Wie gerne hätte ich diesem Manne mein Herz geöffnet, wenn die Umstände es erlaubt hätten, und unser Aufenthalt in Wien von längerer Dauer gewesen wäre. Aber nach drei Tagen mußte ich auch diesen Ruhepunkt wieder verlassen, und meine betrübte Reise weiter fortsetzen. O wie schmerzlich war das! Vom Vaterlande immer weiter hinweg, ohne Hoffnung, wieder in dasselbe zurückzukommen, oder jemals Eines von den Meinigen wieder zu sehen; und hinein unter ein Volk, gegen welches ich die größte Abneigung hatte, und von dem ich nichts als Verachtung, Mangel und harten Dienst zu erwarten hatte. Als wir Wien verließen, hörten wir dort schon ein Volkslied auf die Eroberung von Belgrad singen, das also anfieng:
Sechszehnhundert acht und achtzig
Hobn’s Belgrad eing’nomme;
Die Türke, die seyn g’loffe,
Wie der Maxel is komme &c.
Das war auch wieder eine Erinnerung an mein Unglück, die mich schmerzlich verwundete; und so war auch meine Lage in Landshut nicht dazu geeignet, mich dasselbe vergessen zu lassen. Mein Herr war zwar ein gutmüthiger, rechtschaffener Mann; aber seine Frau, aus Böhmen gebürtig, war streng und unbarmherzig, führte einen ungeordneten Lebenswandel, war besonders dem Weintrinken ergeben, und plagte und mißhandelte mich oft über die Maßen. Wie oft seufzte ich nach Erlösung; aber es schien, als ob kein Ohr auf meine Bitten hörte. Nirgends fand ich eine Freundin oder Vertraute, vor welcher ich hätte mein Herz ausleeren können, und Guly — ach! ich habe ganz vergessen, von ihrem Schicksal etwas zu sagen. Wir hatten uns fest an einander geschlossen, um mit einander zu sterben; als aber der Obristlieutenant Burget in unser Haus eindrang und mich gefangen nahm, kam von der andern Seite ein anderer feindlicher Hauptmann, der Guly am Arme ergriff, und trotz ihrem Schreien und Sträuben von mir losriß. Ich habe sie nicht wieder gesehen. So gieng mir’s denn hart und schwer; endlich aber kam doch auch eine Zeit der Erquickung.
Drittes Kapitel.
Der Vogt in Liebenzell.
Es war noch in demselbigen Winter, daß der Krieg am Oberrhein ausbrach, und der Kurfürst von Baiern war der Erste, der gegen Frankreich in’s Feld zog. Da mußte denn auch ich mit meinem Obristlieutenant und seiner Frau, die ich zu bedienen hatte, noch im Winter des Jahrs 1689 weiter nach Schwaben hinein, und namentlich in’s Herzogthum Württemberg, ziehen. So geschah es, daß ich zum ersten Mal das Land zu sehen bekam, in welchem so viel Segen meiner wartete. Unser Weg gieng über Würzburg und Heilbronn nach Pforzheim, und von da in das württembergische Städtchen Liebenzell. Da mußte ich, während meine Herrschaft weiter zog, bleiben, so lange der Feldzug währte, und wurde dem damaligen Vogt oder Amtmann daselbst, Namens Frisch, in die Kost gegeben. Nun war ich auf eine Zeit lang aus meinem Kerker los, und konnte wieder freier athmen. Das Städtchen liegt in einem tiefen, engen Thale des Schwarzwaldes an dem Nagoldflusse, und lehnt sich an einen Hügel, welchen die Trümmer einer alten Ritterburg krönen, malerisch an. Hier ist’s das ganze Jahr ruhig und geräuschlos; die Straße, welche von Calw und Hirschau durch’s Thal herunter führt, ist nicht sehr belebt; auf allen Seiten steigen hohe, steile Berge, die mit Weißtannen und Eichen bewachsen sind, himmelan, und das Städtchen selbst wird nur in den Sommermonaten lebendiger, wo die dort befindlichen warmen Bäder stark besucht werden. Was mir aber mehr werth war, als dieß, das war die Erfahrung, welche ich bald machen durfte, daß ich in eine wahrhaft christliche Familie gekommen sei. In Wien hatte ich die vorübergehende Erscheinung eines wahren Christen gesehen; hier konnte ich das ruhige, liebliche Bild eines ganzen christlichen Hauskreises täglich von allen Seiten beobachten. Da erst fieng ich an, eine bessere Meinung von den Christen und ihrer Religion zu bekommen. Die Predigten, welche ich von dem Stadtpfarrer Mack und dem Helfer Moseder hörte, und die Freundlichkeit und Liebe, welche ich von der lieben Familie des Herrn Vogts erfuhr, machten zum ersten Mal den Gedanken in mir rege, daß ein Christ doch besser sei als ein Türke, und daß ich mich wohl auch noch entschließen könnte, eine Christin zu werden. Vor allen Dingen aber wollte ich das Wort Gottes selbst kennen lernen: denn ich hatte einmal den Spruch in der Kirche gehört: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Dieser Spruch hat mich sehr gefreut; denn wenn man einem Gefangenen sagt, wie er frei werden könne, so lacht ihm das Herz. An die Freiheit, welche Christus meint, dachte ich dabei nicht, denn von dieser verstand ich noch nichts. Aber ich hatte von da an eine mächtige Begierde in mir, das Neue Testament durchzulesen. Zwar hörte ich in der Kirche manchen Abschnitt daraus, auch wurde in unserm Hause bei der Morgen-Andacht jeden Tag ein Kapitel aus der Bibel vom Herrn Vogt selbst vorgelesen; aber das Alles genügte mir nicht, ich wäre gern selbst an der Quelle gewesen, um mit vollen Zügen daraus zu trinken. Allein vor dieser Quelle hieng ein Schloß. Ich konnte nicht lesen. Ich dachte aber, lernen sei keine Schande, und bat die zwölfjährige Tochter des Vogts, mich im Lesen zu unterrichten. Da ich mit großem Ernst und Eifer an dieses Geschäft gieng, so war ich auch in wenig Wochen damit im Reinen, und nun konnte ich meinen Durst befriedigen, und war unbeschreiblich froh, dieses verschlossene Heiligthum nun vor mir eröffnet zu sehen. Freilich kam ich da an Manches, was ich nicht so bald verstand; aber ich hatte Jemand, an den ich mich wenden durfte: das war die Schwester des Herrn Vogts, Frau Doktor Commerell aus Stuttgart, eine sehr liebreiche und äußerst verständige Frau, die während der Sommermonate das Bad in Liebenzell gebrauchte und in unserem Hause wohnte. Diese nahm sich meiner wahrhaft mütterlich an, und gewann durch ihre Freundlichkeit mein ganzes Vertrauen, so daß ich sie über Alles fragen konnte, was mir dunkel war, und nie von ihr abgewiesen wurde. Das war mir viel werth.
Eine besondere Freude hatte ich mit den liebenswürdigen Kindern des Vogts, die alle einen sehr aufgeweckten und lebhaften Verstand zeigten. Wir ergötzten uns oft an ihren kindlichen Einfällen, deren mir immer noch einige erinnerlich sind.