[22] Mit Eifer tritt Salzmann gegen das bloße Wortlernen auf und betont, wie es nachher auch von Pestalozzi geschah, die Anschauung, besonders auf den unteren Stufen. Auch Basedow verlangt in seinem „Methodenbuche“: „keine Worte und Sätze zu lehren, mit denen die Kinder noch falsche Begriffe verbinden.“ Locke sagt: „Nicht durch Worte, sondern durch Dinge und Abbildungen der Dinge erhalten die Kinder die ersten Vorstellungen.“ Bei Comenius heißt es: „Alles muß der sinnlichen Anschauung unterstellt werden.“ Gegen Salzmanns Forderung, daß man bei dem Sprachunterrichte z. B. anfänglich lauter solche Bücher gebrauchen müsse, bei deren Lesung nur Vorstellungen in den jungen Seelen erzeugt werden, die sie entweder selbst durch die Anschauung bekommen haben, oder die doch mit denselben in Verwandtschaft stehen, verstoßen z. B. die meisten unserer Fibeln. So bringt z. B. eine viel gebrauchte Fibel in ihren Übungsgruppen Wörter, deren Inhalt den Kindern ganz fern liegt. Ich nenne nur: Domino, Delta, Indien, Tiber, Xerxes, Xantippe, None u. a.
[23] Auch der fremdsprachliche Unterricht muß, wie Salzmann mit Recht bemerkt, die Anschauung zur Grundlage haben. Wie viele Vokabeln, Sätze u. s. w. müssen die Kinder aber lernen, deren Inhalt ihnen ganz fremd ist. Auch die heterogensten Übungssätze werden ihnen vorgeführt. In der französischen Sprache hat man nun schon angefangen, dieselbe auf Grundlage der Anschauung zu lehren. So Lehmann in seinem „Lehr- und Lesebuche der französischen Sprache nach der Anschauungsmethode“, Ducotterd und Mardner: „Lehrgang der französischen Sprache auf Grund der Anschauung“. In seiner Schrift: „Noch etwas über die Erziehung“ giebt Salzmann seine Lehrweise der fremden Sprachen an: „Erst wird über die verschiedenen Produkte der Natur, die zusammengebracht werden, lateinisch (französisch) gesprochen, das Gespräch diktiert und niedergeschrieben, dann werden zweckmäßig gewählte Schriftsteller gelesen und dabei die grammatikalischen Regeln gegeben, endlich lateinische (französische) Aufsätze gemacht.“ Salzmann will also die sog. direkte Methode angewandt wissen.
[24] Schon Rousseau tritt in seinem „Emil“ gegen das zu frühe Bücherlesen der Kinder ein. Emil soll vor seinem 12. Jahre kein Buch in die Hand bekommen. Wenn Salzmann auch mit Recht nicht so weit geht, so sind seine Worte, mit denen er im „Ameisenbüchlein“ und im „Konrad Kiefer“ gegen den zu frühzeitigen Beginn des Lesenlernens eifert, wohl beherzenswert. Er sagt mehrmals: „Kinder müssen erst gewöhnt werden, aus der Natur sich zu unterrichten, bevor man ihnen Bücher in die Hände giebt.“ Das Kind muß erst den Übergang finden aus dem lustigen Spielleben der Kinderstube zu der ernsten Arbeit der Schule. Mit Recht fordern deshalb namhafte Pädagogen, als Türk, Denzel, Graßmann, Graser, Lüben, Dr. K. Schmidt, Kehr u. a., daß dem Lesenlernen ein Vorkursus vorangehen müsse; ja einige von ihnen wollen erst das Lesenlernen ins zweite Schuljahr verlegt wissen. Auch die „acht Schuljahre“ von Rein, Pickel und Scheller wissen von einem Leseunterrichte im ersten Schuljahre nichts. Was soll man aber sagen, wenn Kleinkinderschulen und Kindergärten den Kindern die Fibel in die Hand geben, und wenn Therese Focking die Lehrerwelt sogar mit einer „Fröbelfibel“ beehrt hat?! Vgl. meine Schrift: „Der Einfluß des Fröbelschen Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht.“
