der Schule beitragen können. Denn „gerade während der Schulzeit ist die körperliche Kultur sehr wichtig: erstens, weil der jugendliche Körper des Schülers allen Schädlichkeiten der Umgebung mehr offen steht und unter den Folgen übler Angewöhnungen mehr leidet, als der abgehärtete Körper des Erwachsenen, und zweitens, weil der Unterricht durch den Zwang des Stillsitzens in dicht besetzten Schulstuben, sowie durch die andauernde geistige Anstrengung auf die Gesundheit des Kindes leicht ungünstig einwirken kann.“ (Lindner.) Daß die Forderung Salzmanns und der anderen Philanthropen: die Schule habe das leibliche Wohl der Schüler zu berücksichtigen und zu fördern, so wichtig ist, geht daraus hervor, daß der Körper die Wohnung und das Werkzeug der Seele ist. Deshalb spricht auch Rückert:
„Ein gutes Werkzeug braucht zur Arbeit der Arbeiter,
Und gute Waffen auch zum Waffenstreit ein Streiter.
Du Streiter Gottes und Arbeiter, merk's, o Geist,
Daß deines eignen Leibs du nicht unachtsam seist
Das ist dein Arbeitszeug, das ist dein Streitgewaffen,
Das halte wohl im Stand, zu streiten und zu schaffen!
O, wie du dich bethörst, wenn du den Leib zerstörst,
Der dir so angehört, wie du Gott angehörst.
Wie du Gott angehörst, so hört dein Leib dir an,
Und ohne deinen Leib bist du kein Gottesmann.“
[17] Hier tritt Salzmann in Gegensatz zu Pestalozzi, der in seiner Schrift: „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ (Univ.-Bibl. Nr. 991. 992) die Behauptung aufstellt: „Der Mensch ist selbst der erste Vorwurf der Anschauung“ und diesem Satze gemäß den Körper des Kindes und seine Glieder zuerst als Betrachtungsobjekt behandelt wissen will, wozu er im „Buch der Mütter“ Anleitung gab. Die neuere Pädagogik stellt sich dagegen auf den Standpunkt Salzmanns und stimmt den Worten von Türks, der 1808 in Ifferten bei Pestalozzi weilte, bei. Türk sagt: „Ich hatte schon früher die Idee des Buches der Mütter als gut anerkannt, aber die Wahl des Gegenstandes der dort aufgestellten Übungen: des menschlichen Körpers gemißbilligt; ich erachte die Umgebungen des Kindes im Hause und in der Natur für weit mehr dazu geeignet.“
[18] [Mit] Recht tadelt Salzmann das Verfahren, Naturgeschichte zu lehren, ohne die Kinder selbst in die Natur einzuführen. Schon Rousseau sagte: „Eure Philosophen lernen die Naturgeschichte in den Naturalienkabinetten, sie besitzen Flitterkram, wissen Namen und haben durchaus keine Idee von der Natur.“ Auch in seiner Schrift: „Noch etwas über die Erziehung“ zieht Salzmann gegen den naturgeschichtlichen Unterricht, der sich nicht auf Anschauung der Natur selbst stützt, zu Felde. Gewiß ist es jetzt bedeutend besser damit geworden; doch wird der naturgeschichtliche Unterricht noch vielfach in zu wissenschaftlicher Weise erteilt, indem man sich zu sehr an das System hält, während doch die Einführung der Kinder in die Natur selbst die Hauptsache sein sollte. Verbesserungsbestrebungen machen sich in neuester Zeit geltend. Es sei in dieser Hinsicht hingewiesen auf die Schriften von Junge: „Der Dorfteich“; Baade: „Zur Reform des naturgeschichtlichen Unterrichts“; Twiehausen: „Der naturgeschichtliche Unterricht in ausgeführten Lektionen“; Vögler: „Präparationen für den Naturgeschichtsunterricht“; Kießling und Pfalz: „Methodisches Handbuch für den Unterricht in der Naturgeschichte“. Was Salzmann weiter vom naturgeschichtlichen Unterricht sagt, gilt auch namentlich vom ersten Schulunterricht. Seine Lehrbeispiele, die er im Nachfolgenden giebt, beziehen sich besonders auf diesen Unterricht. Hier ist gerade die Anschauung an ihrem Platze. Namentlich findet die Anschauung ihre Pflege in dem sog. Anschauungsunterrichte, dessen Ziel sein soll, das Kind mit der heimatlichen Umgebung, ihrer Natur und Lebewesen bekannt zu machen, weshalb er vielfach auch als „Heimatskunde“ bezeichnet wird. Der angehende Lehrer, dem bekanntlich gerade dieser so wichtige Unterricht obliegt, sei auf folgende Schriften hingewiesen: Wernecke: „Praxis der Elementarklasse“; Strübing: „Sprachstoffe“; Harder: „Anschauungsunterricht“; Jütting-Weber: „Anschauungsunterricht und Heimatskunde“; Wiedemann: „Präparationen“; Wagner: „Entdeckungsreisen in Haus und Hof, in Wald und Feld &c.“; Breiden: „Der Anschauungsunterricht“; Fuhr und Ortmann: „Anschauungsunterricht“; Niedergesäß: „Anschauungsunterricht“; Stieber: „Anschauungsunterricht im Anschlusse an die Pfeifferschen und Winkelmannschen Bilder“; Heinemann: „Handbuch für den Anschauungsunterricht und die Heimatskunde“; Seidel: „Materialien für den Anschauungs- und Sprachunterricht im ersten Schuljahre“; Fischer: „Sprachstoffe zu Leutemanns fünfzehn Tierbildern“; Richter: „Der Anschauungsunterricht“.
