Der fünfjährige Theodor war eines Morgens früh wach geworden, als eben der Vater sich rüstete, eine Reise nach Wildbad zu machen. Es war ein schöner Aprilmorgen; die Sonne war eben aufgegangen und schien hell in’s Zimmer herein. Theodor fragte: „Warum hat denn heute die Sonne so früh ausgeschlafen? Nicht wahr, Vater! sie ist so früh aufgestanden, um dir auf dem Wege nach Wildbad zu leuchten?“

Ein ander Mal auf einem Abendspaziergang, als der Mond abwechselnd hinter den Wolken war, und der Stern Jupiter in seiner Nähe, sagte Theodor: „Sieh’, Vater, der Mond will den Stern fangen.“

Als die Großmutter krank war, fragte er sie: „Warum bist du krank?“ Sie sagte: „Ja, das weiß nur der liebe Gott.“ Er fuhr fort: „Darf man Ihn denn fragen?“ — „Nein,“ antwortete die Großmutter, „man muß mit Allem zufrieden sein, was Gott thut.“ — Theodor fragte weiter: „Darf man denn den lieben Gott fragen, wenn man zu Ihm in den Himmel kommt, warum Er einen hier krank werden läßt?“ — „O!“ war die Antwort, „im Himmel bei Gott ist man dann so froh, daß man dann noch besser weiß, man solle nicht so fragen.“

Einmal fragte er: „Warum blühen die Birnbäume weiß, und die Apfelbäume roth? nicht wahr, weil jene weiße Birnen und diese Aepfel mit rothen Backen tragen?“

Ein ander Mal sagte er: „Man sollte die Männer Nauspersonen heißen, weil so viele auf der Straße vorbeigehen; die Frauen aber Stubenpersonen, weil sie mehr im Zimmer bleiben.“

Die sanft aussehende, aber manchmal etwas eigensinnige Lina fragte die Mutter: „Warum tadelst du mich denn so oft, und fremde Leute loben mich doch immer?“ — Man sieht daraus, wie vorsichtig man mit seinen Aeußerungen auch über kleine Kinder sein muß, wenn sie dabei sind.

Von den Fliegen sagte Lina, sie seien Müßiggänger und Schmarotzer. Ein ander Mal aber, als sie sah, daß die Kindsmagd das Tischtuch in’s Feuer ausschüttelte, sagte sie zu ihr: „Ei, Regina! weißt du nicht, daß Gott für die Sperlinge sorgt, und muß es Ihm nicht mißfallen, wenn du so manche Brosamen zu Grunde gehen lässest, welche ein Frühstück für die Sperlinge hätten geben können?“

Ihren Großvater, der ziemlich übel hörte, fragte sie: „nicht wahr, Großvater, du hörst nicht wohl, weil du so alt bist?“ — „Ja!“ — „Aber du bist doch nicht älter als der liebe Gott, und der hört doch Alles!“

Aehnliche Aeußerungen kamen fast täglich vor, und machten uns manche fröhliche Stunde.

Der Vogt hatte auch zwei Knaben von neun und zehn Jahren, die bei großer Munterkeit sehr viel Gutmüthigkeit zeigten, und wenn die Lebhaftigkeit zuweilen in Wildheit ausartete, doch das Gute hatten, daß sie dem elterlichen Befehl auf der Stelle gehorchten. Wir hatten an einem schönen Nachmittag im Mai einen Spaziergang in das nur eine Stunde entlegene Kloster Hirschau gemacht, um von dem frommen Abt Matthäus Aulber, der seinem Ende nahe war, Abschied zu nehmen. Er wurde weggerafft vor dem Unglück, das drei Jahre später dieses große und schöne Kloster traf, als die Franzosen es durch Brand zerstörten. Wir waren Alle voll von dem Eindruck, welchen das Bild dieses sterbenden, ehrwürdigen Dieners Christi in unsern Herzen zurückließ, und als bei unserem Weggehen die großen Fenster des hochgelegenen Prälaturgebäudes im letzten Strahl der Abendsonne glänzten, so ergriff uns der Gedanke, daß auch drinnen ein helles Licht der Kirche im Verlöschen sei, dessen letzte Strahlen wir aus den Fenstern seiner Augen hatten schimmern sehen. Ernst gestimmt wandelten wir das enge Thal hinunter, dem Fluß entlang. Ein paar böse Knaben begegneten uns, die einem armen alten Mann nachspotteten, weil sein alter brauner Tuchrock mit weißer Leinwand geflickt war. Die beiden Knaben des Vogts waren auch in Versuchung, in das Gelächter einzustimmen; aber ein scharfer Blick vom Vater verwies es ihnen sogleich, und etwas später fragte er sie: „Kinder! warum ist’s nicht recht, über jenen armen Mann zu lachen?“ — „Wir haben ja nicht über den Mann gelacht, sondern nur über seinen Rock,“ antwortete Ernst.