[25] Pestalozzi widmete dem Vorsagen und Nachsprechenlassen langer und verwinkelter Sätze, deren Inhalt den Kindern oft ganz unverständlich war, viel Zeit und Kraft (vgl. „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“, Univ.-Bibl. Nr. 991. 992). Er wollte die Kinder dadurch im Sprechen üben und ihre Sprachkraft stärken. Salzmann anerkennt auch den Wert des Nach- und des Chorsprechens, will aber nur einen beschränkteren Gebrauch davon zu machen wissen. Die heutige Pädagogik steht auf Salzmanns Seite. Auch sie betreibt das Chorsprechen, aber nur von dem, was den Kindern verständlich ist. Wiedemann führt in seinem „Lehrer der Kleinen“ als Gründe für das Chorsprechen an: 1) das Chorsprechen löst vor allen Dingen die Zunge; 2) es kultiviert die Aussprache; 3) es giebt auch den Schüchternen Mut; 4) es hält bei der Stange; 5) es schützt die Kinder vor langer Weile, belebt den Unterricht. Siehe auch: Haushalter: „Das Sprechen im Chor“.
[26] Zur Verbesserung des ersten Leseunterrichts schrieb Salzmann „Konrad Kiefers ABC- und Lesebüchlein“. Es erschien 1806.
[27] In seiner Schrift: „Über die Erziehungsanstalt in Schnepfenthal“ läßt sich Salzmann eingehend über die Ausbildung der Handfertigkeit aus. So sagt er: „Zur Erziehung des Menschen ist unumgänglich nötig: Übung seiner Hände und Gewöhnung, von den Werkzeugen, die der menschliche Verstand erfand, Gebrauch zu machen.“ In Schnepfenthal fand der Handfertigkeitsunterricht eingehende Pflege. Die Zöglinge wurden unterwiesen in Papparbeiten, Schreinerarbeit, Drechseln, Korbflechten. Besonders widmete sich der Lehrer Blasche diesem Unterrichte. Die Handfertigkeitsunterrichtsfrage ist zur Zeit eine brennende, noch unentschiedene. In zahlreichen Schriften wird für und gegen den Handfertigkeitsunterricht gestritten. Nach unserer Ansicht ist Salzmann in vollem Rechte, wenn er die Betreibung von Handarbeiten zur Kräftigung des Körpers fordert. Für eine Eingliederung derselben, zumal wenn der Handfertigkeitsunterricht nur praktisch-formalen Nutzen gewährt und mit der Schularbeit in gar keiner Verbindung steht, können wir uns nicht begeistern. Stellt er sich aber in den Dienst des theoretischen Unterrichts, wie es z. B. die Schrift vom Seminarlehrer Magnus: „Der praktische Lehrer“ für die Seminare thut, so ist die Sache eine andere. Wenn der Handfertigkeitsunterricht dagegen in selbständigen Kursen, wie in den Knabenhorten, erteilt wird, so haben wir nichts dagegen zu erinnern. Wer sich eingehender über diese heutige Tagesfrage unterrichten will, der sei verwiesen auf die Schriften: von Schenckendorff: „Der praktische Unterricht, eine Forderung der Zeit an die Schule, sein erziehlicher, volkswirtschaftlicher und sozialer Wert“; Eckardt: „Die Arbeit als Erziehungsmittel“; Hanschmann: „Die Handarbeit in der Knabenschule“; Salomon: „Arbeitsschule und Volksschule“; Gelbe: „Der Handfertigkeitsunterricht“; Rauscher: „Der Handfertigkeitsunterricht, seine Theorie und Praxis“; Barth und Niederley: „Des deutschen Knaben Handwerksbuch“; Elm: „Der Handfertigkeitsunterricht in Theorie und Praxis“; Michelsen: „Die Lehr- und Arbeitsschule zu Alfeld“; Karl Friedrich (Professor Biedermann): „Die Erziehung zur Arbeit, eine Forderung des Lebens an die Schule“; Rißmann: „Geschichte des Arbeitsunterrichtes in Deutschland“; Johs Meyer: „Die geschichtliche Entwickelung des Handfertigkeitsunterrichts“; von Schenckendorff: „Über Bedeutung und Ziel des Handfertigkeitsunterrichts“; Johs Meyer: „Der Handfertigkeitsunterricht und die Schule“; Seidel: „Der Arbeitsunterricht, eine pädagogische und soziale Notwendigkeit“; Bütow: „Die Volksschule und der Handfertigkeitsunterricht“; Kreyenberg: „Handfertigkeit und Schule“.
