Hinter dem Pandurenfels zieht sich ein Fahrweg durch den Wald, welcher nach Aue führt. Hier sind viele Sandgruben, welches in dem Grün der Gebüsche auf eine besondere Art auffällt; denn diese Sandgruben haben mehrere Eingänge und inwendig niedrige Pfeiler von dergleichen Sandsteinen, daß sie den Leichengrotten der Vorzeit nicht unähnlich sind.

Nun gehe man weiter oben über den Weg und in das dünne Gebüsch; man steigt über Felsenblöcke ein wenig hinab und plötzlich sieht man sich auf der schmalen Spitze eines hohen, schroffen und klippenvollen Felsen, vor welchem sich ein dunkles, tiefes Thal von hohen, dichten Tannen bedeckt, hinab dehnt. Weit hinunter sieht man die abgerollten, mit Moose sparsam bedeckten, Felsenmassen aus feuchten Gestrippen blinken; eine grause, bange Stille herrscht, die nur das monotonische Gemurmel des fernern Waldbachs unterbricht, – kein Vogel singt, kein Käfer summt hier, nur bläuliche Nattern rascheln durch das dürre Laub zwischen den tiefen Ritzen, nur der Fuchs und der Habicht verzehren hier in Ruhe ihren Raub und eine schauerliche Kälte herrscht ewig um dieses Felsengethürm. – Banger Schauer bebt durch die Glieder, starrende Angst hemmt auf Secunden des Blutes Lauf, wenn man sich so plötzlich auf der Spitze dieses Felsen und den schrecklichen Abgrund vor sich sieht; unwillkührlich beugt sich der Fuß zurück und die Hand greift gewaltsam nach den überhangenden Aesten der nahen Tanne. So starrt man hinab in das Thal des Todes und fühlt sich schon bei dem Gedanken; »wenn ich jetzt ausglitte!« – halb todt, sieht sich mit zerschmettertem Haupte unten zwischen den spitzigen Blöcken im Geiste schon liegen, wie das blutige Hirn umher gespritzt an den bemoosten Klippen klebt und eine blutige Bahn den schrecklichen Sturz bezeichnet.

Nun wollen wir zur Seite hinab steigen, aber, ob es hier herab gleich keine besondere Gefahr giebt, so nimm dich dennoch in Acht, da die Steine locker sind und die dürren Tannennadeln[49] den Boden sehr schlüpfrig machen. Unten klimmen wir über die zerstreuten Felsenblöcke und haben nun den hohen, zu beiden Seiten von alten Tannen und Buchen umgebenen, Fels vor uns, an welchem wir mehrere von der Natur gebildete, bequeme Sitze wahrnehmen.

Majestätisch und ernst hebt das schwärzliche Steingethürm an dem steilen Gebirge sich auf und ladet zu ernsten und heiligen Betrachtungen. Ueberhaupt, wenn man den Ossian recht mit Genuß lesen will, muß man ihn auf Wanderungen durch das obere Gebirge lesen. Da sieht man Kolma auf Felsen und Bergen nach ihrem Salgar rufen, und Fingal die Krieger sammeln, und Oskar an Kormalo den an Argon und Ruro begangenen Meuchelmord rächen. O! hier zwischen Bergen und Tannenwäldern, unfern des rauschenden Waldstroms auf einem Felsen sitzend Ossians Gedichte zu lesen, welch ein erhabener Genuß! –

Wenn man sich ganz unten im Grunde des Thales durch Fichtengebüsche gedrängt und über einen kleinen Bach gesetzt hat, kommt man plötzlich in eine kleine, begraßte Fläche, rund herum von waldigen Bergen eingeschlossen, in deren Hintergrunde eine Mühle, die Heßmühle genannt, liegt. Auch hier ist es sehr romantisch und sonderbar nimmt sich das Geräusche der Mühle und des Wassers aus. Von hier durch die minder dichte Waldung des Thales kommt man endlich nach Zschorlau,[50] welches zwischen zwei sanft abhängenden Gebirgen ausgebreitet liegt und unter die vorzüglichen Dörfer des obern Erzgebirges gezählt wird.


2.
Das Gerichtswäldchen und das Hammerholz.

Wenn man an das Schießhaus kommt, sieht man gegen Nord-Ost auf einer sanften, von Feldern eingeschlossenen, Anhöhe ein kleines Wäldchen, welches das Gerichtswäldchen heißt; ehedem war nämlich daneben der Gerichtsplatz und noch 1799. stand eine Radsäule da. Jetzt aber ist alles urbar gemacht, und man sollte überhaupt überall die Brandmale der Menschheit demoliren und alle Gerichtsplätze urbar machen, damit aus dem Boden, der Verbrecher-Blut trank, für die Menschheit wenigstens noch einiger Segen keime. Und soll ja ein Verbrecher hingerichtet werden, so wird sich gewiß noch ein Plätzchen finden. Aber daß man besondere, eingerichtete Plätze und schön gemauerte Galgen noch hat und darauf hält, dieß läßt schließen, daß man von den Menschen, also von sich selbst, Alles fürchtet und nichts hofft. So bauen sich die Menschen ihre eigenen Schandmäler! –

Doch von dieser kleinen Ausschweifung kommen wir wieder zurück und auf den Weg, welchen wir nach dem Gerichtswäldchen hin betreten haben, nämlich die Lindenallee vom Schießhause an. Es ist Schade, daß diese Allee so ungleich und bisweilen holpricht ist, daß sie nicht besser conservirt wird; sonst hat sie manches Angenehme. Zu Anfange hat man rechts die Hopfenplantagen, um welche sich der verstorbene Kaufmann Etler so verdient gemacht hat und wodurch dem Brauwesen in Schneeberg kein geringer Vortheil erwachsen ist. Weiter unten geht es sich, an einem schön gezogenen Fichtenzaune vorbei, äußerst angenehm durch den duftenden Hopfengarten. Ueberhaupt ist die Partie um das Schießhaus nicht übel und könnte bei einer gewählteren Anpflanzung der Lauben und mehrerer verschiedenartiger Bäume recht schön genannt werden.

Jetzt sind wir da, wo sich die Allee verliert und, links nach dem Keilberge zu, ein Fahrweg sich abbeugt, welcher über Langenbach nach Wildenfels hinführt. Wir aber gehen immer den geraden Weg fort, bis wir auf der Höhe sind und eine, hinten von Waldung eingeschlossene, mit Wiesen und Gebüschen zum Theil geschmückte, seichte Thalfläche vor uns haben. Rechts nicht weit von der Straße erhebt sich ein kleiner, aber zum Sitzen und Umsehen bequemer, Fels; auf diesen zu gehen wir, ersteigen ihn und blicken uns um und haben eine neue Ansicht der Gegend; obgleich zwar die Aussicht nicht weit ist, so ist sie doch immer schön genug und abwechselnd.