Die Worte: „Führt mich auf rechter Straß’, und liebt mich ohne Maaß’“ — giengen mir tief in’s Herz, und mein Glaube mußte fest stehen, um bei den nachherigen Erfahrungen sie nicht aus dem Gesicht zu verlieren. Laß mich schnell darüber weggehen. Nach einem Jahre starb mein Gatte in meinen Armen. Seine Schwester folgte ihm bald nach in’s Grab. Das Gut fiel dem Staate heim, weil keine Erben da waren. Ich wurde mit einer kleinen Summe Geldes abgefunden. Mit Empfehlungen an die Herzogin versehen, reiste ich nach Württemberg, um einige Verwandte meines sel. Gatten aufzusuchen. Sie waren gestorben. So benützte ich denn meine Empfehlungen, um bei der Herzogin Dienste zu suchen.“

So weit erzählte Guly, die jetzt Maria heißt, und ich sah nun mit Dank gegen Gott, daß mein Weg noch lange nicht der schwerste gewesen sei. Später erzählte sie mir Manches noch ausführlicher, und ich erstaunte über die schweren Prüfungen, welche Gott ihr auferlegt, und über die Geduld und Demuth, welche sie unter denselbigen gelernt hatte. Sie beschämte mich oft, wenn ich unzufrieden oder kleinmüthig war, durch ihre Stille und Gelassenheit, und durch ihr festes Vertrauen auf Gott, und ich kann nicht sagen, wie wohlthätig die Verbindung mit ihr für mein Herz war. Unsere gegenseitige Liebe, die schon in früher Jugend gepflanzt worden, nahm von Tag zu Tag zu, und wir durften den Segen einer durch Christum geheiligten Freundschaft und Gemeinschaft reichlich erfahren. Als unsere gnädigste Frau, die Herzogin Magdalena Sibylla, auf ihren Wittwensitz nach Kirchheim unter Teck zog, waren wir froh, aus dem geräuschvollen und zerstreuenden Leben in der Residenz in die Stille eines Landstädtchens zu kommen. Wir fanden auch dort christliche fromme Menschen, in deren Umgang wir uns erbauen konnten, und brachten unsere Zeit im Segen zu. Mit Genehmigung der Herzogin hielten wir eine kleine Arbeitsschule für Töchter aus der Stadt von vierzehn bis zwanzig Jahren, welche wir im Nähen, Stricken und Sticken unterrichteten, und denen wir zugleich durch christliche Gespräche nützlich zu werden suchten. Jedes Mal wurde ein Kapitel aus der Bibel gelesen und während der Arbeit darüber gesprochen. Dazwischen wurden schöne christliche Lieder gesungen, und zuweilen benützten wir, um das Nachdenken unserer Zöglinge anzuregen, und sie zu einer genauen Bekanntschaft und einem fleißigen Umgang mit der Bibel zu veranlassen, ein altes Buch, in welchem mancherlei biblische Räthsel standen, die wir von ihnen auflösen ließen. Hier sind einige davon:

In welchem Jahre war die Erde unfruchtbar, und entstand doch keine Theurung?

Wer hat einen Fingerring getrunken?

Was ist das für eine Frau, welche in der Schrift in Verbindung mit den Zahlen 3, 10 und 12 vorkommt?

Wer ist das, der etwas fand, das er nicht suchte, der zu arm war, es zu kaufen, und doch noch etwas dazu kaufte?

Was ist das für ein Haus? — es steht nicht auf dem Fels und nicht auf dem Sand; es hat keine Mauern und keine Fenster; es wohnen mehr Familien darin als Menschen; im Januar steht’s im Thal und im Dezember auf dem Berg.

Welches ist das größte Gefäß, das in der Bibel vorkommt?

Was war das für ein Mann, der auf dem Gebirge geboren wurde, am Wasser lebte und in einer Vestung starb? Er war kleiner als die Kleinen und größer als die Großen.

Wie hieß der Mann, der am Morgen den Schwachen fürchtete, und bei Nacht den Stärksten überwand?