[28] In Bezug auf sein anthropologisches Prinzip stand Salzmann wie die anderen Philanthropen auf dem Boden des Rationalismus. Sie huldigten dem Grundsatze der Naturalisten: Der Mensch ist von Natur durchaus gut. (Pelagianismus.) So sagt Rousseau am Anfange des „Emil“: „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Urhebers aller Dinge hervorgeht; alles entartet unter den Händen des Menschen.“ An einer anderen Stelle heißt in derselben Schrift: „Stellen wir als unantastbaren Grundsatz fest, daß die ersten Regungen der Natur immer gut sind; es giebt keine ursprüngliche Verderbtheit in dem menschlichen Herzen.“ Auch Salzmann läßt in seinem „Konrad Kiefer“ den Pfarrer sprechen: „Lieber Herr Kiefer, es giebt eine Erbsünde, eine Regung zum Bösen und eine Abneigung vom Guten, die die Kinder von ihren Eltern bekommen; sie wird ihnen aber nicht sowohl angeboren, als anerzogen.“ Dagegen behaupten die strengen Supranaturalisten, daß die menschliche Natur zum Guten aus eigener Kraft absolut unfähig ist. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, so auch hier, in der Mitte. In der Natur des Menschen kann kein Absolut-Böses, wohl aber die Anlage zum Relativ-Bösen sein. Die gemäßigteren Supranaturalisten beschränken ihre Ansicht auch dahin, daß dem Menschen eine Neigung zum Bösen angeboren sei, die sich in der frühesten Jugend mit Übergewicht äußere.
[29] Wohl enthalten die nachfolgende Worte Salzmanns über die sittliche Erziehung manches Beherzigenswerte, wollen aber mit Vorsicht aufgenommen sein. Wenn Salzmann Verbote und Gebote als „moralische Gängelbänder“ verwirft, so folgt dieses aus seinem anthropologischem Prinzipe, das auf den Naturalismus beruht. Das Kind muß den Anordnungen des Erziehers nicht folgen, weil es von deren Vernünftigkeit überzeugt ist, sondern aus Gehorsam, der in der Autorität und in der Liebe zum Lehrer beruht. Das erste Haupterfordernis der Zucht ist der Gehorsam. So fordert auch Jean Paul, daß alle Erziehung beim Gehorsam anfangen müsse. Erst auf die Stufe der Zucht folgt die Stufe der Freiheit des Willens. Doch ist die keimende Selbständigkeit des Kindes zu beachten.
[30] Die Schrift: „Erster Unterricht in der Sittenlehre für Kinder von 8-10 Jahren“ erschien 1803.
[31] Siehe Salzmanns Anmerkung S. 52. Locke und Rousseau hatten das Baden im Freien zur Abhärtung des Körpers sehr empfohlen. Ihnen folgten die Philanthropen, indem sie dasselbe praktisch ausführten. So hatte auch Salzmann das Baden in den zu seinem Besitztume gehörigen Teichen eingeführt. Man hielt diese Neuerung vielfach als für die Gesundheit nachteilig, namentlich gab man an, daß das Baden im „kalten“ Wasser die Nerven aufrege. Hierauf beziehen sich Salzmanns Worte. In neuester Zeit beginnt man Schulbäder in den Schulanstalten einzurichten wie z. B. in Göttingen, Hannover, Frankfurt am Main.