[19] Die lateinischen Namen der Pflanzen sind für die Kinder der Volksschule nur toter Ballast. Auch hier gilt das Wort: „Res, non verba.“ Was nützen den Kindern die Namen der Naturdinge, zumal die lateinischen, wenn ihnen die Kenntnis der Naturkörper selbst abgeht? Hauptsache ist die Betrachtung der Natur selbst; dann mag der Name hinzutreten, aber nur der deutsche. Man hüte sich, den Naturgeschichtsunterricht in bloße Nomenklatur aufgehen zu lassen; die Gefahr liegt aber bei dem bloßen Angeben der Namen sehr nahe. Viel ist in dieser Hinsicht auf dem Gebiete des naturgeschichtlichen Unterrichts gesündigt worden, weshalb die Reformbestrebungen, von denen die Arbeiten von Junge, Kießling und Pfalz, Twiehausen, Baade und Vögler zeugen, freudig zu begrüßen sind.
[20] In Bezug auf dieses Erraten der Pflanzen, wie Salzmann es will, sei erinnert an das Versteckspiel, das Wolke mit den Zöglingen beim großen Examen am Dessauer Philanthropin aufführte, von wo es Salzmann entlehnt hat (s. Schummel: Fritzens Reise nach Dessau).
[21] [Unter] Empfindungsvermögen versteht Salzmann, was wir nach dem heutigen psychologischen Sprachgebrauche Sinnesvermögen nennen. Salzmann nennt dieses Empfindungsvermögen, weil die ersten einfachen Eindrücke, die uns durch die Sinne zugehen, Empfindungen genannt werden, aus denen dann die Wahrnehmungen, Anschauungen und Vorstellungen hervorgehen. Die Übung der Sinne des Kindes ist sehr wichtig. Deshalb fordert auch Rousseau: „Erst Übung der Sinne, dann Übung der Geisteskräfte! Sinnenvernunft vor intellektueller Vernunft! Denn die ersten Vermögen, die sich in uns bilden und entwickeln, sind die Sinne. Übt nicht bloß die Kräfte der Kinder, übt alle Sinne, welche die Kräfte regieren, benutzt möglichst jeden Sinn, prüft die Eindrücke des einen Sinnes durch die anderen. Meßt, zählt, wägt, vergleicht!“ Und Comenius sagt: „Anfangs übe man die Sinne, dann das Gedächtnis, hierauf den Verstand, zuletzt das Urteil. Denn die Wissenschaft beginnt mit der sinnlichen Wahrnehmung.“ Und Salzmann schreibt in seiner Schrift: „Über die Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal“: „Da wir alle unsere Kenntnisse durch die Sinne bekommen, die den Stoff liefern, aus dem die Vernunft ihre Begriffe abzieht, so ist es wohl sehr nötig, daß zuerst die Sinne geübt werden,“ und in seinem „Himmel auf Erden“: „Das richtige Empfinden wird am besten in der ersten Jugend gelernt, wenn die mit der Welt noch unbekannte Seele auf die Dinge, die um sie sind, aufmerksam gemacht und angeleitet wird, sie selbst zu beobachten und darüber selbst zu urteilen.“ Wie vorteilhaft es für den Schulunterricht ist, wenn die Sinne der Kinder bereits im vorschulpflichtigen Alter durch den Kindergarten geübt und geschärft worden sind, habe ich in meiner Schrift: „Der Einfluß des Fröbelschen Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht“ nachgewiesen. (Verlag von Siegismund & Volkening, Leipzig.) Daß die Übung der Sinne auch auf den oberen Schulstufen zu pflegen ist, ist selbstredend.